Bildung: Grundlage für Veränderung

Desmond Tutu gehörte zu denen, die in kirchlichen Ausbildungsstätten ausgebildet wurden. Als Priester und später als Bischof sorgte er für die Fortsetzung bewährter Bildungskonzepte, um schwarze Männer und Frauen auch akademisch zu fördern, berichtet die ehemalige Chefredakteurin und Journalistin Renate Wilke-Launer.

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Der Widerstand gegen Apartheid war über Jahrzehnte ein Kampf um Bildung. Nach dem Willen der Regierung sollten die Schwarzen einfache (aber durchaus harte) Arbeiten verrichten und nur das dafür Notwendige lernen. Kirchen und Missionen unterliefen diese systematische Diskriminierung mit eigenen Schulen und Colleges. Aus ihnen ging eine intellektuelle Elite hervor, darunter viele Führungspersönlichkeiten der Kirchen und spätere Befreiungskämpfer, Männer wie Frauen. Einer von ihnen war Desmond Tutu. Seine Lehrer und Mentoren erkannten früh seine besonderen intellektuellen Begabungen, sein Einfühlungsvermögen und seine kommunikativen Talente.

Desmond Tutu © Foto: Peter Williams/WCC | Desmond Tutu

Tutu bezeichnet sich gern als street urchin, Straßenkind. Jedenfalls hat er ein gutes Gespür für die Stimmungen und Gemengelagen dort. Seine „Straßenerfahrung“ konnte er später nutzen, um brenzlige Situation zu deeskalieren: mit Autorität des Kirchenmannes, der Kraft der Argumentation und befreiendem Humor. Der half ihm, gezielt eingesetzt, nicht nur Gegner rhetorisch zu entwaffnen, sondern auch Mitstreiter zu gewinnen und zu motivieren.

In seiner Zeit als Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates (SACC, 1978 bis 1985) sprach er nicht nur für die Mitgliedskirchen, er wurde auch zum Sprecher all derer, denen man durch Bann, Versammlungsverbote und Zensur die Stimme entzogen hatte. Dass er auch während der härtesten Konfrontationen für Gewaltlosigkeit warb – dafür wurde er 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Außerhalb Südafrikas, in Ost und West, Nord und Süd, war Desmond Tutu in diesen Jahren zum gewinnenden Botschafter des schwarzen Südafrika geworden.

Auf der Suche nach Wahrheit und Versöhnung

Bei allem Wissen um die Notwendigkeit schwarzer Selbstbehauptung: Desmond Tutu plädierte für ein friedliches Miteinander aller Bevölkerungsgruppen. Familie Tutu hatte in ihren Zeiten in England beobachtet, dass „nicht alle Weißen schlecht“ waren und Freundschaften geschlossen. Diese Haltung trug viel dazu bei, dass verängstigte Weiße sich auf das am Horizont erscheinende „neue Südafrika“ einzulassen bereit waren. Als Nelson Mandela Präsident wurde (1994), war viel von einem „Wunder“ die Rede. Tatsächlich hatten Desmond Tutu (1986 bis 1994 Erzbischof von Kapstadt) und Nelson Mandela alle Hände voll zu tun, eine gewalttätige Eskalation zu verhindern und über die Spielregeln des neuen Miteinanders zu verhandeln.

Eine wichtige Rolle sollte dabei die Wahrheits- und Versöhnungskommission spielen. Denn der Apartheidstaat war zwar moralisch diskreditiert, aber nicht geschlagen. Kontrovers war die Frage nach dem Umgang mit den Tätern: Opferfamilien wollten sie bestraft sehen, während andere, darunter Tutu, hofften, dass Versöhnung, oder wenigstes so etwas wie Koexistenz gelingen könnte.

Die 1995 eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) war der Kompromiss: Gravierende Menschenrechtsverletzungen sollten ans Licht der Öffentlichkeit geholt und ins Bewusstsein aller Südafrikanerinnen und Südafrikaner gerückt werden. Wer von den Tätern ein umfassendes Geständnis ablegte, konnte Amnestie beantragen. Und die Opfer sollten eine Entschädigung bekommen.

Die schnelle Einsetzung der Kommission, die öffentlichen Anhörungen, die auch in Funk und Fernsehen übertragen wurden, und der gewählte „restorative Ansatz“, der Täter, Opfer und die Gemeinschaft einbezieht, machten die Kommission in aller Welt populär, wozu auch der zum Vorsitzenden ernannte Desmond Tutu mit seiner emotionalen Beteiligung und Verhandlungsführung beigetragen hat. Die Opfer und Hinterbliebenen erlebten kathartische Momente, es kam zu aufwühlenden Begegnungen der Versöhnung. Kontrovers blieb Tutus eindringliche, sich selbst verbiegende Bitte an Winnie Mandela, doch ihr Bedauern darüber auszusprechen, dass ihre Bodyguards drei Jugendliche entführt, in ihrem Haus gequält und einen ermordet hatten.

