Miteinander, nicht gegeneinander
Diversität ist ein großes und vielschichtiges Thema – wie nähern sich Kirchen diesem? Das erzählt Kirchenrätin Irene Diller im Interview. Die Theologin und Diversity Managerin arbeitet in der Stabsstelle Vielfalt und Gender der Evangelischen Kirche im Rheinland.
© Foto: ekir | Irene Diller
Die Diversity Konferenz im Rheinland findet bereits seit mehreren Jahren statt. Welche Themen stehen dort auf dem Programm?
Am 21. März 2026 kamen das vierte Mal Engagierte zur Diversity-Konferenz zusammen. Dieses Jahr war das Schwerpunktthema Ableismus mit einem Impuls von Rainer Schmidt. Letztes Jahr ging es um Klassismus mit Sarah Vecera und Thea Hummel und davor um Intersektionalität und Rassismus, einmal mit Dr. Alena Höfer und einmal mit Prof. Dr. Lorenz Narku Laing.
Welche Rolle spielt ein intersektionaler Zugang zu Diversität in Ihren Konferenzen?
Bisher wurde in allen Hauptvorträgen deutlich: Themen von Zugang und Diskriminierung betreffen nie nur ein Merkmal der Menschen. Die Erfahrungen und strukturellen Chancen einer Person sind intersektional geprägt: Geschlecht, Alter, Aussehen, Herkunft etc. entscheiden in ihrem Zusammenspiel darüber, ob jemand Chancen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt hat, aber auch darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass die Person in einem kirchlichen Leitungsgremium sitzt.
Bei der Diversity-Konferenz bilden wir auch in der Tagesstruktur ab, dass wir Diversität immer multisektional und intersektional denken: Vormittags tritt ein Diversitätsthema in den Vordergrund, am Nachmittag gibt es eine Vielzahl von Workshops aus unseren verschiedenen Schwerpunktthemen, z. B. zu Antirassismus oder Interkulturalität, Queer-feministischen Themen, Themen von Inklusion oder Jugendpartizipation.
Nehmen Sie Veränderungen in Ihrer Kirche und Ihren Netzwerken wahr?
Wie in der Gesellschaft gibt es auch in der Kirche einerseits Entwicklungen zu mehr Gleichberechtigung und Teilhabe und zugleich führt z. B. der Spardruck dazu, dass es in manchen Bereichen Rückschritte gibt. Z. B. nimmt beim Thema Gottesbild und liturgische Sprache eine patriarchale Ausrichtung wieder mehr zu. Insgesamt wächst aber die Awareness für Diskriminierung und der Wille, diese zu überwinden. Bei Genderthemen sind wir in unserer Landeskirche da weit, 2025 hat die Evangelische Kirche im Rheinland auch Beschlüsse zum Thema Queerness gefasst, beim Thema Rassismus stehen wir eher am Anfang.
Ihr diesjähriges Thema war Ableismus, wie steht es um dieses Thema 2026?
Kirche sieht sich gerne in der Rolle der Helfenden. Wie viel Ausgrenzung noch geschieht, merken wir aber erst, wenn Menschen mit Behinderung uns auf die physischen oder akademischen Hürden hinweisen, die eine Mitwirkung an der Gestaltung von Kirche verhindern. Wir hatten eine spannende Diskussion dazu, wer eigentlich dafür zuständig ist, den Abbau dieser Hürden einzufordern: die sogenannten Betroffenen, die Verantwortlichen oder Aktivist*innen und Allies, die auf Diskriminierungen aufmerksam machen. Eine einfache Antwort gibt es natürlich nicht, aber es zeigt sich, dass nicht alle die Kraft haben, selber für ihre Rechte laut zu werden. Eine selbstkritische Inventur der bestehenden (Macht)-Verhältnisse steht der Kirche gut zu Gesicht.
Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die sich für Diversität in Kirche und Mission engagieren?
Mein Glaubenssatz ist: Miteinander, nicht gegeneinander. Immer wieder versuchen gerade rechte Kräfte, marginalisierte Gruppen gegeneinander auszuspielen: Frauenrechte gegen queere Rechte, Rassismuskritik gegen Klassismus-Themen. Nach vorne kommen wir nur, wenn wir gemeinsam gegen Diskriminierung kämpfen.
Und meine Erfahrung in den Kirchenstrukturen zeigt: Diversity-Management ist kein eigener, zusätzlicher Prozess in einem sowie schon überlasteten System. Sondern Diversity-Mainstreaming verbessert alle laufenden Prozesse, hilft zu klären, welche Ziele verfolgt werden und welche Auswirkungen Maßnahmen auf bestimmte Gruppen haben. So kommt Diverity nicht „on top“, sondern als Querschnitt in die Arbeit.
Das Interview führte Christiane Ehrengruber.