Gottesdienst als Herzschlag

Heute startet die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Karlsruhe. Miriam Spies, Pastorin aus Kanada, ist Teil des Komitees, das die Gottesdienste der Vollversammlung vorbereitet. Im Interview spricht sie über die Vollversammlung, die Vorversammlungen und die Veränderungen, die sie sich von Kirche erhofft.

Gebetszelt am Vorabend: Hier wird am 31. August der Eröffnungsgottesdienst der ÖRK-Vollversammlung gefeiert. © Foto: Corinna Waltz/EMW | Gebetszelt am Vorabend: Hier wird am 31. August der Eröffnungsgottesdienst der ÖRK-Vollversammlung gefeiert.

Was sind die Pläne des Gottesdienst-Komitees für die Vollversammlung?

Wir planen, dass der Gottesdienst der Herzschlag der Versammlung sein soll. Wir hoffen, dass alle Teilnehmenden Gott anbeten und als Gemeinschaft zusammenkommen können. Es gibt Musik und Musiker*innen aus der ganzen Welt, und wir werden verschiedene Arten von Musik hören. Das soll einer der Höhepunkte der Versammlung sein. Wir werden auch viele Stimmen und verschiedene Menschen im Gebet hören.

Im Vorfeld fanden verschiedene Vorversammlungen statt. Sie sollen Minderheitengruppen wie indigene Völker, Menschen mit Behinderungen, Jugendliche oder Frauen zusammenbringen und stärken. Wird die Versammlung diese Stimmen hören?

Ich hoffe es. Das können Menschen mit Behinderungen, Frauen oder Menschen aus Palästina und Korea sowie Menschen sein, die in Gefahr leben und unter Gewalt leiden. Ich hoffe, wir werden diese Stimmen hören und nicht nur die der Europäer*innen und Nordamerikaner*innen.

Ich setze mich sehr für Menschen mit Behinderungen ein und versuche, den Weg zu ebnen, damit wir Gemeinden leiten können. Gegenwärtig werden die Menschen immer mehr für dieses Thema sensibilisiert. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns.

Meiner Erfahrung nach haben die Menschen oft Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie sie mit behinderten Menschen zusammenarbeiten sollen. Wie wir kommunizieren würden. Wie man mit uns ins Gespräch kommt und zusammenarbeitet. Wenn die Menschen nicht viele Kontakte haben, fehlt ihnen oft die Vorstellungskraft dafür. Um diese Vorstellungskraft zu gewinnen, müssen wir die Beziehungen stärken und an Bildung, Interessenvertretung und Sichtbarkeit arbeiten.

Pfarrerin Miriam Spies ist im Gottesdienst-Komitee bei der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe. © Foto: Christiane Ehrengruber/EMW | Pfarrerin Miriam Spies ist im Gottesdienst-Komitee bei der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe.

Wie sollen die Menschen mit Ihnen in Kontakt treten, wenn sie Sie zum ersten Mal treffen?

Einfach „Hallo“ sagen. Und seien Sie offen und geduldig. Es kann etwas dauern, bis man meine Sprache versteht, also haben Sie bitte Geduld. Wenn ich auf die Unbeholfenheit anderer eingehe, versuche ich es in der Regel mit Humor und mache auch Witze.

Warum ist es so wichtig, dass die Kirchen aktiv sind? Können sie einen Einfluss auf die Gesellschaft insgesamt haben?

Ich denke, die Kirche kann eine prophetische Stimme in der Gesellschaft sein. Wir können der Welt zeigen, was möglich ist. Und die Welt kann sehen, dass es einen anderen Weg gibt, Gemeinschaft aufzubauen. Das wird immer schwieriger, je säkularer die Gesellschaften werden.

In meiner Forschung versuche ich, Wissen aufzubauen und die Kirchen zu inspirieren, inklusiver und vielfältiger zu werden. Dabei versuche ich, intersektional zu sein, wenn es möglich ist. Denn wir stehen vor ähnlichen Problemen, wenn es darum geht, als Führungskräfte wahrgenommen zu werden und zu sprechen. Ich hoffe, dass die ÖRK-Vollversammlung ein guter Ort sein wird, um diese intersektionalen Netzwerke zu stärken. Wenn wir uns in Gruppen aufteilen und in unseren Gruppen bleiben, kann das ein Echo sein. Wir können nur uns selbst hören. Ich denke also, dass wir strategischer vorgehen müssen, wenn es darum geht, wo wir sind und mit wem wir zusammen sind. Es ist kompliziert, aber ich hoffe, wir können gemeinsam wachsen.

Das Interview führten Christiane Ehrengruber und Corinna Waltz.


Zur Person

Miriam Spies ist ordinierte Pfarrerin in der Vereinigten Kirche von Kanada. Sie ist Mitherausgeberin des Canadian Journal of Theology, Mental Health and Disability und Doktorandin am Emmanuel College in Toronto, Kanada. Ihre Forschung zielt darauf ab, die Kirche herauszufordern, wie sie Führungsaufgaben sieht und wen sie für diese Aufgaben anstrebt. Ihr Leben mit einer körperlichen Behinderung hat sie dazu veranlasst, Modelle der Inklusion und theologischen Einheit in Frage zu stellen, die keinen Raum für die Stimmen und Bedürfnisse der Menschen lassen.

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