Die Kunst des Perspektivwechsels

Interkulturelle Theologie ist eine der Schlüsselkompetenzen für die Kirche der Zukunft und sollte daher ein wichtiger Bestandteil theologischer Ausbildung sein. Diese Meinung vertritt Simon Wiesgickl, der in Erlangen und Hongkong unterrichtet und geforscht hat.

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Mit dem Begriff der interkulturellen Theologie ist es so eine Sache: In Deutschland lassen sich diejenigen Theologinnen und Theologen zur interkulturellen Theologie zuordnen, die dem weltweiten Horizont des christlichen Glaubens nachspüren. Als ich jedoch in Hongkong Theologie unterrichtet habe, konnten meine internationalen Studierenden aus ganz Südostasien damit wenig anfangen. Nicht mit dem Gegenstandsbereich, den lokalen Theologien und verschiedenen Verschmelzungen aus Kulturen und Religionen. Sondern mit der Bezeichnung „Interkulturelle Theologie“. Dort war ich stattdessen Assistenzprofessor für „Mission and Culture“. Wie in den meisten englischsprachigen Ländern ist der Umgang mit Mission dort völlig unproblematisch. Viele Kirchen verstehen sich in Hongkong als missionale Kirchen und die Geschichte des eigenen Christseins hat auf die eine oder andere Weise mit der weltweiten Missionsgeschichte zu tun.

Simon Wiesgickl, Pfarrer der Bayrischen Landeskirche, ist mit einem Podcast zu „Gelebtem Glauben weltweit“ für Mission EineWelt unterwegs. © Foto: MEW | Simon Wiesgickl, Pfarrer der Bayrischen Landeskirche, ist mit einem Podcast zu „Gelebtem Glauben weltweit“ für Mission EineWelt unterwegs.

In Deutschland undenkbar. Hier ist der Begriff der Mission kontaminiert. Oder wahlweise verstaubt, anrüchig. Theologisch schlüssig, aber im Gespräch an den Universitäten und einer breiten intellektuellen Öffentlichkeit missverständlich und nicht anschlussfähig. Deshalb haben Institute, Lehrstühle und Fachgesellschaften beschlossen, dass das entsprechende Studienfach innerhalb der evangelischen Theologie „Interkulturelle Theologie und Religionswissenschaft“ heißen soll.

Das war international umstritten. Passt aber gerade deswegen zum Profil der Interkulturellen Theologie. Denn die Leitidee, auf die sich alle Kolleginnen und Kollegen einigen können, ist diejenige, dass die verschiedenen Kontexte weltweit auch unterschiedliche Theologien hervorbringen. Und dass diese bunten Ansätze gemeinsam darum ringen, was relevante Themen für die heutige Christenheit sind. Wie sich christliche Wahrheit auf der Höhe der Zeit präsentieren kann. Und dass dieses gemeinsame Streitgespräch bereichernd sein kann. Gemeinsam mit einer Kollegin habe ich dafür plädiert, Interkulturelle Theologie als die Kunst des Perspektivwechsels zu verstehen.

Eine unglaublich lehrreiche und verstörende Erfahrung lag für mich darin, im internationalen Kontext festzustellen, wie unbedeutend eigentlich lutherische Theologie ist. Was sich in manchen deutschsprachigen theologischen Hochschulen wie der Nabel der Welt anfühlt, erschließt sich im multi-konfessionellen Umfeld Asiens und vieler anderer Weltgegenden weder Studierenden noch Kolleg*innen. Stattdessen erlaubt die Fremdheit anderer Diskussionen auch die eigenen Debatten innerhalb der deutschen Kirchenlandschaft und Theologie mit neuen Augen zu sehen. Manches mit Skepsis, anderes dagegen mit neuer Leidenschaft.

Deuten, Gestalten und Mitfühlen: Grundkompetenzen der Interkulturellen Theologie

Doch was lernt man eigentlich in Interkultureller Theologie? Nun, weder Texte zu übersetzen und zu interpretieren. Noch international zu predigen oder Bestattungsagenden aus anderen Ländern zu lesen. Stattdessen zu deuten: Im Kennenlernen von verschiedenen Herangehensweisen an kulturelle und religiöse Gegenstände auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufmerksam zu werden. Festzustellen, wo Fremdheit hergestellt und erzeugt wird. Einen zerstreuenden Blick einzunehmen, wie Astrid Messerschmitt das nennt, zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Und damit handlungsfähig zu werden in unserer differenzierten und bunten Gesellschaft. Handlungsfähig angesichts des deutlichen Trends, dass das Christentum und theologische Inhalte der Mehrheit der Menschen zunehmend fremd werden. Und dass christliche Gemeinschaften in Deutschland nicht nur aus denjenigen bestehen, die schon immer da waren, sondern auch die Migrationskirchen und Kirchen in anderen Muttersprachen umfassen. Was beim ersten Hören vielleicht noch etwas sperrig klingt, wird schnell klar, wenn man mal in einer Großstadt Evangelische Religion an der Schule unterrichtet hat. Selbst in Bayern.

