Gerechter Frieden

Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Entsendung von Ökumenischen Begleiter*innen nach Israel/Palästina ausgesetzt werden. Was das für die Arbeit vor Ort bedeutet und warum dieses Programm so wichtig ist, weiß Andreas Grüneisen. Er hat 2009/2010 selbst am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) teilgenommen und engagiert sich seither im deutschen EAPPI-Netzwerk.

© Foto: privat

Nach seinem Eintritt in den Ruhestand ist Dr. Andreas Grüneisen über eine gute Bekannte auf das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel aufmerksam geworden, und sogleich war ihm klar: „Das ist mein Thema – eines, mit dem ich mich schon länger beschäftigt hatte, aber in der Berufstätigkeit nicht die Chance hatte, dem näherzukommen.“ Das EAPPI, eine Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen, unterstützt lokale und internationale Anstrengungen, israelische Besatzung zu beenden und zu einer Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts durch einen gerechten Frieden beizutragen. Teilnehmende aus verschiedenen Ländern verbringen jeweils drei Monate in internationalen Teams in einem von sieben Einsatzorten. Andreas Grüneisen war 2009/2010 als Ökumenischer Begleiter in Bethlehem.

Auch Lobby- und Advocacyarbeit gehört zu den Schwerpunkten des Begleitprogramms, dessen nationale Koordination in Deutschland bei der EMW liegt. Andreas Grüneisen engagiert sich seit seinem Einsatz als Ökumenischer Begleiter im deutschen EAPPI-Netzwerk, dem Zusammenschluss der ehemaligen deutschen Teilnehmenden des Programms.

Dr. Andreas Grüneisen © Foto: privat | Dr. Andreas Grüneisen

Herr Grüneisen, was haben Sie von Ihren Erfahrungen mit nach Deutschland gebracht?

Meine Haupterfahrung war, dass die Situation in der Westbank für die Palästinenser*innen noch viel schlimmer ist, als ich es mir nach meiner (gedacht) intensiven Vorbereitung vorgestellt hatte. Die täglichen kleinen und großen Erniedrigungen und Schikanen, denen die Menschen ausgesetzt sind, treiben dem Beobachter die Tränen in die Augen. Sie haben keine Rechte, Übergriffe gegen sie werden nicht verfolgt. Das Ausmaß ist für uns ganz unvorstellbar. Meine Gesprächspartner*innen vor Ort haben mich immer wieder ermahnt, hier bei uns zu berichten und etwas zu tun, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und damit vielleicht ihre Lage zu verbessern. Darum bemühe ich mich.

Positiv beeindruckt haben mich die israelischen Friedensorganisationen, die allen Anfeindungen in der eigenen Gesellschaft zum Trotz sich tapfer für die Rechte der Palästinenser*innen einsetzen.

Durch die Corona-Pandemie waren in den vergangenen Monaten keine Entsendungen von EAPPI-Begleiter*innen möglich. Was bedeutet das nach Ihrer Einschätzung für die Situation vor Ort?

Seit einem Jahr haben wir keine Teilnehmenden vor Ort. Das ist schlimm, denn neben den fehlenden Kontakten zu uns sind die Menschen in der Westbank nun den besatzungsbedingten Rechtsverletzungen noch schutzloser ausgesetzt als sonst.

Wenn wir dort im Einsatz sind, haben wir zwar keinerlei Möglichkeit, Unrecht wirklich zu verhindern, aber die Einheimischen sagen uns regelmäßig, dass unsere Anwesenheit ihnen einen gewissen Schutz bietet. Das betrifft zum Beispiel Menschen, die täglich über die Checkpoints die Grenze nach Israel zur Arbeit passieren müssen. Besonders Schulkinder sind dankbar für die Begleitung auf dem Weg zur Schule, weil sie sonst Angst vor Belästigung und Gewalt haben.

Außerdem bringen die rückkehrenden Ökumenischen Begleiter*innen ihre Erfahrungen mit und verbreiten sie hier. Das trägt – so hoffen wir – dazu bei, die Kenntnis und das Verständnis zu vertiefen und letztlich auch die Politik zu beeinflussen, sich mehr als bisher für die Durchsetzung der Menschenrechte vor Ort einzusetzen. Wenn einmal seitens der Politik etwas unternommen wird, so passiert es unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung, gelangt nicht an die Öffentlichkeit und kommt so der Gesellschaft nicht zur Kenntnis.

Was kann die Gesellschaft oder unsere Politik tun, um die Situation in Israel/Palästina zu verbessern? Haben Sie Hoffnung auf einen gerechten Frieden?

Unsere Gesellschaft hat zu Israel aus bekannten Gründen ein besonderes Verhältnis. Das ist auch richtig so. Dennoch führt kein Weg zu einer Lösung, der nicht die Traumata beider Seiten im Blick hat. Wer für Verständigung ist, darf nicht nur den Holocaust im Kopf haben, zur Nakba – dem Trauma der Flucht und Vertreibung 1948 – aber schweigen. Der israelische Psychologe Dan Bar-On und der palästinensische Erziehungswissenschaftler Sami Adwan haben ein Schulbuch herausgegeben, in dem die geschichtlichen Narrative beider Seiten direkt gegenübergestellt werden. Ein hervorragendes Mittel, Verständnis für die jeweils andere Seite zu entwickeln. Nach kurzem Gebrauch wurde das Buch von der israelischen Regierung verboten, auch in palästinensischen Schulen kommt das Buch nicht zum Einsatz. Es passt eben nicht zum gewollten Bild der Einseitigkeit. Ich denke, dass unsere Gesellschaft gut beraten wäre, in diesem Sinne tätig zu werden ohne die immer vorhandene Angst vor dem Antisemitismusvorwurf. Die Politik ihrerseits sollte mutiger sein, Menschenrechtsverletzungen auch zu benennen.

Für die nahe Zukunft erwarte ich allerdings keine grundlegende Besserung. Im Gegenteil: Die immer mehr nach rechts rückenden israelischen Regierungen lassen eher Schlimmes erwarten. Der zuletzt verschobene Plan, Teile der Westbank nach Israel zu annektieren, gehört zu laut diskutierten Ideen ebenso wie die von manchen Spitzenpolitikern geäußerten Vorstellungen von einer Vertreibung der Palästinenser*innen nach Jordanien. Da die Zwei-Staaten-Lösung bei einer Anzahl von über 600.000 Siedlern inzwischen ganz unrealistisch geworden ist, denken optimistische Menschen an so etwas wie eine Konföderation; aber dafür müsste statt eines Klimas der Gewalt eine Bereitschaft zur Verständigung vorhanden sein, und dafür gibt es auf der politischen Ebene leider gar keine Anzeichen.

Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir als Ökumenische Begleiter*innen den Stimmen der Menschen vor Ort Nachdruck verleihen, die unter der Besatzung leiden und sich nach Veränderung sehnen. Die lokalen Kirchen, palästinensische und israelische Menschenrechtsgruppen und all jene, die sich aktiv für einen gerechten Frieden einsetzen, brauchen unsere Solidarität.

Das Interview führte Matt Barlow.

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