Die letzte moralische Instanz Südafrikas

Desmond Tutu trug einst unermüdlich zum Sturz des Apartheid-Regimes bei. Seitdem legt er sich vehement mit den neuen Mächtigen des ANC an. Nun wird er 90 Jahre alt und etwas ruhiger – dabei braucht das Land seine Stimme weiter dringend.

Desmond Tutu im September 2011 bei der Veröffentlichung seiner Biografie, geschrieben von Allister Sparks und Mpho A. Tutu. © Foto: LightLock/istock | Desmond Tutu im September 2011 bei der Veröffentlichung seiner Biografie, geschrieben von Allister Sparks und Mpho A. Tutu.

Das Mienenspiel von Desmond Tutu eignet sich seit Jahrzehnten bestens zur Illustration des aktuellen Zustands Südafrikas. Lachen kann der emeritierte Erzbischof der Anglikanischen Kirche von Kapstadt, dass man seine Augen kaum noch sieht – so sehr kneift er sie zusammen. Dann nähern sich die Mundwinkel immer mehr den Ohren. Wie in einigen der fröhlichsten Momenten der Nation. Nach der Freilassung von Nelson Mandela im Jahr 1990 aus dem Gefängnis etwa, für die er sich so ausdauernd eingesetzt hatte. Tutu nahm ihn damals strahlend in Kapstadt in Empfang, Mandela verbrachte die erste Nacht in Freiheit in Tutus Residenz.

Im gelben Trikot der Nationalmannschaft feiert Desmond Tutu die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. © Foto: Sean Nel/shutterstock | Im gelben Trikot der Nationalmannschaft feiert Desmond Tutu die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika.

Oder wie am Vorabend der Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, als Tutu bei einem Konzert im gelben Trikot der Nationalmannschaft über die Bühne tanzte. Es sei der Moment, von dem er immer geträumt habe, rief er damals mit nahezu kindlich anmutender Freude den zehntausenden Zuschauern zu.

In den vergangenen Jahren aber erlebte Südafrika weit öfter wieder seine sorgenvolle Miene, die schon den weltweiten Anti-Apartheid-Kampf begleitet hatte. Ein Dienstagabend im Jahr 2011 war vielleicht der einprägsamste dieser Momente. Da senkte Tutu bei einer Pressekonferenz in Kapstadt den Kopf und massierte sich mit der linken Hand die Stirn, die Lippen waren zusammengekniffen. So blickt ein Vater, der sich um sein Kind sorgt. Oder ein Mann, den die Wut gepackt hat und der sich sammelt für einen verbalen Rundumschlag mit einer Schärfe, wie es sie in Südafrika selten gegeben hat.

Ein unbequemer Quälgeist aus Überzeugung

Man solle ihn bitte wecken und ihm sagen, dass dies nicht wahr sei, begann er recht zahm. Einige Stunden zuvor hatte der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, seinen Besuch in Südafrika abgesagt. Tutu hatte ihn nach Kapstadt zu seinem 80. Geburtstag eingeladen. Der Dalai Lama wäre gern gekommen, beide sind befreundet, doch dann wurde ihm das Visum verweigert. China, das dem Dalai Lama Separatismus vorwirft, ist Südafrikas wichtigster bilateraler Handelspartner. Und es war offensichtlich, dass der damalige Präsident Jacob Zuma Ärger mit dem mächtigen Alliierten vermeiden wollte.

Tutu kritisierte dem regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) dafür mit weit aufgerissenen Augen und erhobenem Zeigefinger massiv: „Diese Regierung ist schlimmer als die Apartheid-Regierung, denn von der hat man derartiges erwartet. Von unserer Regierung aber erwarten wir, die Grundpfeiler unserer Verfassung zu achten.“ Früher hätten die Menschen für das Ende der Nationalen Partei (NP) gebetet, den Architekten der Apartheid. „Es wird der Tag kommen, da werden wir für das Ende des ANC beten.“

Einen brutaleren rhetorischen Angriff kann es in Südafrika kaum geben. Die Regierungspartei, deren Spitzenvertreter den Dalai Lama in den Jahren 1996 und 2004 noch empfangen hatten, verbat sich den „absolut unwahren“ Vergleich. Tutu solle doch bitte „abkühlen“. Eine fromme Hoffnung. Denn es handelte sich nicht bloß um einen eratischen Temperamentsausbruch, sondern grundsätzliche Zweifel an der politischen Elite des demokratischen Südafrikas. Tutus Tiraden wurden zuletzt etwas seltener, doch ein unbequemer Quälgeist, wie er sich selbst nicht ohne Stolz bezeichnet, wird der emeritierte Erzbischof wohl zeitlebens bleiben. Besonders für die Mächtigen Südafrikas, gleich welcher Hautfarbe.

