Can you see me?

„Ohne echte Begegnung funktioniert Partnerschaft nicht“, darüber sind sich viele Ehrenamtliche in ökumenischen Partnerschaftsgruppen und Hauptamtliche in Missions- und Hilfswerken einig. Die Pandemie rüttelt an den Grundfesten weltweiter ökumenischer Partnerschaftsarbeit. In einem persönlichen Essay lotet Martin Frank, Afrikareferent beim Berliner Missionswerk, die Chancen und Untiefen eines fragilen kirchlichen Netzwerks in digitalen Zeiten aus, das von teils jahrzehntelangen persönlichen Beziehungen lebt.

Als die Tonverbindung bei der Videokonferenz hakte, griffen Martin Frank, Afrikareferent beim Berliner Missionswerk, und sein Gegenüber kurzerhand zum Mobiltelefon. © Foto: Martin Frank/BMW | Als die Tonverbindung bei der Videokonferenz hakte, griffen Martin Frank, Afrikareferent beim Berliner Missionswerk, und sein Gegenüber kurzerhand zum Mobiltelefon.

Seit meiner Kindheit fasziniert mich der Roman „Der 35. Mai“ von Erich Kästner. Dort spaziert der Apotheker Ringelhuth mit seinem Neffen Konrad und einem Pferd auf Rollschuhen durch einen Dielenschrank und kommt in der Südsee wieder heraus. Waren wir nicht seit Erscheinen des Romans im Jahre 1931 dieser schnellen und bequemen Form des Reisens immer nähergekommen? Corona hat nun den Schrank auf lange Zeit vernagelt und uns stattdessen einen Computer mit Bildschirm in unsere Homeoffices gestellt. Von dort aus fantasieren wir über die Welt, aber kommen beim Reisen nicht mehr aus der Wohnung hinaus.

Notgedrungen sind wir nun zu Stubenhocker*innen geworden, da nützt es nichts, die rasant wachsende Kommunikation über unsere Bildschirme schönzufärben. Es schmerzt mich, dass wir uns, während diese Pandemie andauert, nicht mehr gegenseitig besuchen können. Ich vermisse das Glücksgefühl, mit meinen Gastgebenden zum Beispiel mitten in einem Dorf in Südtansania zu sitzen und mit den vorbeischlendernden Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, während der Pick-up repariert wird. Ich sehne mich nach der Warmherzigkeit der Partner. Da kommt einer extra mit dem Motorrad in meiner kleinen Absteige irgendwo in Ostafrika vorbei, um mir einen Nescafé mit Kanne und Zuckerdose im Weidenkorb vorbeizubringen.

Mir fehlen die vertrauten Gespräche, während wir etwa in den äthiopischen Bergen unterwegs sind. Und ich brauche umgekehrt die Kommentare der Gäste aus Übersee und ihren unbefangenen Blick, wenn wir hier bei uns in der Bernauer Straße vor den Resten der Berliner Mauer stehen oder auf ihren Wunsch hin vergeblich das Gebäude suchen, in dem die sogenannte Kongokonferenz 1884/85 tagte, die die Aufteilung Afrikas in Kolonien besiegelte. Wie wohltuend irritierend ist so ein Gottesdienst in Wedding, in dem der Gast aus Südafrika den Predigttext nicht psychosozial auslegt, sondern schlicht die Wundertaten Jesu preist.

Kurzum, die partnerschaftlichen Begegnungen, die wir mittlerweile hilflos „face to face“ oder „physisch“ nennen, sind durch nichts zu ersetzen. Unser Partnerschaftsbeauftragter im Berliner Missionswerk, Uwe Zimmermann, der seit 30 Jahren im Geschäft ist, konstatiert lapidar: „Ohne Begegnung funktioniert Partnerschaft nicht.“

Und nun wird geimpft. Aber ein Ende der Pandemie ist noch nicht abzusehen. Die internationalen Handels- und Reisewege sind wahrscheinlich über Jahre hinweg empfindlich gestört, ganz zu schweigen von den unermesslichen ökonomischen Folgen. Die internationale Ökumene hat sich im vergangenen Jahr nach Kräften bemüht, sich auf das Virus einzustellen. Ich habe diese Anpassung in verschiedenen Phasen erlebt.

