Eine Erde – Viele Bedürfnisse

Die Menschheit hat all das, was sie 2021 an Rohstoffen verwenden könnte ohne der Erde – und damit den eigenen Nachkommen – zu schaden, bereits in diesen Tagen voll ausgeschöpft. „Schön, dass wir drüber geredet haben“, sagen die Menschen, legen sorgenvoll ihre Stirn in Falten – und machen weiter wie bisher. Besonders schlau ist dieses Verhalten nicht von der Spezies, die sich selbst für die cleverste der Welt, wenn nicht gleich des ganzen Universums, hält. Angesichts der vielen Veränderungen, die der Klimawandel auslöst, muss man auf Einsicht drängen, meint EMW-Pressereferentin Freddy Dutz.

Wir sollten nicht das kaputt machen, was die Menschheit zum Überleben braucht, mahnt Freddy Dutz anlässlich des „Weltüberlastungstages“ 2021. © Foto: rangizzz/stock.adobe.com | Wir sollten nicht das kaputt machen, was die Menschheit zum Überleben braucht, mahnt Freddy Dutz anlässlich des „Weltüberlastungstages“ 2021.

Gott gehört die Erde, sagen die einen (Psalm 24), andere betonen: „Der Himmel ist der Himmel des Herrn; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.“ (Psalm 115). Sie schlussfolgern, dass „sich die Erde untertan machen“ (1. Mose 1) bedeute, Menschen dürften sich als Eigentümer*innen fühlen, denen jegliches Verhalten zustehe: alles was kriecht, liegt, läuft und zu guter Letzt auch das Land – einschließlich Wasser und Luft – zu besetzen, auszubeuten, auszuplündern und zu unterjochen. Dieses Verhalten ist uralt, wird von allen Religionen und Weltanschauungen überliefert, oft beklagt, doch erst seit die Fakten und die Folgen dieser Haltung unübersehbar sind, zur Kenntnis genommen. Oder eben auch nicht.

Geschöpf oder Schöpfer

Während manche Religionen den dichtesten, fünftgrößten und der Sonne drittnächsten Planet unseres Sonnensystems als Schöpfung Gottes beschreiben, verehren andere den aus zwei Drittel Wasser bestehenden „Blauen Planet“ als „Mutter Erde“ oder gleich als „Erdgöttin“. Womöglich ist das auch der Grund, weshalb den einen das Untertan-machen so leicht fällt, während andere schon allein das Pflügen des Bodens als Verletzung des Göttlichen verstehen. So „dürfen“ erstere wie „Nehmer*innen“ in einem Selbstbedienungsladen agieren, während die anderen als Hirt*innen und Sammler*innen von dem leben, was Pflanzen und Tiere mehr oder weniger freiwillig abgeben.

Die kugelförmige Erde sei 4,6 Milliarden Jahre alt, sagt die Wissenschaft. Seit rund zwei bis drei Millionen Jahren gibt es die Gattung Homo, aus der sich vor 300.000 Jahren die heute lebenden Menschen entwickelten. Das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Beweisbarkeit aufgrund bestimmter, wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse. Sie lebten als Sammler*innen und Jäger*innen bis sie den Pflanzenbau und Nutztierhaltung zunächst im Vorderen Orient vor ungefähr 11.000 Jahren lernten. Diese steinzeitliche Revolution bedeutete den Beginn der Verdrängung von Wildpflanzen und -tieren und die Ausbreitung dessen, was wir Zivilisation nennen. Die Erscheinung der Oberfläche – und seit der Erfindung dessen, was wir als Bergbau bezeichnen – auch die nächste Bodenschicht der Erde, beeinflusst nicht mehr die Natur, sondern der Mensch. Und selbst das Klima und Wetterphänomene sind darauf zurückzuführen: nicht auf Schadzauber, wie vermutet, sondern auf das Roden und Verbrennen von Bäumen, Verlagern von Wasserflächen, dem Anhäufen oder Abtragen von Böden und vielem mehr. Kurz: auf den Eingriff der angeblichen „Krönung der Schöpfung“, die sich selbst zu Mini-Schöpfern macht.

Vernichter und Ausbeuter

Überall da, wo mitgliederstarke Gesellschaften wuchsen, verschlechterten sich die Böden und veränderte sich das Klima: In Australien verschwand die Ur-Flora und damit auch die Ur-Fauna vor 13.000 Jahren; Böden im mesopotamischen Zweistromland versalzten, weil die Menschen vor 6.000 Jahren unsachgemäß bewässerten. Im Südwesten der heutigen USA hatten die Anasazi bis ins 13. Jahrhundert allen Wald gerodet, und unfruchtbaren Boden hinterlassen. Die Bewohner*innen der namenlosen Stadt im süd-östlichen Afrika, die das Große Monument Simbabwes genannt wird, ging im 15. Jahrhundert unter, weil die ehemals fruchtbaren Ackerböden ausgelaugt waren.

