Gemeinsam für mehr Gerechtigkeit

Seit 2009 rufen die Vereinten Nationen am 20. Februar dazu auf, soziale Ungerechtigkeit zu überwinden. In diesem Jahr steht der Welttag unter dem Motto: „Soziale Gerechtigkeit durch reguläre Beschäftigung erreichen“. Die Suche nach Einheit und sozialer Gerechtigkeit ist seit mehr als 100 Jahren Ziel der World Student Christian Federation. Ihr Generalsekretär Marcelo Leites sieht in dem heutigen Welttag für Soziale Gerechtigkeit eine weitere Gelegenheit, Probleme sichtbar zu machen und international und generationenübergreifend an einer gerechteren und friedlicheren Welt zu arbeiten.

More Equality, More Love – Mehr Gleichberechtigung, Mehr Liebe. © Foto: Cody Pulliam/unsplash | More Equality, More Love – Mehr Gleichberechtigung, Mehr Liebe.

Soziale Gerechtigkeit – was bedeutet das für Sie?

Soziale Gerechtigkeit zur Grundlage meines Handelns zu machen, bedeutet auch, darüber nachzudenken, was es bedeutet, als Christ*in zu handeln. Nach dem Reich Gottes zu streben, bedeutet für mich, dass diese Gerechtigkeit für alle gegeben sein muss. Unter sozialer Gerechtigkeit verstehe ich nicht nur die Gleichberechtigung und die Einhaltung von Menschenrechten, sondern gleichzeitig auch die Sorge für Klima- und ökologische Gerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit ist also nicht nur ein leerer Begriff, sondern eine Kette von miteinander verbundenen Konzepten, die Gerechtigkeit aus verschiedenen Perspektiven betrachten, wie zum Beispiel: Geschlechtlichkeit und Sexualität, Klima, Finanzen und Wirtschaft, Rassismus und Minderheiten, Generationen und vieles mehr. Diese Liste ist endlos.

Marcelo Leites ist Generalsekretär der World Student Christian Federation (WSCF). © Foto: WSCF | Marcelo Leites ist Generalsekretär der World Student Christian Federation (WSCF).

Wie setzt sich die World Student Christian Federation für soziale Gerechtigkeit ein?

Die World Student Christian Federation (WSCF) ist ein sehr großer ökumenischer und interkultureller Zusammenschluss von Jugend- und Studierendenorganisationen in der Welt der internationalen Ökumene. Seit mehr als 100 Jahren ist ihr Ziel die Suche nach Einheit und sozialer Gerechtigkeit. Die Veranstaltungen und Kampagnen der WSCF sind eingebettet in eine transformative ökumenische Diakonie und biblische und theologische Reflexion. Dies gibt uns ein Gefühl der gemeinsamen Identität, jenseits von geografischen Unterschieden und dem öffentlichen Auftreten. Dieses Gefühl treibt uns an, mit der prophetischen Stimme anzuprangern und zu handeln, begründet in einer aktiven Hoffnung.

Im Jahr 2022 veranstaltet die WSCF ihre 37. Vollversammlung. In diesem Rahmen wird ein neuer Plan formuliert, der die aktuellen Bedürfnisse junger Menschen und Studierender berücksichtigt. Besonders in den Blick genommen werden sollen diejenigen, die am meisten unter Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Ungleichheit leiden. Es gibt bedingt durch die Covid-19-Pandemie neue Faktoren, die zu den bereits bekannten Krisen hinzukommen und diese exponentiell verschärfen. Im Rahmen der „Post-Pandemie“, der globalen kontextuellen Veränderungen aufgrund der Folgen der Hyperglobalisierung und der Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien bereitet sich auch WSCF darauf vor, Richtungen vorzugeben, die sich an diese Realitäten anpassen, die wir als ökumenische Jugend- und Studierendenorganisation nicht ignorieren können.

Welche Veränderung würden Sie sich für die Welt im Jahr 2022 wünschen?

Ein Kooperationsabkommen zwischen der internationalen Gemeinschaft unter aktiver Beteiligung der Kirchen und der ökumenischen Bewegung, um für die Beseitigung der Ungerechtigkeiten zu kämpfen, die durch die Covid-19-Pandemie noch verschärft wurden.

