Familie Tutu

Desmond und Mpho Tutu – Beide sind Geistliche der Anglikanischen Kirche und setzen sich für Menschenrechte ein. Während sich Vater Desmond aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, engagiert sich Mpho auf vielen Ebenen, auch gemeinsam mit ihrer Ehefrau. Pfarrerin Kerstin Söderblom hat Vater und Tochter kennengelernt und erinnert sich an diese besonderen Begegnungen.

Desmond Tutu © Foto: Peter Williams/WCC | Desmond Tutu

Ich habe den ehemaligen Erzbischof Desmond Tutu 1996 in Kapstadt in Südafrika kennen gelernt. In dem Sommer besuchte ich meine Freundin Wilma Jakobsen in Kapstadt und absolvierte dort ein Auslandsgemeindepraktikum. Wilma Jakobsen ist anglikanische Priesterin aus Südafrika. Sie war zu der Zeit Kaplanin am Erzbischofsitz von Kapstadt und arbeitete für und mit Desmond Tutu eng zusammen. Im Juni und Juli 1996 wurde Desmond Tutu in Kapstadt vom Amt des Erzbischofs in den Ruhestand verabschiedet. Eine Feier folgte der anderen. Es gab viel zu tun. Ich half mit bei den Vorbereitungen. Dafür war ich bei den Feierlichkeiten eingeladen. Es war eine wunderbare Erfahrung!

Bemerkenswert war es für mich, Desmond Tutu kennenzulernen. Mit seinem schwarzen Anzug und seinem lila Kollar-Hemd machte er zunächst mächtig Eindruck auf mich. Aber als wir einander vorgestellt wurden, blitzten mich seine neugierigen Augen freundlich an, und er begrüßte mich herzlich am Bischofssitz. Er dankte mir für meine Mitarbeit in hektischen Zeiten und behandelte mich danach, als gehörte ich schon immer zum Bischofsitz dazu. Was für ein Einstand!

Schon morgens um 8 Uhr begann der Tag mit einer Morgenandacht in der Kapelle des Bischofsitzes. Danach gab es Tee mit dem Erzbischof. Alle Mitarbeitenden waren eingeladen. Es wurde über die anstehenden Aufgaben des Tages gesprochen. Zum Abschluss sprach Tutu ein Gebet und segnete die Anwesenden. Es war eine hektische Zeit mit vielen Gottesdiensten, Feiern und offiziellen Anlässen des Abschiednehmens. Und trotzdem erfüllte mich bei den Morgenandachten und beim Morgentee im Bischofssitz eine eigentümliche Ruhe. Es waren kostbare Momente. Denn ich lernte Desmond Tutu „hinter den Kulissen“ kennen. Trotz des Aufhebens, das um ihn gemacht wurde, war Desmond Tutu freundlich und ließ sich Zeit. Er wollte wissen, wie es seinen Mitarbeitenden, Freundinnen und Freunden ging, was sie bewegte, was sie dachten. Auch mich fragte er nach meiner Herkunft und meiner Arbeit. Gleichzeitig war er humorvoll und witzig. Er sprühte vor Energie, und zu jedem Stichwort konnte er eine Geschichte erzählen.

Desmond Tutu ist nur etwa 1,60 Meter groß. Aber wenn er einen Vortrag hielt oder predigte, strahlte er eine Energie aus, die mich begeisterte. Tutu hatte kein Amt inne, er lebte es, atmete es und meinte es ernst. Die Gottesebenbildlichkeit der Menschen und damit die Würde eines jeden einzelnen vor Gott und den Menschen waren eines seiner theologischen Leitmotive, das ich damals von ihm hörte. Seine Worte klangen glaubwürdig. Sie waren auf persönliche Erfahrungen und gesellschaftspolitische Ereignisse in Südafrika gegründet. So geht Theologie, die sich aufs Leben bezieht und relevant ist!

Widerstand gegen das Apartheidregime

Als schwarzer Priester und Erzbischof hatte er sich gegen das Apartheidregime Südafrikas gestellt, gegen Rassismus und Gewalt gepredigt und Demonstrationen gegen die weiße Apartheid-Regierung angeführt. In einer Zeit, in der Kritik am Regime lebensgefährlich war, fand er klare Worte und vermittelte gleichzeitig zwischen den Parteien. Er bezog Stellung und kritisierte die Mächtigen. Dafür musste er sogar ins Gefängnis. Er wurde und wird nicht nur von den Gläubigen der Anglikanischen Kirche in Südafrika, sondern von den meisten Südafrikanern und Südafrikanerinnen respektiert und verehrt.