Sich selbst fremd zu fühlen. Die eigenen Wahrheiten in Frage gestellt zu sehen, das ist herausfordernd. Diese Erfahrung machen viele Menschen, die längere Zeit fern ihrer Heimat verbringen. Interkulturelle Theologie macht Verletzlichkeit zu einer grundlegenden Ressource der Theologie. Eigene und fremde Verletzlichkeiten, die ausgehalten werden müssen und zu Mitgefühl anleiten. Ziel ist es dabei nicht, alles zu verstehen. Aber manches nachvollziehen zu können. Meine Zeit in Hongkong hat mich nicht zu einem China-Versteher gemacht. Aber ich schaue anders auf manche Debatten und kulturelle Eigenheiten. Zum Mitgefühl gehört auch in Distanz gehen zu können. Nachzuvollziehen, wie Diskurse funktionieren. Wie manche religiösen Phänomene medial und in einer Gesellschaft gedeutet werden. Wie bestimmte Gruppen diesen Diskussionen nicht folgen können und wollen. Im Wechselspiel mit den vorher genannten Kompetenzen des Deutens und Gestaltens hilft das Mitgefühl dabei, Machtkritik üben zu können. Die eigene Blase auch mal zu hinterfragen. Und vielleicht ja sogar zu verlassen.

Interkulturelle Theologie: Nah dran an den Zukunftsfragen

Blickt man auf die Themen, die junge Menschen gerade bewegen, so wird deutlich, dass Interkulturelle Theologie das große Zukunftsfach ist. Schon seit Jahrzehnten beschäftigen sich interkulturelle Theolog*innen mit der Geschichte des Kolonialismus. Der Slogan „Black Lives Matter“, der spätestens seit 2020 auch deutsche Unistädte erobert hat, berührt ein zentrales Forschungsthema interkultureller Theologie. Hier lernen Studierende schon lange schwarze Theologien kennen. Und fragen kritisch nach, welche kolonialen Altlasten eigentlich unsere Kirchen mit sich rumtragen. In meiner Doktorarbeit habe ich zum Beispiel gezeigt, dass die historisch-kritische Methode der Bibelforschung ein durch und durch koloniales deutsches Projekt war.

Und auch der Klimawandel ist nicht erst seit gestern Thema interkultureller Theologie: Theologien aus dem globalen Süden fordern schon seit Langem, sich der eigenen Geschichte zu stellen und den biblischen Auftrag „Macht euch die Erde untertan“ als Herrschaftsgeschichte zu verlassen und lieber neue Wege zu gehen. Andine Theologien, die ein anderes Verständnis der Natur und unserer Beziehung zur Erde haben, bieten spannende Alternativen und berühren sich mit der Suche nach Achtsamkeit.

Im Zusammenspiel mit Religionswissenschaft hilft Interkulturelle Theologie dabei, im Dickicht der verschiedensten religiösen Versprechungen und Visionen den Durchblick zu behalten. Hybride Formen von Religion, Verschmelzungen und wechselseitige Abhängigkeiten können nachvollziehbar gemacht werden. Damit ist das Fach der Interkulturellen Theologie anschlussfähig an die Gegenwartsfragen und andere universitäre Fächer. Anfang des 19. Jahrhunderts entstand der Kanon der theologischen Fächer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam die neu entstandene Missionswissenschaft dazu. Das 21. Jahrhundert sollte der Interkulturellen Theologie gehören!

Dr. Simon Wiesgickl hat verschiedene Bücher zu postkolonialen Theologien veröffentlicht.

Lesen Sie neben diesem noch weitere spannende Beiträge zum Thema Theologische Ausbildung in EineWelt 4/2021.

Zeitschrift „EineWelt“ Eine Welt, Heft 4/2021

In Gottes Lehre

Menschen gehen weltweit in Gottes Lehre, um sich für einen Dienst in ihrer Kirche ausbilden zu lassen. Wir haben mit Theologiestudierenden und Lehrenden gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen mit theologischer Ausbildung befragt. In einem Punkt sind sich alle einig: Es braucht eine Ausbildung, in der interkulturelle und kontextuelle Theologien zur Sprache kommen.

Außerdem: Menschenrechte im Blick: Israelische Frauen engagieren sich für Palästinenser*innen – China: Analyse des „Social Credit Systems“ – Porträt über Dorcas Parsalaw: Einsatz für nachhaltige Entwicklung

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