China braucht Theolog*innen

Pastor Dr. Liu Ruomin ist Studienleiter an der Missionsakademie in Hamburg und kennt die Ausbildungssituation chinesischer Theolog*innen aus erster Hand. „China braucht Theologinnen und Theologen,“ betont er deshalb. Er und seine Kolleg*innen schätzen dabei auch die Unterstützung aus Deutschland, die Missionswerke leisten.

Theologiestudierende in einem chinesischen Seminar © Foto: Michael Biehl/EMW | Theologiestudierende in einem chinesischen Seminar

Die protestantische Kirche Chinas ist von Lai*innen geführt: Eine ordinierte Pastorin bzw. ein Pastor sind für zehntausend Gläubige, die meistens in den Städten arbeiten, zuständig. Selbst die Zahl der Ältesten, die fast dieselben Rechte wie Pastor*innen und eine vergleichbare spirituelle Autorität haben, ist sehr begrenzt. Gottesdienst, Predigt, Beratung, Kirchenleitung und andere Aspekte gemeindlichen Lebens liegen in der Verantwortung von Laienprediger*innen, die möglicherweise eine theologische Ausbildung haben, deren akademischer Grad sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Zur Zeit gibt es in China insgesamt 22 vom staatlichen Amt für religiöse Angelegenheiten akkreditierte theologische Fachhochschulen der chinesischen protestantischen Kirche. Die Mehrzahl von ihnen ist für eine Provinz zuständig, fünf operieren überregional. Dort können Bachelorabschlüsse abgelegt werden. Dazu kommen noch über 100 Bibelschulen, die lokal von der chinesischen Kirche betrieben werden. Das Nanjing Union Theological Seminary ist die einzige nationale Ausbildungsstätte, die gegenwärtig Bachelor-, Master-, und Promotionsabschlüsse in Theologie anbietet. Dort wohnen die Studierenden, wie übrigens auch in allen theologischen Seminaren in China, in den Studentenwohnheimen des Campus.

Rückkehr zum Denominationalismus

Eine der Grundlagen des chinesischen protestantischen Geisteslebens in Festland China ist die sechzigjährige Erfahrung der so genannten postkonfessionellen Kirche, während fast alle Kirchen in Taiwan, Hongkong, Macao und den chinesischen Überseegemeinden konfessionell gebunden sind. Dies ist auf den Einfluss der ausländischen Missionen im 19. Jahrhundert zurückzuführen.

Für theologische Fragen ist in China der Chinesische Christenrat zuständig, der 1980 u.a. auf Betreiben von Bischof Ting als kirchlicher Gegenpol zur Drei-Selbst-Bewegung gegründet wurde. In der Tat unterscheidet er sich wenig von der Drei-Selbst-Bewegung und ist aufs Engste mit dieser verflochten. Die eigene Geschichte wurde bisher nicht systematisch reflektiert. Die Drei-Selbst-Bewegung hat noch keine eigene Ekklesiologie entwickelt und keine einheitliche Liturgie oder Theologie hervorgebracht. Kenner*innen der Situation beobachten momentan Tendenzen in Richtung einer Rückkehr zum Denominationalismus und zu weniger Einheit der Kirchen in China.

Wenn öffentliche gesellschaftliche Ereignisse stattfinden, schweigt das Christentum in China. Selbst bei Tätigkeiten in Form von christlichen sozialen Diensten oder bei finanziellem Engagement gibt es selten eine angemessene Stimme oder Verlautbarung.

Seit 2016 fördern die nationale Drei-Selbst-Bewegung und das Nanjing Union Theological Seminary in verstärktem Maße die Kompilation und Herausgabe eigener chinesischer Lehrbücher und Materialien für den Einsatz an theologischen Ausbildungseinrichtungen in China. 2020 wurde das erste Lehrbuch „Chinesische Kirchengeschichte“ veröffentlicht. Trotzdem mangelt es den theologischen Hochschulen an Lehrmaterial in chinesischer Sprache: 80 Prozent der ungefähr 60.000 Bände der theologischen Bücher am Nanjing Union Theological Seminary sind auf Englisch, so dass die Lesefähigkeit in Bezug auf Fremdsprachen eine wichtige Rolle spielt.

Brücke der Hoffnung

Eine partnerschaftliche Beziehung zwischen kirchlichen Trägern in Deutschland und theologischen Seminaren in China besteht schon seit langer Zeit. So haben z.B. Mission EineWelt in Bayern und die EMW einen Dozenten an das Nanjing Union Theological Seminary entsendet. Die theologische Fakultät der Universität Hamburg hat u.a. mit Unterstützung des Zentrums für Mission und Ökumene der Nordkirche Lehrkräfte an die religionswissenschaftliche Abteilung der Shaanxi Normal University in Xi-an delegiert. Und die EMW vergibt u.a. Promotionsstipendien, fördert den Aufbau theologischer Fachbibliotheken und ist nicht nur an einer Förderung der theologischen Ausbildung in China, sondern am Austausch mit chinesischen Theolog*innen und Wissenschaftler*innen über Theologie und Ausbildungsfragen interessiert und fördert entsprechende Begegnungen. 2016 wurden 7.000 Bücher aus der persönlichen Bibliothek des ehemaligen Generalsekretärs des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Philip Potter (1921-2015), als Schenkung an das Theologische Seminar der Universität in Nanjing auf Kosten der EMW nach China transportiert.

Der Theologische Fachbereich der Universität Hamburg hat zudem eine langjährige Partnerschaft mit Forschungseinrichtungen in Shanghai, u.a. mit der Fudan Universität und der Shanghaier Akademie der Sozialwissenschaften.

Außerdem berichtet die China InfoStelle regelmäßig über Entwicklungen in Kirchen und theologischen Seminaren Chinas. Die Theolog*innen in China schätzen die Unterstützung aus Deutschland sehr und freuen sich auf weiteren Dialog und Austausch in der Zukunft.

Pastor Dr. Liu Ruomin ist Studienleiter an der Missionsakademie in Hamburg.

EMW-Dossier EMW-Dossier Nr. 3/2021

China, Kirchen und die Politik

Auch das Christentum soll chinesischer werden, fordert die Regierung Chinas. Das bedeutet für die Christ*innen, dass sie zuerst an den Sozialismus glauben sollen. Im EMW-Dossier werden einige Facetten der Bedeutung dieser Forderung von Expert*innen beleuchtet.

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