Eine Katastrophe „endlich einmal“ – weltweit

Vielerorts waren die Folgen der teils strengen und mancherorts völlig unverhältnismäßigen Lockdowns (wie in Südafrika) für die Bevölkerung anfangs weitaus schlimmer als die Pandemie selbst. Viele Partnerkirchen verloren durch die verminderte oder ganz ausfallende Kollekte ihre Haupteinnahmequelle. Die Gehälter für kirchliches Personal in Kirchen und Schulen konnten nicht mehr gezahlt werden. Alle nördlichen Missionswerke reagierten in dieser ersten Zeit auf die Not der Partnerkirchen mit schnell eingerichteten Notfonds, unbürokratischen Hilfen und rückten selber zusammen. So konnten etwa in Äthiopien Masken verteilt werden, Desinfektionsmittelspender wurden an den Kirchentüren installiert, Lautsprecherwagen fuhren durch die Stadt, manchmal wurden auch vorübergehend Gehälter gezahlt. Es war auch stärkend, wie wir die Nothilfe für die 26 Diözesen der Lutherischen Kirche in Tansania (ELCT) gemeinsam koordiniert haben, keine Selbstverständlichkeit in einer Projektelandschaft, in der sich die deutschen Missionswerke selten gegenseitig in die Karten schauen lassen und die Kirchen im Süden ihrerseits oft eifersüchtig ihre bilateralen Beziehungen in den Norden pflegen.

In einer zweiten Phase folgte die Freude, dass digitale Techniken wie Zoom oder Skype ein gewisses Maß an Begegnung zwischen uns ermöglichten. Auch die kirchliche Mittelschicht in Äthiopien oder im Südlichen Afrika saß im Homeoffice. Wir sahen staunend in fremde Büros oder Wohnzimmer und intensivierten unseren Austausch und das Beten füreinander: „Wie geht es Euch in Berlin? Wie kommt Ihr klar?“ Wir erlebten, dass wir auch im Norden verwundbar sind und vielfach ratloser als unsere Geschwister im Süden, ob und wie wir die Pandemie besiegen können.

Zumindest der afrikanische Kontinent scheint bis jetzt die Krise besser gemeistert zu haben: „Afrika ist von der Hauptlast der Pandemie verschont geblieben, was diejenigen enttäuscht, die glauben, dass alle Katastrophen immer entweder in Afrika beginnen oder Afrika definitiv am schlimmsten treffen müssen“, schrieb Fidon Mwombeki, Generalsekretär der Allafrikanischen Kirchenkonferenz (AACC). Die Katastrophe geschah – ich bin versucht zu sagen „endlich einmal“ – weltweit, nicht nur auf den Süden begrenzt, auch wenn wir natürlich je nach Land, Einkommensverhältnissen und Versicherungssystem sehr unterschiedlich betroffen sind.

Schnelle Ernüchterung bei der digitalen Begegnung

Spätestens bei der zweiten Welle der Pandemie im dunklen europäischen Herbst und Winter folgte unter uns schließlich die Phase der Ernüchterung. Finanziell stehen wir nun alle, ob im Süden, Norden oder Osten, unter noch höherem Druck. Die Kirchen im Norden müssen sowieso erhebliche Einsparungen vornehmen, die durch Corona noch verstärkt werden und auch die Missionswerke und Gemeindepartnerschaften schon erreicht haben. Sie betreffen zumindest unsere Entwicklungszusammenarbeit unmittelbar, auch wenn wir in den ersten Monaten der Pandemie eine große Spendenbereitschaft erlebten.

Kann uns die gepriesene digitale Technik, die nun die Begegnung in den Partnerschaften ersetzt, auf Dauer nutzen? Für kleinere Treffen ist die Erfahrung durchaus erfreulich, dass diejenigen unter uns, die aus den Städten kommen oder einen guten Handyvertrag haben, ohne viel Aufwand mit am elektronischen Tisch sitzen. Das ist ein großer Sprung, der uns hilft, die „lange Unterredung“ (wie die beiden Anthropologen Jean und John Comaroff missionarische Begegnungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts nennen), bei allem interessengeleiteten Dialog zu demokratisieren – das bedeutet Partnerschaft. Aber Zoom-Meetings ermöglichen – zumindest bei großen Konferenzen – kein echtes ökumenisches Beisammensein, denn das besteht im Grunde doch vor allem aus den vertrauten Gesprächen zwischendurch.

