Lese-Tipp: Interreligiöser Dialog

Der Hamburger Religionswissenschaftler Ulrich Dehn hat sich die Geschichte des interreligiösen Dialogs vorgenommen und diese in einem kompakten Taschenbuch zusammengestellt. EMW-Referent Eckhard Zemmrich hat „Geschichte des interreligiösen Dialogs“ für uns gelesen.

Ulrich Dehn: Geschichte des interreligiösen Dialogs, EB-Verlag, Berlin 2019 Ulrich Dehn: Geschichte des interreligiösen Dialogs, EB-Verlag, Berlin 2019

Dieses Buch des Hamburger Religionswissenschaftlers Ulrich Dehn ist ein Meisterwerk der Verdichtung: Kein umfangreiches Werk, sondern ein handliches Taschenbuch, das hochkonzentriert, übersichtlich und gut lesbar beispielhafte Inszenierungen, Konzepte und Initiativen zum interreligiösen Dialog vom Mittelalter bis in die Gegenwart vorstellt. Dabei wird keine einheitliche „Messlatte“ für eine Beurteilung angelegt, so als ob wir Heutigen die endgültig maßgeblichen Einsichten hätten. Kriterium für die Auswahl ist vielmehr, „dass sie im Kontext ihrer jeweiligen Zeit die Schwelle von allgemein üblichen Vorurteilen überwanden und sich intensiv mit den anderen Religionen beschäftigt haben“, wie es in der Einleitung heißt.

Das ergibt eine originelle Mischung aus Klassikern des interreligiösen Dialogs und weniger allgemein Bekanntem, und zwar zeitlich geordnet als „Dialoge des Mittelalters“ und „Projekte der Neuzeit“. Für Erstere stehen bekannte Autoren wie Petrus Abaelard, Ramon Lull oder Nikolaus von Kues, aber auch der Mythos um Cordoba/Al Andalus als „Reich der Toleranz“ wird auf seine Tragfähigkeit hin befragt und Jehuda ibn Halevi wird mit seinem Werk „Al Chazari“ vorgestellt, in dem die Überlegenheit des Judentums über andere Religionen dargelegt wird. Auch Dante Aligheri mit seiner „Göttlichen Komödie“ findet Berücksichtigung, weil ja der Ich-Erzähler Muhammad in der untersten Hölle antrifft. Dabei bleibt allerdings unklar, worin hier der über gängige Vorurteile hinausgehende Dialogimpuls bestehen soll.

Als Dialogimpuls der Neuzeit wird zunächst der Versuch des indischen Großmoguls Akbar im 16. Jahrhundert vorgestellt, eine neue Einheitsreligion auf Basis des Islams zu stiften. Lessings „Nathan der Weise“ darf nicht fehlen, ebenso wenig Goethes „West-östlicher Divan“. Dann treten Großereignisse wie das „Parlament der Religionen der Welt“ in Chicago 1893 in den Blick und Vereinigungen wie der von Rudolf Otto 1920/21 gegründete „Religiöse Menschheitsbund“, gefolgt von Darstellungen von Projekten und Impulsen, die bis in die heutige Zeit reichen – meines Wissens erstmalig in dieser Zusammenstellung.

Darunter sind etwa internationale Religionsdialog-Vereinigungen, die Methode des „Scriptural Reasoning“, das „Theologische Forum Christentum-Islam“ sowie der Hamburger „Religionsunterricht für alle“. Besonders erfreulich ist die ausführliche Würdigung der „Bendorfer Dialoge“, der „Ständigen Konferenz von Juden, Christen und Muslimen in Europa“ (JCM) seit 1967 und die „Internationale Jüdisch-christliche Bibelwoche“. Auch die muslimische Dialogoffensive „A common Word“ wird samt Reaktionen eigens gewürdigt.

In einem zusammenfassenden Schlusskapitel werden schließlich mit theoretisch fundierten Betrachtungen zu Ressourcen und Bedingungen des Dialogs theoretische Linien ausgezogen. Durchweg wird die Überzeugung deutlich, dass interreligiöse Begegnungen „friedensförderliche und gewaltunterbrechende Aspekte“ enthalten, von denen man Kenntnis haben sollte und die gestärkt werden können. Dieses Buch trägt dazu in beeindruckender und gut fasslicher Weise bei. (Eckhard Zemmrich)

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