Lese-Tipp: Chaos

Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen – dazu will das Buch des französischen Soziologen Gilles Kepel beitragen. Katja Dorothea Buck hat „Chaos“ für uns gelesen.

Gilles Kepel: Chaos. Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen. Verlag Antje Kunstmann, München 2019 Gilles Kepel: Chaos. Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen. Verlag Antje Kunstmann, München 2019

Der französische Soziologe Gilles Kepel ist besonders für seine Expertise auf dem Gebiet des Dschihadismus bekannt, der militanten extremistischen Strömung des sunnitischen Islamismus. In seinem neuen Buch „Chaos“ kommt er zu dem Schluss, dass Europa eine tragende Rolle beim Wiederaufbau der krisengeschüttelten Länder im Nahen Osten spielen muss, will es verhindern, dass der Dschihadismus einen weiteren Aufschwung erlebt.

Wann hat das Chaos, das derzeit im Nahen Osten herrscht, eigentlich begonnen? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Einmal wird das Ende des Osmanischen Reiches Anfang des 20. Jahrhundert genannt, ein andermal die Staatsgründung Israels 1948 oder aber der Sechs-Tage-Krieg von 1967. Der französische Soziologe Gilles Kepel dagegen wählt für seine Analyse ein anderes Jahr: 1973.

Zum einen, weil die arabischen Staaten damals im sogenannten Jom-Kippur-Krieg bei der Rückeroberung der von Israel besetzten Golanhöhen und des Sinai krachend scheiterten – für sie war es nicht nur eine militärische Niederlage, sondern auch ein schwerer Schlag gegen das Selbstbewusstsein. Zum anderen beschlossen die ölfördernden Länder in jenem Jahr, die Rohölpreise um 70 Prozent zu erhöhen. Mit der folgenden Dollarschwemme konnten Länder wie Saudi-Arabien oder Katar nicht nur ihre geopolitische Dominanz in der Region festigen, sondern langfristig auch ihrer sunnitisch-konservativen Lesart des Koran eine Vorrangstellung in der gesamten islamischen Welt verschaffen.

Kepel zeichnet die Wellen nach, in denen der Dschihadismus die Welt immer wieder in Atem hielt. In den 1990er Jahren scheiterte er in Algerien und Ägypten. In den 2000er Jahren schaffte es Al-Qaida auf die Weltbühne, scheiterte aber ebenfalls nach wenigen Jahren und ebnete so den Weg für den Islamischen Staat (IS); aber auch der ist mittlerweile Vergangenheit.

Kepel stellt die Frage, wie sich die dschihadistische Bewegung wohl entwickeln wird, wenn die Geldflüsse aus der Ölförderung geringer werden. Wird er aussterben oder findet er in den verarmten Massen Syriens, Iraks, Jemens oder Libyens den Nährboden, der zu einer vierten Phase des Dschihadismus führen kann? Um dies zu verhindern, meint Kepel, müsse sich der Westen, gemeint ist damit die Europäische Union, als Partner an die Seite der arabischen Welt stellen und sich aktiv am Wiederaufbau im Nahen Osten beteiligen.

Zu großen Teilen liest sich „Chaos“ wie eine Chronik des Nahen Ostens der letzten 45 Jahre. Das Buch besticht durch detailliertes Wissen, das Kepel gerne vor seinen Leser*innen ausbreitet. Diese müssen allerdings ein gehöriges Quantum an Vorwissen über die Region mitbringen, um den Gedankengängen des Wissenschaftlers folgen zu können. Laien, die sich erstmals über diese Weltregion informieren möchten, könnte dies schnell überfordern. (Katja Dorothea Buck)

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