Enttäuschte Hoffnung

Wenn sich Gerechtigkeit, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit im Mittleren Osten durchsetzen, haben Christinnen und Christen auch für sich und ihre Kinder die Hoffnung auf ein gutes Leben in der Region. Deshalb müssen sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Und die Kirchen müssen zum rechtschaffenen Vorbild für die Gesellschaft werden, stellt Najla Kassab fest. Die 57-jährige Pfarrerin ist Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und lebt im Libanon.

Pastorin Najla Kassab ist Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und lebt im Libanon. © Foto: Anna Siggelkow | Pastorin Najla Kassab ist Präsidentin der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und lebt im Libanon.

Vor zehn Jahren teilte die Welt die Hoffnung mit den Menschen im Mittleren Osten, dass Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit dem „Arabischen Frühling“ in der Region folgen würden. Was bleibt von diesen Hoffnungen übrig?

Wie eine Revolution die Realität verändern und das tägliche Leben beeinflussen kann, ist eine ernste Frage, mit der die Menschen im Mittleren Osten konfrontiert sind, nachdem der „Arabische Frühling“ 2011 begonnen hatte. Er erschüttere damals eine ganze Region: von Tunesien bis Ägypten, vom Jemen und bis nach Bahrain, nach Syrien und in letzter Zeit den Libanon: Er forderte ein Leben in Würde für die Menschen. Man kann das Gefühl der Hoffnung und Euphorie gar nicht überbewerten, das diese Revolutionen in der Region und im Rest der Welt auslösten. Dennoch brachte diese Hoffnung nicht die erwarteten Ergebnisse.

Man kann nicht leugnen, dass sich die Bedingungen für die Politik in diesen Ländern verändert haben. Dennoch sind wir herausgefordert, genau hinzusehen, welche Auswirkungen diese Revolution auf das tägliche Leben hatten. Die Sehnsucht nach Gleichheit, Freiheit und Demokratie waren Slogans, die die Jugend inspirierten, diesen Ländern aber nicht halfen, sich auf Reformen zuzubewegen. Stattdessen wurde die Lage in den meisten Ländern schwieriger. Dies führte zu einem Gefühl der Hilflosigkeit unter denen, die auf der Straße waren, vor allem bei jungen Leuten. Deshalb wurde dieser „Frühling“ nach Meinung einiger zum „Herbst“ oder sogar zum „Winter“.

Was vom „Arabischen Frühling“ bleiben wird ist die Lektion, die die Menschen in Bezug auf ihr Rechte gelernt haben: Sie haben gelernt, für sich zu sprechen und ihre Bedenken zu äußern. Selbst wenn der Wandel nicht so schnell wie erwartet eingetreten ist, muss man zugeben, dass sich der gesellschaftliche Wandel aus vielen kleinen Schritten zusammensetzt.

Was die Revolutionen zu einem wahren „Arabische Frühling“ gemacht hat, ist der Umstand, dass die Jugend die Gesellschaften von der Verschwörungstheorie befreit hat, die behauptet, dass alle Probleme vom Westen kommen. Es ist nicht nur das, was von außen in die Länder schwappt, das zu Ungerechtigkeiten führt, sondern diese Ursachen werden im eigenen Land ausgekocht. Die Korruption unter den Führern, die nicht zur Rechenschaft gezogen werden, richtet einen Schaden an, nicht nur Einflüsse aus dem Ausland. Es gibt heute eine qualitative Bewusstseinsänderung bei der Jugend, obwohl deren Kritik, Analyse und Strategien noch keine spürbare Veränderung gebracht haben.

Auch die Beteiligung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen waren zum Leuchtturm geworden: Frauen wurden gestärkt und überhaupt sichtbar. Sie waren an vordersten Front zu finden und stellten gesellschaftliche Vorurteile in Frage. Der Wandel im Mittleren Osten wird niemals von der aktiven Rolle der Frauen zu trennen sein.

Auch leben wir in der Hoffnung, dass die Proteste unter der Oberfläche weiter brodeln und zu gegebener Zeit und in geeigneter Form wieder auftauchen. Es ist nicht möglich, den „Arabischen Frühling“ nach so wenigen Jahren zu bewerten. Es dauerte 100 Jahre, bis sich die Ideale der Französischen Revolution durchgesetzt hatten. Die Demonstrant*innen haben aus den Fehlern der ersten Protestwelle gelernt. Ihre Forderungen nach einem Ende der Korruption und nach guter Regierungsführung sind nach wie vor relevant. Beharrlichkeit im Wandel ist eine Hoffnung, die noch gelebt wird.