Ich finde die virtuellen Treffen, bei denen man sich nun seit mehr als einem Jahr aus kleinen Bilderrahmen heraus steif anschaut, zermürbend. Wie seltsam, dem Gesprächspartner dabei zuzuschauen, wenn er am Bildschirm wieder einmal einfriert, weil die Verbindung zusammengebrochen ist. Und die hybride Form – einige sind präsent, andere digital dabei – tötet Kommunikation manchmal sogar ab. Zum Beispiel: Erst als ich einen der im Raum Anwesenden per WhatsApp fragte „Can you see me?“, bekam ich heraus, dass ich beim Jahrestreffen der Kirchenleitung vor allen tansanischen Bischöfen auf einer großen Leinwand zu sehen war. Leider aber war dort im Saal in
Arusha das Kabel so kurz, dass nicht einmal das Rednerpult in meinem Blickwinkel lag. Ich selbst sah keinen der südlichen Gesprächspartner, aber alle sahen mich.

Klischees von Bedürftigkeit in Notzeiten eher verfestigt

Genug geklagt! Es spielt auf Dauer keine Rolle, wie erfolgreich die neuen Medien uns dabei helfen, fehlende Begegnungen in Pandemiezeiten zu kompensieren. Möglicherweise leiden die meisten ökumenischen Partnerschaften unter dem fehlenden direkten Austausch gar nicht so übermäßig, wie ich mir das vorstelle. Ich widerspreche dem Theologen Günter Thomas jedenfalls, der in einem klugen Aufsatz über Corona meinte: „Gegenläufig zu den Träumen der politischen, kulturellen und religiösen Kosmopoliten macht die Krise leider unbarmherzig klar: Solidargemeinschaften sind begrenzte Gemeinschaften.“

Nein, Partnerschaften sind als Solidargemeinschaften nicht unbedingt begrenzt und egoistisch. Die fernen Nächsten sind uns schon lange bekannt, Corona hin oder her. Ich habe viel Kreativität beobachtet, mit der wir als weltweite kirchliche Gemeinschaft in Krisenzeiten wie dieser solidarisch agiert haben. Wir haben ja schließlich eine gemeinsame Geschichte, die oft Jahrhunderte zurückreicht und bis heute versucht, aus der unheiligen Verstrickung der Missionsarbeit mit Kolonialismus und Imperialismus herauszuwachsen. Die bekannten Probleme jeder Partnerschaftsarbeit wie das fortwährende Machtgefälle zwischen uns, die Besserwisserei oder die einseitige Konzentration auf Projektarbeit haben sich durch die Katastrophe nicht aufgelöst, vielleicht im Zuge der Nothilfe sogar verfestigt. Denn die enge Allianz zwischen „Afrika“ und unseren fortwährenden Hilfsprogrammen wird besonders in Notzeiten als alternativlos dargestellt; so bestätigt sich einmal mehr unser altes Klischee vom bedürftigen Kontinent.

Die Humboldt-Universität (HU) in Berlin hatte im Rahmen eines Forschungsprogramms “On Religious Communities and Sustainable Development” (Über religiöse Gemeinschaften und nachhaltige Entwicklung) Mitte 2020 religiöse Leiterinnen und Leiter aus Europa, dem Mittleren Osten und Afrika befragt, wie Corona ihre Gemeinden betroffen hat und wie sie versucht haben, darauf zu reagieren. Über 200 Reaktionen kamen aus 27 Ländern, darunter knapp 60 aus afrikanischen Ländern. Die drängendste Herausforderung durch die Pandemie sahen alle Regionen in wirtschaftlichen Belangen. Die Bedrohung durch Armut wurde allerdings in afrikanischen und nahöstlichen Gemeinschaften als viel gravierender angesehen als in Europa. Die europäischen Befragten ihrerseits stuften psychosoziale Herausforderungen inklusive der Gefahr, den Glauben zu verlieren, höher ein. Bei der Frage „Wie habt ihr auf die Pandemie reagiert?“, waren sich alle religiösen Gemeinschaften in den drei Regionen, wenn auch mit regionalen Abweichungen, einig: „preach, pray, feed, pay“ (predigen, beten, ernähren, zahlen).

Andere Vorurteile haben sich wohltuend verschoben

Corona hat manche Vorurteile in Nord und Süd durcheinandergebracht. Vielleicht hat sich die Wahrnehmung, was Kirche ausmacht, in manchen Partnerschaften durch sie wohltuend verschoben. Aber warum sollte diese Krise bei den Partnern im Süden stärker zu Glaubensverlust führen als all die Pandemien, die Armut in den Townships und die Gewalt in den Häusern, die es schon vor Corona gab? Einsamkeit dagegen war und ist mehr ein großes Problem unserer postindustriellen Gesellschaften im Norden. Sie ist der Grund, warum meine Gesprächspartner*innen mich nicht darum beneiden, in Berlin in einer Stadtgesellschaft zu leben, in der die Mehrheit in Einzimmerappartements wohnt.

