Hoffnungsvolle Brückenbauerin

Sarah Vecera ist als Person of Color in Deutschland und damit, wie sie selbst sagt, in einer weißen Kirche aufgewachsen. Ihr Traum: Eine Kirche, in der sich alle Menschen willkommen und nicht „fremd“ fühlen. Dafür setzt sie sich ein und weiß: Veränderungsprozesse sind ein Marathon und kein Sprint. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen hat sie am heutigen Tag der Menschenrechte die neue VEM-Kampagne zum Thema „Gegen Diskriminierung und Ausgrenzung“ vorgestellt.

Sarah Vecera © Foto: privat | Sarah Vecera

Das Gefühl, anders zu sein, begleitet Sarah Vecera schon seit ihrer Kindheit. Lange konnte sie das, was sie fühlt und erlebt, nicht in Worte fassen. „Dass ich schon im Kindergarten Rassismus erfahren habe, hat damals niemand so benannt“, erzählt die heute 37-Jährige. „Rassisten waren Nazis mit Baseballschlägern“.

Als junge Erwachsene beginnt Vecera, sich mit Fragen von Identität, Dominanzgesellschaft und Zuschreibungen des „Andersseins“ zu beschäftigen und Bücher dazu zu lesen. „Es war wie eine Befreiung, Worte zu finden, für das was ich erlebe, und zu verstehen: Das liegt nicht an mir, sondern an einem System“, beschreibt die Theologin ihren persönlichen Lernprozess. Über die Rassismuserfahrungen anderer People of Color zu lesen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, habe ihr geholfen, selbst sprachfähig zu werden. Heute will sie anderen helfen, Worte zu finden und Rassismus zur Sprache zu bringen. Aber ein Vokabular zu entwickeln, sei gar nicht so leicht. Zum Beispiel gebe es bisher für „People of Color“, eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden, noch keinen deutschen Begriff.

„Wir müssen über die vielfältigen Formen von Rassismus ins Gespräch kommen. Nur so können wir unsere eigenen strukturellen, institutionellen und individuellen Rassismen entlarven, reflektieren und überwinden.“ Und davon nimmt sie sich selbst nicht aus: „Nur weil ich Rassismus erlebe, bin ich nicht frei davon, Rassismus auszuüben. Auch ich bin hier in Deutschland und in einer weißen Kirche aufgewachsen und habe Rassismus internalisiert.“

Rassismus und Kirche ist ihr Thema

„Ich bin selbst in der Kirche aufgewachsen, das ist meine Heimat und hier will ich Lernprozesse anstoßen und Veränderung mitgestalten“, erklärt die zweifache Mutter. Auf ihrem Instagram-Profil @moyo.me teilt sie ihren Alltag und nimmt den deutschen Alltagsrassismus in den Blick – auch den in der Kirche. Gefragt nach einem Beispiel für Alltagsrassismus, erzählt sie vom Besuch beim Kinderarzt. Neben den üblichen Fragen zur Gesundheit ihrer Kinder, fragte der Arzt auch, welche Sprachen ihre Kinder sprechen. Ihre Antwort: „Deutsch, warum?“ Die Frage nach ihrer Herkunft, ob direkt oder indirekt, ziehe sich durch ihr Leben und werde ihr mehrmals die Woche gestellt.

„Ich bleibe ‚fremd‘. Da helfen auch keine guten Manieren, eine gewisse Bildung, mein deutscher Pass mit Geburtsort Oberhausen, meine Ordination in der Evangelischen Kirche im Rheinland, Interesse an deutschem Kulturgut von Goethe über Currywurst bis hin zu Wolfgang Petry, mein Bausparvertrag mit bester Zinsbindung, das Eigenheim im Spießerstadtteil, ein weißer Ehemann, zwei weiße Kinder, ein überproportionaler Hang und Eifer zu Effektivität, fundiertes Wissen über die NS-Zeit oder ein ordentlicher Ruhrpott-Dialekt“, schreibt Sarah Vecera in einem Blogbeitrag.

Mehr als 4000 Menschen haben ihren Instagram-Kanal abonniert. Bisher erlebe sie überwiegend positive Reaktionen darauf, dass sie andere mit in ihren Alltag hineinnimmt und zeigt, welche Herausforderungen es als Person of Color in einer weißen Gesellschaft und in einer weißen Kirche gibt. Doch es gibt auch Anfeindungen und Drohnachrichten. Kritisch sei es nach einem epd-Interview gewesen, in dem sie eine Quote für People of Color für die evangelische Kirche vorgeschlagen hat. „Da gab es in den Kommentaren ganz viel Hass, aber das lese ich mir nicht alles durch. Ich glaube, da war ich auch ein Ventil für Leute, die ohnehin schon aus der Kirche ausgetreten waren und ihrem Frust noch mal freien Lauf lassen wollten.“