In Mitteleuropa führt die seit dem 16. Jahrhundert praktizierte Entwaldung zu Klimaveränderungen. In der Studie „Grenzen des Wachstums“ wurden schon 1972 die Zusammenhänge zwischen Umweltausbeutung und Klimawandel aufgezeigt. 1992 forderten Wissenschaftler*innen in der ersten „Warnung an die Menschheit“, sofort schädliche Einflussnahme jeder Art auf die Erde zu unterlassen.

Vor elf Jahren beschrieben Fachleute den Verlust der biologischen Vielfalt, weil „die Natur“ unter Schwefelemissionen, Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre, der Ausdünnung der Ozonschicht, der Versauerung der Meere, des Phosphorverlusts der Meere, der Intensität der Land- und Süsswasserressourcen-Nutzung in die Knie gehen werde, wenn diese nicht reduziert würden. Statt die Erkenntnisse ernst zu nehmen, wurde der Tiefseebergbau vorangetrieben. Zwar wissen die Ausbeuter*innen um die Gefahr für Meeresboden, Tier- und Pflanzenwelt und die Wasserqualität, doch verborgen vor den Augen der Weltöffentlichkeit – anders als beim konventionellen Bergbau – versuchen internationale Konsortien zu plündern, was die Technik erlaubt.

Die neue Realität

Es dauerte noch bis 2019 ehe die Generation, die jetzt weltweit die Macht in ihren Hände hält, wirklich aufgerüttelt wurde: Die Jugend der Welt, oder besser: die lautstarke, gut gebildete und privilegierte Mittelschichtsjugend, forderte von ihren Eltern und Großeltern ein ökologisches Umdenken. Aber erst die Verteilung eines Virus in Windeseile, nein: besser: in Flugzeugs-Eile rüttelte die Welt auf. Grenzenlose Konsumlust nach Dingen und Dienstleistungen brachte die Krankheit Covid-19 an fast jeden Ort der Welt. Anderes als sonst waren nicht zuerst die Armen und Schwachen, die sonst an all den Krankheiten, die aus Not und Elend entstehen, betroffen, sondern die Reisewütigen und Besitzenden, die der Virus SARS-CoV-2 angriff. Kein Wunder, dass Politiker*innen handelten: Das Reisen wurde verboten, Staatsgrenzen geschlossen, Kontaktsperren verhängt. Obwohl einige quengelten, „die Wirtschaft bricht ein“, setzte sich das Abstandhalten durch.

Anders als in Katastrophenfilmen gab es nach dem Ausbruch der Pandemie keine Revolten, keine Kriege, keine Lynchjustiz, weder für diejenigen, die Produkte des täglichen Lebens horteten, noch für die Diebe von Sterilisierungsmittel. Der Alltag Vieler war schwierig, Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Zum Glück wurden die meisten Erkrankten wieder gesund. Die Luft über den Metropolen war reiner, und die Entschleunigung des Lebens zeigte manchen Menschen, was wirklich wichtig ist. „Herden-Immunität“ ist nun das Zauberwort, das manche glauben lässt, dass wir zu einem Vor-Cornona-Zustand zurückkehren könnten.

Kein „Weiter-so“

Zum ersten Mal hat eine gefährliche Krankheit die nördliche Hemisphäre erschüttert, die Region, die so gerne meint, „alles“ im Griff zu haben. Trotz sauberem Wasser, gesunder Lebensmittel, trotz Energie und Technik und vor allem: trotz des vielen Geldes, stoppte die Normalität. Die Erde schien sich einen Moment nicht mehr zu drehen.

Menschen guten Willens, darunter viele Christ*innen, haben erkannt, dass es ein „Weiter-so“ nicht geben kann. Die Wirtschaft dürfe nicht alles dürfen, Rücksicht auf einander müsse Vorrang haben vor „ich zuerst“. Nächstenliebe zu üben, sei das Gebot der Stunde, betonen Vertreter*innen von Missionswerken. Wem das zu fromm ist, der möge sich bei Kant bedienen.

Ob wir als Hüter*innen die Erde erhalten, weil sie Gott gehört oder einer Göttin ist gleichgültig. Es ist nur einfach schlau, das zu erhalten, was uns und unsere Kinder, oder Nichten und Neffen, einfach ausgedrückt, die Generationen nach uns, nährt. Und wenn wir nicht gute Haushalter*innen sein wollen (1. Korinther 4,2), sollten wir vielleicht einfach nur das nicht kaputt machen, was die Menschheit zum Überleben braucht. Denn, ehrlich: Die Erde braucht uns nicht. Wir aber die Erde.

Freddy Dutz ist Pressereferntin in der EMW-Geschäftsstelle in Hamburg.

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