Welche Rolle spielt die Kirche bei all dem?

Die Kirchen spielen eine wichtige Rolle und bereiteten den Boden bei der jungen Generation vor. So konnten sie die Werte und den Funken des „Arabischen Frühlings“ insbesondere in den Ländern weitergeben, in denen die Kirche im Bildungswesen tätig ist. Im Libanon beispielsweise sind etwa 70 Prozent der Schüler*innen im Land an Privatschulen eingeschrieben, die überwiegend von Christ*innen betrieben werden. Wenn Kinder nach Werten wie Gleichheit, Respekt und Vielfalt erzogen werden, wenn Rechenschaftspflicht obligatorisch ist, wird der Boden für den „Arabischen Frühling“ bereitet. Demokratie ist ein Weg, auf dem sich die Menschen begeben. Es ist keine plötzliche Entscheidung, die den Menschen abgepresst wird, sondern es braucht Zeit, damit sich Veränderungen in den Köpfen entwickeln können, sie lernen, kritisch und respektvoll mit anderen umzugehen und sich zu verantwortungsbewussten Bürger*innen zu entwickeln. Außerdem ist eine Erziehung zur Kritikfähigkeit entscheidend, um eine Generation zu erziehen, die offen ist und ihren Geist von den ausgefahrenen Wegen abwendet. Ungleichheit im gesamten Mittleren Osten wird am besten durch effektive Bildung bekämpft, in der Richter*innen, religiöse Leitungspersonen und wichtige Führer*innen auf ihren Dienst vorbereitet werden. Ohne eine starke gebildete Bürger*innenschaft ist die demokratische Zukunft eines Landes in Gefahr.

Außerdem ist die Kirche aufgerufen, ein demokratisches Paradigma in ihren Strukturen zu präsentieren, um die junge Generation zu lehren und deren Verhalten zu beeinflussen. In dieser Hinsicht spielt die Reformierte Kirche im Mittleren Osten eine wichtige Rolle als eine Kirche, in der Demokratie praktiziert wird und die Rechenschaftslegung auf allen Ebenen einfordert. Ein Hinderniss für den „Arabischen Frühling“ ist der Umstand, dass Verantwortliche nicht zur Rechenschaft gezogen werden, weder in der Politik, noch in religiösen Institutionen, ja, nicht einmal im Justiz-Wesen. Eine der Hauptbedrohungen im Mittleren Osten ist die Korruption, die auf mangelnde Rechenschaftspflicht zurückzuführen ist. Die Kirche ist aufgerufen, in ihren Organisationen und Strukturen Rechenschaft zu geben und sich in vorderster Linie gegen Korruption zu stellen. Eine lebendige Reform umzusetzen, heißt, Rechenschaftspflicht zu üben und Standards gegen Bevorzugung einzelner zu etablieren.

Außerdem ist die Kirche aufgerufen, sich am Dialog und an der Pflege respektvoller Beziehungen zwischen den Religionen in einer multireligiösen Gesellschaft zu beteiligen. Religionen im Mittleren Osten verfügen über die Möglichkeit, Veränderungen zu bewirken, wenn sie sich auf Menschenwürde und ein besseres Leben für alle konzentrieren. Die Kirche ist aufgerufen, mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten und allen Menschen Respekt zu zollen, unabhängig davon, ob sie eine Minderheit darstellen. Ein zentrales Thema, das die Kirche spielen kann, ist die Stärkung von weiblichem Führungspersonal überall da, wo die Einbeziehung von Frauen in die Gestaltung des Mittleren Ostens den Schlüssel zum Wandel darstellt. Ich glaube, dass Frauen ein neues Verständnis für Autorität und Beziehungen einbringen und neue Visionen zum Wandel beitragen werden. Es ist an der Zeit, die Talente der Frauen beim Aufbau einer besseren Kirche und einer besseren Nation einzusetzen.

Die Welt wird Zeuge eines Exodus von Christ*innen aus dem Mittleren Osten. Sehen Sie eine Zeit vor uns, in der alle die Wiege der Christenheit verlassen haben werden?