Das UN-Thema für den diesjährigen Welttag der Sozialen Gerechtigkeit lautet „Soziale Gerechtigkeit durch reguläre Beschäftigung erreichen“ – wie ist die Situation in Ihrem Kontext für Arbeitnehmer*innen und junge Menschen, die Arbeit suchen?

Das diesjährige Thema ist sehr wichtig. Bei der Suche nach sozialer Gerechtigkeit darf man die Ungleichheiten nicht übersehen, die oft hinter anderen Krisen zurücktreten. Ungleichheit ist etwas anderes als Armut, aber nicht weniger angstbesetzt, ausgrenzend und diskriminierend.

Den Zahlen aus der Zeit vor der Pandemie zufolge ist die Kluft zwischen Arm und Reich in Lateinamerika weltweit am größten. Arbeit im informellen Sektor ist einer der Gründe dafür, dass Ungleichheiten und Ausgrenzung auf diesem Niveau bleiben oder sich während der Pandemie auf verheerende Weise verstärkt haben. Etwa 40 Prozent der Menschen in Südamerika arbeiten im informellen Sektor und ohne jede Art von sozialer Absicherung. Dies trifft auch auf andere Regionen der Welt zu. Insbesondere junge Menschen werden oft durch die informelle Arbeit in die Armut gedrängt.

Heutzutage haben Start-ups, die zu finanziellen „Einhörnern“ geworden sind, zu einem neuen Paradigma in den Arbeitsbeziehungen geführt. Die Plattformen der digitalen Wirtschaft, die „Uberization“ der Wirtschaft [Anm. d. Red.: das Zusammenbringen von Anbietenden und Kund*innen], die Medien, der Diskurs der Meritokratie, der Wettbewerb auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt haben dazu geführt, dass wir alle glauben, dass diese Unternehmen für die Volkswirtschaften von Vorteil sind. Aus unserem ökumenischen, christlichen, kritischen und prophetischen Verständnis heraus sind wir jedoch verpflichtet, Antworten zu geben, anzuprangern und Reden und Vorschläge zur Überwindung sozialer Ungleichheit zu machen.

Vielleicht haben wir an diesem Tag eine weitere Gelegenheit, diese Probleme sichtbar zu machen, international und generationenübergreifend in Solidarität weiterzuarbeiten, um eine Welt aufzubauen, in der sich Gerechtigkeit und Frieden küssen. Wir haben bereits einige Ideen, um mit der Arbeit zu beginnen, lassen Sie es uns gemeinsam tun!

Das Interview führten Christiane Gebauer und Corinna Waltz.


Zur Person

Marcelo Leites ist Generalsekretär der World Student Christian Federation, einer Partnerorganisation der Evangelischen Mission Weltweit. Er stammt aus Uruguay und hat soziale Arbeit und Philosophie studiert, bevor er zur WSCF kam. Als Generalsekretär koordiniert und leitet er die Arbeit des Verbandes. Die World Student Christian Federation beschäftigt sich unter anderem mit Themen der sozialen Gerechtigkeit, der Geschlechtergerechtigkeit, der Nachhaltigkeit, der Friedensforschung und der Theologie und Spiritualität.


Welttag für Soziale Gerechtigkeit

2009 haben die Vereinten Nationen (United Nations, UN) erstmalig den Welttag der Sozialen Gerechtigkeit ausgerufen. Seitdem wird er regelmäßig am 20. Februar mit jährlich wechselnden Schwerpunkten begangen, um aufmerksam zu machen und dazu aufzurufen, soziale Ungerechtigkeit zu überwinden. 2022 steht der Welttag unter dem Motto: „Soziale Gerechtigkeit durch reguläre Beschäftigung erreichen“.

Weltweit sind mehr als 60 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in der Schattenwirtschaft beschäftigt. Das bedeutet, dass rund zwei Millionen Menschen in prekären oder zumindest nicht vollständig regulären Arbeitsverhältnissen stehen. Die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie anfällig diese Arbeitskonstrukte in Krisen sind und wie verletzlich dadurch die in ihnen beschäftigten Menschen werden. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass unter den Herausforderungen der Pandemie immer mehr reguläre Arbeitsverhältnisse in prekäre Jobs umgewandelt werden.

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