Früher Ökumeniker

Als Pfarrer der Herrnhuter Brüdergemeinen kennt Andreas Tasche die Geschichte seiner Kirche, die fast 300 Jahre alt ist, gut. Ihr Gründer fasziniert ihn so sehr, dass er sich in seinem Ruhestand intensiv mit dessen Lebenswerk beschäftigt und dabei immer wieder davon beeindruckt ist, wie „modern“ Nikolaus Graf von Zinzendorf war.

Pfarrer Andreas Tasche © Foto: privat | Pfarrer Andreas Tasche

Weshalb war Zinzendorf ein früher Ökumeniker?

So progressiv der Pietismus als eine innerkirchliche – und auch als gesellschaftliche – Erneuerungsbewegung ursprünglich auch war, so sehr hat er zu Streit unter den Wohlmeinenden, den „Frommen“, geführt; beinahe ist man geneigt, diesbezüglich von Hass zu sprechen. Das erlebte Zinzendorf, der als Kind bei seiner Großmutter Henriette Katharina von Gersdorf (1648-1726) Weite und Toleranz kennengelernt hatte, schon als Jugendlicher schmerzhaft, während er das „Königliche Pädagogium“ der Schulanstalten von August Hermann Francke (1663-1727) in Halle a. d. Saale besuchte. Von da an strebte er danach, die Frommen theologisch zusammenzubringen, wobei ihn dabei große Kreativität auszeichnete. Die wahren Probleme waren für Zinzendorf nicht die „kleinen Händel der Frommen“, sondern die großen Probleme, vor denen Kirche und Gesellschaft in einer Umbruch-Zeit standen, die einerseits noch mit der Überwindung des Elends nach dem Dreißigjährigen Krieg beschäftigt, die andererseits erstmals von so etwas wie Globalisierung geprägt war. Weil die Christinnen und Christen zur Verbesserung einer ungerechten Welt bitter nötig gebraucht wurden, darum mussten sie geeint sein. Vielleicht hätte Zinzendorf es heutzutage so gesagt: Nur neues, unkonventionelles Denken und Glauben kann zu neuem, kreativen Handeln führen.

Warum scheint Zinzendorf Feminist gewesen zu sein?

Von seiner Großmutter Henriette Katharina von Gersdorf, geb. Freiin von Friesen (1648-1726), eine der gebildetsten Frauen überhaupt an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, empfing Zinzendorf als Kind zehn Jahre lang nicht nur einen festen Glauben, sondern auch Wissen, Erfahrung und Inspiration. Von daher wusste er um das – alle Lebensbereiche umfassende – Potential von Frauen, das er später bei seiner Arbeit reichlich nutzte. Er stand zunächst mit vielen adeligen Frauen in anregendem Briefwechsel und lernte dann, als er ab 1722 Flüchtlinge aus Böhmen und Mähren auf seinem Gut Berthelsdorf in der Oberlausitz aufnahm, die Umsicht und Lebensklugheit bürgerlicher Frauen kennen. Auch seine erste Ehefrau Erdmuth Dorothea, geb. Gräfin Reuß zu Ebersdorf (1700-1756), ebenfalls exzellent ausgebildet und außerdem kluge Haushalterin in äußerlichen Dingen und nicht zuletzt Brückenbauerin in der Gemeinde Herrnhut, die „Mama“ der Gemeinde, zeigte ihm, was Frauen zu leisten vermögen. Er übertrug Frauen daher große Verantwortung, gab ihnen Stimmrecht in Konferenzen und Synoden, nahm sie mit auf Reisen und ordinierte sie sogar. Den vielen ledigen Frauen, deren Potential die damalige evangelische Gesellschaft, die keine Klöster kannte, kaum nutzte, weil sie sie in den Haushalten von Verwandten einfache Arbeiten verrichteten ließ, gab er in den sogenannten „Chorhäusern“ der ledigen Schwestern und der Witwen mit bis zu 200 Personen ein vielseitiges Betätigungsfeld, das sie forderte und förderte.

Zinzendorf begegnet den Chiefs der fünf Irokesen-Nationen. © Foto: Unitätsarchiv in Herrnhut | Zinzendorf begegnet den Chiefs der fünf Irokesen-Nationen.

Was hätte Zinzendorf gesagt, wenn er erfahren hätte, dass Herrnhuter Missionare mitunter Kultgegenstände von Indigenen stahlen und Kunstsammlern übereigneten?

Wenn Zinzendorf erfahren hätte, dass Herrnhuter Missionarinnen und Missionare bei der Beschaffung von indigenen Kunst- und Kultgegenständen Gewalt anwendeten, dann hätte er das in jedem Falle verurteilt. Gewalt lehnte er als – ein theologischer Schüler des großen Tschechen Jan Amos Komenský (1592-1670) – grundsätzlich ab. Komenský lehrte: „Gewalt sei ferne von den Dingen“. Bei allen nicht gewaltsam geraubten, also bei erbetenen oder eingetauschten oder käuflich erworbenen Kunst- und Kultgegenständen hätte Zinzendorf genau nachgefragt, was die Missionarinnen und Missionare mit dem Erwerb dieser Gegenstände bezweckten: Sollten diese einem Freund oder einer Freundin mit „Dritte-Welt“-Interesse zum Geschenk gemacht werden, dann hätte er das wohl toleriert. Ebenso hätte er wohl nichts dagegen gehabt, diese Gegenstände zu einer guten Öffentlichkeitsarbeit und zu einem wirksamen Fundraising für die Herrnhuter Mission in der europäischen Heimat zu nutzen. Dasselbe gilt für eine Nutzung dieser Gegenstände zur Ausbildung künftiger Missionarinnen und Missionare. Eine bloße Geschäftemacherei mit gewaltlos erworbener indigener Kunst hätte er sicher abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass der Heiland seine Sendboten auf bessere Weise versorgt.

Das Interview führte Freddy Dutz.

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