Er ist auch kurz vor seinem 90. Geburtstag am 7. Oktober ein Mann, der nur eine Ideologie kennt: den Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Egal, wer sie verübt. Und in den vergangenen Jahren richtete sich seine Wut vor allem gegen die politische Elite des ANC, die seit knapp drei Jahrzehnten regiert und Tutus viel zitierte Gesellschaftsvision einer „Regenbogennation“ zur Utopie verkommen lässt.

Der berühmte Kirchenmann hatte lange große Hoffnung in den ANC gesetzt. Er arbeitete unermüdlich am friedlichen Sturz des Apartheid-Regimes, anders als zeitweise Mandela hatte er immer an das Erreichen dieses Ziels ohne Waffen geglaubt. Tutu war das Sprachrohr der Gegner von Rassismus jeder Form. Und flankierte mit seiner internationalen Präsenz – 1984 bekam er den Friedensnobelpreis verliehen – den ANC.

Die vier Nobelpreis-Träger Südafrikas: Albert John Luthuli, Desmond Tutu, Frederik Willem de Klerk und Nelson Mandela (von links). © Foto: MarcPo/istock | Die vier Nobelpreis-Träger Südafrikas: Albert John Luthuli, Desmond Tutu, Frederik Willem de Klerk und Nelson Mandela (von links).

Kaum jemand setzte sich so ausdauernd und charismatisch für Aussöhnung ein. Während Mandelas Haft war Tutu in Abwesenheit der nahezu vollständig weggesperrten ANC-Führung das weltweit beachtete Gesicht der Anti-Apartheid-Bewegung. Während die politisch einflussreiche Dutch Reformed Church, die niederländisch-reformierte Kirche, die Rassentrennung mit der Bibel zu erklären versuchte, setzte Tutus Anglikanische Kirche im Verbund mit Dutzenden anderen Kirchen und religiösen Vereinigungen auf friedlichen Widerstand. Stets vorneweg: ein kleiner Mann im violetten Bischofsgewand.

Nach der Einführung der Demokratie entstand manchmal der Eindruck, als würden die Kirchen Südafrikas Fehlentwicklungen allzu schweigend und resignierend hinnehmen. Nicht so Tutu. „Es ist verrückt, sich eine luftig-feenhafte oder jenseitige Religion vorzustellen“, sagte er schon in den 1990er Jahren, als er den Vorsitz der Wahrheits- und Versöhnungskommission bei der wichtigen Aufarbeitung von Verbrechen während der Apartheid innehatte. „Ich arbeite einfach nach dem Prinzip der heiligen Schrift. Es scheint so einfach. Wenn etwas falsch ist, dann sagt man es.“

Die Rolle der Kirchen in der Zivilgesellschaft ist in Südafrika dabei von besonderer Bedeutung. Denn der ANC dominiert sowohl Regierung als auch Parlament, was die Gewaltenteilung einschränkt. Andere Institutionen, wie Justiz und Strafverfolgungsbehörden, erweisen sich bisweilen als labil und anfällig für politische Einflussnahme. Umso wichtiger sind mutige Stimmen wie die von Tutu.

So sah es einst auch Mandela. „Er (Tutu) hat von Zeit zu Zeit viele von uns, die wir der neuen Ordnung angehören, verärgert“, sagte Mandela mal – nicht ohne hinzuzufügen, dass „eine solche Unabhängigkeit des Geistes für eine blühende Demokratie von entscheidender Bedeutung“ sei.

Unter Zuma, dessen korruptes Netzwerk das Land zwischen den Jahren 2009 und 2018 schamlos plünderte, klang das denkbar anders. Tutus Vorstöße hatten wie ein Weckruf auf andere Kirchenführer gewirkt, die sich endlich ebenfalls wieder zunehmend kritisch und öffentlich äußerten – ein ernstzunehmendes Problem für den ANC, schließlich ist die Gesellschaft tief religiös. Tutu ist Vordenker und Vorreiter der wieder gefundenen Rolle der Kirche in Südafrika als kritisches Gegenüber der weltlichen Macht.