Es gibt einen Exodus von Christ*innen und Muslim*innen aus dem Mittleren Osten, aber aufgrund ihrer geringeren Zahl ist die Anwesenheit von Christen stärker bedroht. Die ständigen Kriege in der Region und die anhaltende Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, die zu einem Mangel an Arbeitsplätzen und damit zu unwürdigen Lebensbedingungen führen, haben zu einer unvorhersehbaren und unsicheren Zukunft geführt. Dies trägt dazu bei, dass Christ*innen die Region verlassen, insbesondere junge Menschen, die nicht mehr darauf vertrauen, dass sie eine Zukunft in dieser Region haben. Sie gehen weg, um sich ein besseres Leben zu sichern.

Manche Christ*innen verlassen die Gegend aufgrund des wachsenden Fundamentalismus. Die sich abzeichnende Erstarkung des Fundamentalismus in der Region schadet sowohl Christen als auch Muslimen. Gemäßigte Muslim*innen und Christ*innen sind dadurch bedroht, wie man es im Irak und in Syrien beobachten kann. Dennoch wird es keine völlige Entwurzelung von Christ*innen aus dem Mittleren Osten geben. Vielleicht wird ihre Zahl abnehmen oder vielleicht später wieder zunehmen, aber die nackten Zahlen sind trotz ihrer vor allem psychologischen Bedeutung nicht der wichtigste Faktor. Die Qualität der christlichen Präsenz und deren Rolle ist der Faktor, der Christ*innen ermutigt, doch im Mittleren Osten zu bleiben. Christinnen und Christen haben ihren Platz in der Gesellschaft und sind immer noch sichtbar. Es gibt genügend viel von ihnen, um im Mittleren Osten Wirkung zu erzielen. Es sind nicht so viele, wie es sein sollten, oder wie es im vergangenen Jahrhundert waren. Deshalb geht es den Christen nicht um die Zahl, trotz der Enttäuschung über jede und jeden einzelnen, die oder der geht, sondern um die Rolle, die sie spielen. Christ*innen sind führend bei der Entwicklung effizienter Institutionen wie Universitäten, Schulen und Medien.

Auch darf nicht übersehen werden, dass sich auch Nichtchrist*innen in den Regionen mit christlicher Präsenz beschäftigen und deren Anwesenheit für Gleichgewicht, Vielfalt und Wohlstand der Region als notwendig ansehen. Aus diesem Grund versuchen Christen und Muslime, die Förderung der Menschenwürde in der Zivilgesellschaft voranzubringen, um der Korruption etwas entgegenzusetzen: Es werden bessere politische Bedingungen und ein höherer Lebensstandard angestrebt, damit Menschen ein menschenwürdiges Leben haben. Sie sollen nicht um Dienstleistungen in Politik und Verwaltung betteln müssen, sondern alle als gleichberechtigte Bürger*innen behandelt werden.

Schließlich müssen dringend Anstrengungen unternommen werden, um eine Form von Gerechtigkeit in der Region zu erreichen, die die Ursachen der Ungerechtigkeiten bekämpft. Auch das ist entscheidend für die Sicherung der christlichen Präsenz in der Region. Die anhaltenden Kriege, die Demütigungen der Menschen und die Enttäuschung darüber, dass der langerwartete Frieden immer noch in weiter Ferne ist, haben ein Gefühl der Hilflosigkeit und Müdigkeit geschaffen, das viele Christ*innen dazu gebracht hat, die Zukunft ihrer Kinder außerhalb der Region zu sichern. Viele sagen: „Wir wollen nicht, dass unsere Kinder leiden, was wir erlitten haben.“ Also verlassen sie die Region und kommen zurück, wenn sie in Rente gehen, während ihre Kinder ihr Leben im Ausland mit der ständigen Sehnsucht nach ihrem Mutterland und ihre Kultur fortsetzen. Deshalb versuchen die Kirchen im Mittleren Osten, insbesondere die katholische Kirche, mit den Menschen, die in der Diaspora leben, in Verbindung zu bleiben, in der Hoffnung, dass sie eines Tages wiederkommen werden. Die Kirche bleibt das Leuchtfeuer der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und wirkungsvolle christliche Präsenz.

Das Interview führte Freddy Dutz.

EMW-Dossier EMW-Dossier Nr. 4/2021

„Arabischer Frühling“ 2021

Hoffnungsvoll hatte für viele Menschen 2011 der „Arabische Frühling“ begonnen, doch in manchen Regionen des Mittleren Osten wurde er zum „Winter“. Hunderttausende sind geflohen, darunter auch Christ*innen. Dadurch ergeben sich für ihre Kirchen neue Herausforderungen, aber auch kleine Lichtblicke.

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