Nach seinem Ruhestand arbeitete er weiter. Er hielt Vorträge und Gottesdienste in allen Erdteilen und hat an verschiedenen Seminaren und Colleges in den USA und anderswo Theologie gelehrt. Vor allem wurde er von Präsident Nelson Mandela zum Vorsitzenden der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika berufen.

Die Kommission sollte in Südafrika die Verbrechen von Angehörigen aller Volksgruppen unabhängig von der Hautfarbe der Täter aufklären. Sie wurde 1996 eingesetzt und arbeitete bis 1998. Die Kommission war ein einzigartiges Forum, in dem Opfer des rassistischen Apartheidregimes ihre Leiderfahrungen schildern konnten, während die Täter ihnen zuhören mussten. Diejenigen Täter, die ihre Schuld vollständig gestanden und sich entschuldigten, erhielten eine Amnestie vom neu gegründeten Regenbogenstaat, den der ehemalige Jurist und Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela als Präsident anführte.

Glaube an die Kraft der Versöhnung

Die Opfer wurden angehört und erhielten finanzielle Entschädigung. Das Verfahren war nicht unumstritten. Die Amnestie der Täter wurde von vielen kritisiert. Das Verfahren garantierte aber eine öffentliche Aufarbeitung des Geschehenen und gab zumindest einigen der Millionen Opfer und ihren Angehörigen ihre Würde zurück. Ihre Geschichten wurden veröffentlicht, dokumentiert und ihr Leid und ihr Verlust anerkannt. In manchen Situationen gab es die Bitte um Vergebung von den Tätern, in anderen Momenten fand tatsächlich Versöhnung statt. Als gläubiger Christ glaubte Desmond Tutu fest an die Kraft der Versöhnung. Auch wenn es schrecklich gewesen sein muss, sich als Vorsitzender der Kommission die zahllosen Geschichten von Unrecht, Gewalt, Unterdrückung und Mord gegenüber schwarzen und farbigen Frauen, Männern und Kindern und ihren weißen Verbündeten anhören zu müssen.

Das größte Wunder Südafrikas hatte sicher auch mit der gesellschaftlichen Wirkung der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu tun. Das Ende des Apartheidregimes, die Neugründung des demokratischen Republik Südafrika und die Wahl des schwarzen Präsidenten Nelson Mandela im Jahr 1994 und in den Folgejahren vollzog sich einigermaßen friedlich. Desmond Tutu hatte daran einen wichtigen Anteil.

Desmond Tutu war und ist weltweit ein geachteter Geistlicher. 1984 erhielt er den Friedensnobelpreis für sein öffentliches Engagement im Anti-Apartheidkampf. Sein Wort galt und gilt und findet weltweit Beachtung. Unermüdlich setzte er sich auch über seinen Ruhestand hinaus gegen alle Formen von Unrecht und Gewalt ein. Insbesondere kämpfte er gegen die Stigmatisierung von HIV- und AIDS-Kranken. Gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans*-, Intersexuellen und Queers (LSBTIQ) hat er immer wieder öffentlich protestiert, gepredigt und geschrieben. Ebenso hat er sich für die Öffnung der Ehe für lesbische und schwule Paare in Südafrika eingesetzt.

Vater und Tochter im Einsatz für Menschenrechte

Für Tutu hängen Unrechtsstrukturen von Rassismus, Sexismus, Gewalt gegen Frauen, gegen LSBTIQ und gegen andere Minderheiten zusammen. Insofern ist er ein starker Verbündeter, der sich solidarisch an die Seite derjenigen gestellt hat, die aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Religion, Geschlechtsidentität oder ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden und werden.

Vor diesem Hintergrund freute es mich umso mehr, dass seine Tochter Mpho Tutu Ende Dezember 2015 ihre langjährige Partnerin Marceline Furth in Amsterdam geheiratet hat. Mpho Tutu ist ebenfalls anglikanische Priesterin. Sie wurde von ihrem Vater in Südafrika 2004 zur Priesterin geweiht. Darüber hinaus engagiert sie sich gegen Armut, Rassismus, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit. Außerdem ist sie im Vorstand der Global Aids Alliance der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ihre Partnerin Marceline Furth arbeitet als Professorin für Infektionskrankheiten an der Freien Universität in Amsterdam und leitet ein nach Desmond Tutu benanntes Förder- und Austauschprogramm im Bereich der Medizin.

Mpho Tutu ist mit ihrem Einsatz für Menschenrechte in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Und trotzdem lebt sie ihr eigenes Leben. Weiterhin alles Gute dafür!

Pfarrerin Dr. Kerstin Söderblom ist Hochschulpfarrerin in Mainz.
(Erschienen als Blogeintrag auf evangelisch.de in der Rubrik „kreuz & queer“ am 20.01.2016, nicht mehr online)

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