Auch Kirche hat Rassismus untermauert

Rassismus zu überwinden, das könne man nicht mal eben so erledigen. Immerhin gehe es hierbei um ein mehr als 500 Jahre altes Konstrukt, das aus eurozentrischer, weißer Perspektive entstanden ist, um Ausbeutung und Sklaverei zu legitimieren. Als Beginn gelte in der Rassismusforschung das Jahr 1492, in dem Kolumbus die Amerikas entdeckt hat. „Der Glaube an die Erfindung von Menschenrassen und daran, dass es genetische Unterschiede gibt, besteht bis heute unbewusst in unseren Köpfen“, ist Vecera überzeugt. Jahrhunderte lang habe man versucht, diese Lüge naturwissenschaftlich, philosophisch und auch theologisch zu belegen. „Das hat sich eingebrannt.“

Auch Kirche habe Rassismus untermauert und wurde benutzt, um diesen zu untermauern. „Unsere Kirche ist eine Kirche der Weißen, in der sich weiße, westlich geprägte Gottesbilder manifestiert haben“, erklärt die ordinierte Prädikantin der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie selbst habe als Person of Color Schwierigkeiten, sich Gott nicht als „weißen Mann“ vorzustellen. „Das kommt auch daher, dass Theologie oft von weißen Männern gelehrt und vermittelt wird.“

Ein Blick in Kinderbibeln zeige, dass Jesus meist als weißer Mitteleuropäer dargestellt wird, obwohl er historisch betrachtet Person of Color war. „In Kinderbibeln begegnen uns nicht nur rassistische Stereotype, sondern auch sexistische und antisemitische“, kritisiert die Theologin. Die VEM hat sich vorgenommen, das zu ändern, und eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die an einer antirassistischen Kinderbibel arbeitet. „Wir wollen in Textauswahl und Darstellung ausdrücklich eine biblische Theologie stark machen, die sich gegen jede Form von Diskriminierung wendet“, erklärt Sarah Vecera, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Claudia Währisch-Oblau das Projekt leitet.

Diversität gehört auch ins Kinderzimmer

Der Kanon für die Kinderbibel steht bereits, Kriterien für Bild- und Textsprache ebenfalls. Auch die Ausschreibung für eine Illustratorin und eine Autorin waren erfolgreich. „Ich freue mich schon darauf, unsere Bibel mit meinen Kindern zu lesen“, sagt die zweifache Mutter. Diversität im Kinderzimmer ist ihr wichtig, denn Denk- und Verhaltensmuster prägen sich früh ein.

Reden, Zuhören, Verstehen und Veränderung miteinander gestalten – das ist die Maxime von Sarah Vecera, die auch die monatlichen VEM-Seminare per Videokonferenz prägen. „Wir erklären Begrifflichkeiten, zeigen Definitionen von Rassismus auf, stellen Zusammenhänge in Kirche und Theologie fest, führen in die Geschichte und in die damit entstandene Erfindung der Menschenrassen ein und bieten Raum zur Selbstreflexion, um sprachfähig zu werden“, berichtet die VEM-Bildungsreferentin mit dem Themenschwerpunkt „Rassismus in Kirche und Theologie“. In der Auseinandersetzung mit Menschen, ihren Fragen und Erfahrungen lerne sie selbst immer wieder Neues.

Themen wie Sexismus oder interkulturelle Kirche oder das Ringen um den Begriff Mission bespricht sie mit ihrer Co-Moderatorin Thea Hummel im Podcast „United in Mission“. Dazu laden sie sich jeden Monat Gesprächsgäste ein, die diese Themen mit ihnen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. „Wir wollen unseren Hörer*innen genug Stoff bieten, um über ihren eigenen eurozentrischen Blick nachzudenken“, erklärt sie. In der Auseinandersetzung mit dem eigenen Weißsein könne das ein guter Anstoß sein, über Rassismus nachzudenken. „Teil des kolonialen Erbes ist es schließlich, uns als die Norm zu sehen und alle anderen als anders und fremd.“ Diese Denkmuster und Zuschreibungen will Sarah Vecera durchbrechen und so Brücken bauen und zum gemeinsamen Handeln einladen, damit ihr Traum von einer Kirche, in der sich alle willkommen und nicht fremd fühlen, wahr wird.

Corinna Waltz

VEM-Menschenrechtsaktion 2022

Die Aktion steht, wie im Vorjahr, unter dem biblischen Leitwort aus Jakobus 4,12 „Wer aber bist du, dass du deine Nächsten verurteilst?“. „Als VEM-Gemeinschaft in drei Erdteilen sagen wir Nein zu allen Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung. Gemeinsam stehen wir für eine Welt, in der sich Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion und ihrem Geschlecht, in Respekt und Anerkennung ihrer Würde und Menschenrechte begegnen und miteinander leben“, so Dr. Jochen Motte, Mitglied im Vorstand der VEM. In Afrika wird die diesjährige Aktion mit einer Reihe von Projekten die Rechte von Menschen mit Behinderung stärken. In Asien sehen sich Christen und Christinnen in vielen Bereichen in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt oder bedroht. In Projekten und Aktionen treten sie gemeinsam mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit gegen Diskriminierung aufgrund des Glaubens ein. In Deutschland wollen Kirchen durch Bildungs- und Aufklärungsarbeit mit Kindern und Erwachsenen rassistische Diskriminierung überwinden.

VEM-Menschenrechtsaktion 2022

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