Die drängendste Herausforderung aber besteht nach wie vor darin, für uns alle Zukunft zu sichern. Was für uns und unsere Geschwister gemeinsam relevant ist und sich in dringenden Aufgaben niederschlägt, drückt die Berliner Studie in ihrem Resümee sachlich aus: Es sei die „Hoffnung auf wachsende soziale und ökonomische Gerechtigkeit, auf internationale Kooperation und auf die Erneuerung der Schöpfung nach der Pandemie“. An dieser Hoffnung hat sich nichts geändert, sie bestimmt seit Jahrzehnten die ökumenische Bewegung.

Im Redaktionsteam für dieses Jahrbuch waren wir uns einig, die Pandemie als Katalysator zu verstehen. Katalysator bedeutet wörtlich Auflösung, der Duden präzisiert mit „Herbeiführung, Beschleunigung oder Verlangsamung einer Stoffumsetzung“. Wir haben durch die Pandemie den digitalen ökumenischen Austausch herbeigeführt. Vor einem Jahr hätte ich zum Beispiel nicht damit gerechnet, dass durch Digitalisierung eine neue Partnerschaft zwischen einer Pop-Akademie in Berlin und der School of (Jazz-) Music der Mekane Yesus Kirche in Addis Adeba entsteht, bei der ein Gesangsprofessor aus Berlin Stimmübungen mit äthiopischen Studierenden auf der Leinwand macht und die Kolleg*innenschaft sich über Lehrmethoden austauscht.

Schon auf einer Tübinger Konferenz 1964 entwickelten Mitglieder der ökumenischen Weltgemeinschaft Grundsätze eines gemeinsamen christlichen Heilungs- und Entwicklungsauftrags, darauf wies die Bochumer Professorin Claudia Jahnel kürzlich hin. Sie sahen die große kirchliche Aufgabe für die Zukunft des Planeten im Spannungsfeld zwischen „Heil und Heilung“. Heilung wurde dabei nicht auf körperliche Prozesse beschränkt, sondern als relationales Geschehen gesehen, das soziale Beziehungen und das solidarische Einstehen füreinander umfasst. Heilung wurde laut Jahnel damit als Aufgabe von Gemeinde und Gesellschaft verstanden und nicht von dafür bestimmten Expert*innen, „lokal, global, grenzüberschreitend und dezentrierend, weil es um die Vulnerabilität der Einen Welt“ gehe.

Die Pandemie hat unseren Auftrag verdichtet, uns mit unseren Partnern auf allen kirchlichen Ebenen für eine gemeinsame (keine westliche!) Zukunft einzusetzen, die beides umfasst: die unverfügbare Sehnsucht nach Heil und die gemeinsame Verantwortung für Heilung auf dieser so ungeheuer verletzlichen Erde.

Und ja, ich bin hin- und hergerissen: Einerseits kann ich es kaum erwarten, wieder reisen zu dürfen. Der Schrank, der wie bei Kästner in die direkte Begegnung führt, ist vernagelt. Die Unsicherheit beim Reisen wird noch lange bleiben. Andererseits merke ich, dass ich mich mit den Geschwistern im Süden mehr und mehr im Digitalen einrichte. Wir sind durch die Pandemie notgedrungen im virtuellen Raum unterwegs. Richten wir uns angesichts unserer Verletzlichkeit mehr im Digitalen ein, als uns lieb ist? Der Stoff aber, den wir, durch die Pandemie katalytisch beschleunigt, umsetzen müssen, ist sicher gleichgeblieben: Es ist der Stoff, gemeinsam Zukunft zu schaffen.

Dr. Martin Frank ist Afrikareferent im Berliner Missionswerk (BMW).

Lesen Sie neben diesem noch weitere spannende Beiträge im Jahrbuch Mission 2021.

Jahrbuch Mission Jahrbuch Mission 2021

Online durch die Pandemie

Mit Covid-19 hat sich eine todbringende Pandemie erstmals global verbreitet, mit weitreichenden Folgen auf allen Ebenen, auch für Mobilität und Kommunikation in Kirche, Mission und weltweiter Ökumene. Die Pandemie hat großes Leid verursacht, aber sie hat auch neue kreative Kräfte und Erfahrungen ermöglicht. Davon erzählen die gut 20 Autor*innen des Jahrbuchs 2021.

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