Eine Stimme der Kirchen als kritisches Gegenüber

Dagegen versuchte sich Zuma zu wehren, obwohl er einflussreiche Pfingstkirchen wie die „Zion Christian Church“ anbiedernd in seine Wahlkämpfe einspannte. Die Kirchen sollten sich nicht in die Politik einmischen, forderte der korrupte Politiker in Richtung der Kritiker: „Was wir wirklich von ihnen verlangen, ist, dass sie für uns beten“, so Zuma.

Derartige Forderungen perlen an Tutu natürlich ab. Schon im Jahr 2010 hatte er seinen offiziellen Rückzug aus der Öffentlichkeit angekündigt, und wurde immer wieder „rückfällig“: Vor den Wahlen 2014 entzog er dem ANC unter landesweitem Aufsehen sein Vertrauen. Die Organisation sei gut im Befreiungskampf gewesen, sagte er, als politische Partei versage sie dagegen. Entsprechend werde er den ANC auch nicht wählen. Ähnlich äußerten sich damals auch Größen der Partei selbst, wie der ehemalige Geheimdienstminister Ronnie Kasrils.

Diesen Refrain vieler afrikanischer Länder einmal auf seine Heimat beziehen zu müssen, hatte Tutu lange für ausgeschlossen gehalten. Er sage das mit einem „schmerzenden, sehr schweren Herzen“. Denn der ANC sei einst den „Dingen, von denen wir geträumt haben“ nahegekommen – einer mitfühlenden Gesellschaft, in der die Menschen das Gefühl haben, dass sie etwas zählen. In einem Land, in der viele Leute hungrig zu Bett gehen, sei das nicht möglich. Tutu selbst bekam das Scheitern der Regierung beim Kampf gegen das Verbrechen zu spüren. Zweimal wurde bei ihm eingebrochen. Seine Medaille für den Friedensnobelpreis war Teil des Diebesguts.

Kampf gegen Ungerechtigkeit bleibt seine Lebensaufgabe

Tutu ist einer der wenigen Mahner, dem alle Südafrikaner*innen zuhören. Er wirkte lange wie ein Spiegel der Nation, die mit ihm trauert, lacht und seine Wut teilt. Die neuen schwarzen Superreichen seien „unmoralisch“, mahnte Tutu, schließlich nehmen die notorisch großen sozialen Unterschiede in Südafrika weiter zu.

Auch international wurde er weiter gehört. Tutu kritisierte die lasche Haltung Südafrikas während der Diktatur unter Robert Mugabe im Nachbarland Simbabwe, der seine Menschenrechtsverletzungen nicht zuletzt wegen der stillen Duldung Südafrikas begehen konnte. Mal führte Tutu einen Marsch gegen Israels Politik in den Palästinensergebieten an, mal forderte er eine Anklage gegen den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush vor dem Weltstrafgericht. Zuletzt war der Klimawandel eines seiner großen Themen, nach dem Ende der Apartheid in seinen Augen „der neue globale Feind“.

Tutu schreckt auch nicht davor zurück, sich mit anderen Kirchenführern anzulegen. Wenn Gott wirklich homophob wäre, würde er ihn nicht anbeten können, gab er zu Protokoll. Seine Tochter Mpho heiratete im Mai 2016 eine Frau. Sogar für das Recht auf Sterbehilfe engagierte sich Tutu, nicht zuletzt, weil er das monatelange Siechtum von Mandela miterleben musste.

Erst in den vergangenen Jahren wurde es altersbedingt etwas ruhiger um ihn – dabei wäre seine Stimme auch in diesen Tagen so dringend nötig. Die Aufarbeitung der Korruption der Zuma-Zeit kommt quälend langsam voran, im Zusammenhang mit Covid-19-Rettungsschirmen gab es neue Skandale. Der ANC präsentiert sich tief gespalten, und auch die Opposition gibt derzeit kein gutes Bild ab. Seit dem Tod von Mandela im Dezember 2013 ist Tutu die letzte verbliebene, landesweit anerkannte moralische Instanz Südafrikas.

Bei Mandelas Beerdigung fehlte Tutu übrigens, obwohl er ein enger Freund und Wegbegleiter des ehemaligen Präsidenten war. Der ANC hatte ihn nicht eingeladen, ein hoher Preis für seine offenen Worte. Diesen Schmerz spürt er bis heute.

Christian Putsch lebt in Kapstadt, Südafrika. Er arbeitet als freier Afrika-Korrespondent und berichtet aus verschiedenen Ländern des Kontinents.

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