Hongkong – ein chinesischer Traum?

Chinas Traum ist Hongkongs Alptraum. Am 25. Jahrestag der Übergabe Hongkongs an China, dem 1. Juli 2022, wird John Lee neuer Regierungschef von Hongkong. Die Befürchtung der Hongkonger*innen: Durch ihn wird die chinesische Staatsmacht ihren politischen Einfluss noch deutlicher durchsetzen. Dies könnte auch noch größere Einschränkungen für Christ*innen, ihre Gemeinden und ihre Oberhäupter bedeuten. ZMÖ-Referentin Isabel Friemann (Ostasienreferat und Chinainfostelle) gibt einen Einblick in die aktuelle Lage.

Hongkong war lange ein Ort großer Freiheit. © Foto: Philiphaus Gemeinde, Hongkong  | Hongkong war lange ein Ort großer Freiheit.
Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping hat den „chinesischen Traum“ zum Leitmotiv seiner Regierungszeit bestimmt. China soll im stolzen Bewusstsein seiner herausragenden Geschichte, Stärke zeigen und international die Achtung und den Einfluss erlangen, die dem Land schon lange zustehen. Diese Vision ist für viele Bürger*innen Hongkongs ein Alptraum, weil er mit der Einschränkung individueller Freiheitsrechte für sie verbunden ist. Christliche Gruppen stehen besonders unter Beobachtung, was dazu geführt hat, dass es sehr ruhig geworden ist um die Kirchen und sich kaum noch kritische Stimmen zu Wort melden.

Am 1. Juli tritt John Lee das Amt des Regierungschefs von Hongkong an, zwei Jahre nach Einführung des Sicherheitsgesetzes, welches Anlass zu anhaltenden massiven Protesten der Hongkonger Bevölkerung gegeben hatte. Lee war als Staatssekretär für Sicherheit maßgeblich an der Unterdrückung der Proteste beteiligt. Er ist der Wunschkandidat Pekings und gilt als verlängerter Arm der chinesischen Staatsmacht, die ihren politischen Einfluss durch ihn noch deutlicher durchsetzen wird.

Erinnerung wird gelöscht oder überschrieben

Eine Bedingung für die Übergabe Hongkongs durch Großbritannien an die Volksrepublik China 1997 (1999 kam Macao dazu) war die vertragliche Vereinbarung, Hongkong für 50 Jahre die Beibehaltung des liberalen politischen Systems zu garantieren. Dieser Vertrag, auch bekannt als „Ein Land, zwei Systeme“ hätte demnach bis 2047 gültig sein sollen. Mit der Einführung des Sicherheitsgesetzes 2020 wurde dieser Vertrag de facto außer Kraft gesetzt. Neben der Einführung von Mandarin als dritter offizieller Sprache neben Kantonesisch und Englisch werden in den offiziellen Sprachgebrauch immer mehr Wendungen eingeführt, die vorgeben, wie Geschichte und Gegenwart interpretiert werden sollen. Gleichzeitig wird Erinnerung gelöscht oder überschrieben.

So wurde 2020 die Bezeichnung Hongkongs als britische Kolonie aus allen Museen entfernt. In einem neu aufgelegten Schulbuch für Staats- und Bürgerkunde wird sogar behauptet, Hongkong sei nie eine Kolonie gewesen, Großbritannien habe nur eine koloniale Herrschaft ausgeübt. Damit wird Hongkong die rechtsstaatliche Souveränität unter britischer Herrschaft aberkannt. Um Mahnwachen und jegliche Erinnerung an das Tiananmen-Massaker am 4. Juni 1989 zu verhindern, sind 2021 Skulpturen und Gedenktafeln aus verschiedenen Universitäten abmontiert worden. Zum ersten Mal waren alle Aktivitäten zum Gedenken an den Jahrestag in diesem Jahr verboten.

Das Christentum gilt als unpatriotisch

Christliche Straßenaktionen werden seltener. © Foto: Philiphaus Gemeinde, Hongkong  | Christliche Straßenaktionen werden seltener.

Die starke christliche Präsenz in Hongkong, die sich neben bestehenden Kirchen und Gemeinden auch in der Trägerschaft von Schulen und Universitäten widerspiegelt, wurde in der chinesischen Presse während der Demonstrationen 2019-2020 besonders stark kritisiert und als ein Kennzeichen ausländischer Unterwanderung gebrandmarkt. Generell wird das Christentum, auch in der Volksrepublik, beargwöhnt, dem Westen zu positiv gegenüberzustehen und damit unpatriotisch zu sein. In den letzten zwei Jahren haben viele Intellektuelle und Aktivist*innen Hongkong verlassen, darunter eine Reihe an Geistlichen.

Die Konten einiger Gemeinden wurden eingefroren. Christliche Newsletter, die über die Situation in Festlandchina berichtet haben, existieren nicht mehr. NGOs haben ihre Zulassung verloren. Die freie Presselandschaft trocknet zunehmend aus. Als ein Höhepunkt dieser Entwicklung kann die Festnahme des emeritierten katholischen Kardinals Zen am 11. Mai gewertet werden. Als Delikt wurde dem 90-Jährigen die Zusammenarbeit mit ausländischen Mächten vorgeworfen. Diese Festnahme war trotz aller Vorgeschichte ein Schock und sogar der Papst hat seine Besorgnis über diesen Vorgang öffentlich zum Ausdruck gebracht.

Hongkong galt bisher vielen als ein Sehnsuchtsort, als eine schwebende Stadt, die sich immer wieder neu erfindet und durch verschiedene Einwanderungswellen von Generation zu Generation neue Prägungen aufnimmt, als ein Ort der Möglichkeiten und Geheimnisse. Ist Hongkong im Begriff, den Zauber seiner besonderen Anziehungskraft zu verlieren? Oder entstehen unerwartet neue Räume und Ausdrucksformen, auch für seine christlichen Facetten? Der Geist Gottes weht, wo er will. Möge er sanft die Träume Hongkongs bewahren und beflügeln.

Isabel Friemann


Zur Person

Isabel Friemann ist Referentin im Ostasienreferat und der Chinainfostelle des Zentrums für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit.

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