Südafrika habe wieder Maßstäbe gesetzt, dachte man in aller Welt. Doch bald mehrten sich die kritischen Kommentare, auch aus den Reihen der Kommission und vom Vorsitzenden selbst. Denn die Regierung erfüllte ihren Teil der Vereinbarung nicht. Wer nicht vor der Kommission erschienen war oder gelogen bzw. etwas verheimlicht hatte, wurde nicht juristisch verfolgt. Vor allem aber ließen die versprochenen Entschädigungen auf sich warten. Sie waren zudem kleinlich bemessen und wurden längst nicht an alle Berechtigten ausgezahlt. Desmond Tutu hat im Rückblick eingeräumt, dass die Kommission besser selbst eine Summe festgelegt hätte. Außerdem – diese Kritik nimmt angesichts der fortbestehenden wirtschaftlichen Ungleichheit eher noch zu – habe sich die Kommission auf die Dokumentation der Menschenrechtsverletzungen beschränkt und den strukturellen Charakter der Apartheid, die Schlechterstellung in allen Lebensbereichen, erst gar nicht in den Blick genommen. Unfinished business, heißt es rückblickend heute, Aufgabe nicht erledigt, auch von Tutu selbst. „Skandalös“ hat er das genannt.

Mit Zorn gegen Zynimus

Während seiner Tätigkeit als Afrikadirektor des „Theological Education Fund“ des Ökumenischen Rates der Kirchen (1972 bis 1975) war Desmond Tutu weit in Subsahara-Afrika herumgekommen und hatte sich ein eigenes Bild von vielen Ländern machen können, was nur wenigen schwarzen Südafrikanern vergönnt war. Er wusste aus eigener Anschauung, was da im Argen lag und dass aus Befreiern schnell Unterdrücker werden können. „Es schmerzt mich, einzugestehen, dass es im überwiegenden Teil des unabhängigen Afrikas weniger Freiheit gibt als in den übel beleumundeten Tagen des Kolonialismus“.

Während andere Kirchenführer sich unendlich schwer taten, Kritik an der so herbeigesehnten Regierung zu üben, machte Tutu unmissverständlich klar, dass die Kirche auch in Zukunft den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht sagen müsse.

Schon wenige Monate nach Mandelas Freilassung (1990) lieferte er sich ein erstes öffentliches Wortgefecht mit ihm, als er sich gegen Waffenlieferungen an Libyen wandte, dessen Diktator Gaddafi den ANC während des Befreiungskampfes unterstützt hatte. Seither übte Tutu immer wieder und immer schärfer Kritik an der Außenpolitik, etwa der Leisetreterei gegenüber Zimbabwe oder an der Verweigerung von Einreisevisa für den Dalai Lama, seinen persönlichen Freund. „Ich schäme mich, dass ich diesen Haufen Speichellecker meine Regierung nennen muss.“

Gegen die fehlgeleitete Aids-Politik von Mandelas Nachfolger Thabo Mbeki (1999 bis 2008) machte er mit vielen anderen auf den Straßen mobil, seit dem Amtsantritt von Jacob Zuma (2009-2018) war aus Kritik Abkehr geworden. Tutu erklärte öffentlich, nicht ANC wählen zu wollen, warnte, dass das Land für eines Tages für seinen Sturz beten könnte so wie er für den Sturz des Apartheidregimes gebetet habe.

Schon 1995 hatte Desmond Tutu mit einem berühmt gewordenen Zitat von Cheryl Carolus, einer angesehenen ANC-Aktivistin, vor der Ausplünderung des Staates gewarnt: Wer solche Diätenerhöhungen bekomme, „habe den Zug zum Absahnen nur kurz gestoppt, um aufzuspringen“. Inzwischen sind Teile des Staates unter die Räuber gefallen. Kein Tag vergeht, ohne dass Journalistinnen und Journalisten neue Korruptionsskandale aufdecken.

Die Kehrseite von Verschwendung und fehlenden staatlichen Leistungen: Große Teile der schwarzen Bevölkerung müssen sich irgendwie durchschlagen. Beinahe 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid muss immer noch für gute Bildung gekämpft werden. Nur, dass statt der Hoffnungen und Zuversicht, die Desmond Tutu so meisterhaft immer wieder beschworen hatte, Enttäuschung und Zynismus getreten sind.

Und doch: Bei den heute seltenen öffentlichen Auftritten des Erzbischof Emeritus scheint aber immer noch etwas auf von den besonderen Menschen und Möglichkeiten dieses Landes.

Renate Wilke-Launer ist Journalistin.

EMW-Dossier EMW-Dossier Nr. 5/2021

Desmond Tutu

An den Helden mehrerer Generationen von Menschenrechtsaktivist*innen erinnern in diesen Tagen auch Missionswerke und Kirchen: Noch immer steht der Name des ehemaligen Erzbischofs von Kapstadt und Friedensnobelpreisträgers, Desmond Mpilo Tutu, für den friedlichen Kampf gegen Apartheid und für Gerechtigkeit.

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