Lese-Tipp: Haitianische Renaissance

Der Titel dieses Buches deutet die Hoffnung an, dass sich das Geschick Haitis zum Positiven wenden kann. Vor allem im letzten Kapitel werden Beispiele genannt, wie sich Menschen in Haiti gegen die Negativspirale der Armut stemmen. Deutlich wird aber auch, dass die Situation auf der Karibikinsel mit weltpolitischen Machtspielen zusammenhängt, die entlarvt und verändert werden müssen, damit wirkliche Gerechtigkeit entsteht. Michael Kißkalt hat das Buch von Katja Maurer und Andrea Pollmeier für uns gelesen.

Katja Maurer/Andrea Pollmeier: Haitianische Renaissance – Der lange Kampf um postkoloniale Emanzipation Katja Maurer/Andrea Pollmeier: Haitianische Renaissance – Der lange Kampf um postkoloniale Emanzipation

Die beiden Autorinnen und Haiti-Kennerinnen Katja Maurer, Journalistin und Mitarbeiterin der Hilfsorganisation medico international, sowie die Kulturjournalistin Andrea Pollmeier haben hier wesentliche und erhellende Beiträge zur Geschichte und Entwicklung des Inselstaates zusammengetragen: Interviews, Reden und kurze Essays mit und von Menschen, die mit der Geschichte und der aktuellen Entwicklung Haitis mehr als vertraut sind. In sieben Kapiteln erhält man umfassende und profunde Einblicke zum Beispiel in den langen Kampf der ehemaligen französischen Kolonie zur postkolonialen Emanzipation, zu den Aufständen der letzten Jahre, zur Ausbeutung haitianischer Arbeitskräfte in der benachbarten Dominikanischen Republik, zur verunglückten weltweiten Hilfe nach dem schweren Erdbeben im Januar 2010, zum machtpolitisch geleiteten Agieren der UNO und besonders der USA, die auch vor einem Putschversuch im November 2010 nicht zurückschreckten.

All diese Informationen werden nicht auf einer rationalen Metaebene geboten, sondern sehr geerdet, dargelegt von Betroffenen und kritischen Expert*innen, im Hinblick auf konkrete Aktionen und Situationen in Haiti. Zur Sprache kommen zum Beispiel der Filmemacher Raoul Peck („Der Hilfe ist nicht mehr zu helfen“), der Schriftsteller Gary Victor („Gefährliche Hampelmänner“), die Historikerin Suzy Castor („Zwischen den Mahlsteinen der Geschichte“), die Schriftstellerin Yanick Lahens („Exotisierung des Unglücks“) und der ehemalige Vertreter der Organisation Amerikanischer Staaten, Ricardo Seitenfus („Kronzeuge ohne Anklage“).

Auf den gut 200 Seiten vermisst man lediglich ein Kapitel über die Rolle von Religionen und Kirchen in der Entwicklung Haitis bis heute. Überaus deutlich wird aber, dass die negative Entwicklung des Landes seit der Eroberung „Hispanolas“ durch Kolumbus und besonders nach der frühen Ausrufung seiner Unabhängigkeit schon 1804 vielfältige Wurzeln hat: vor allem globale Abhängigkeiten und ungelöste interne Probleme.

Beunruhigt stellt man nach der Lektüre des Buches fest, dass auch die beste Absicht des Helfens negative Auswirkungen hat, wenn man sich nicht über die eigenen Motive Rechenschaft ablegt und die Betroffenen nicht bewusst in den Akt des Helfens einbezieht. So erhält man mit diesem Buch nicht nur gute Informationen zu Haiti, sondern bekommt auch eine Ahnung davon, wie interessengeleitet und kurzsichtig humanitäre Hilfsmaßnahmen weltweit sind und postkoloniale Machtverhältnisse den negativen Status quo in Haiti und andernorts zementieren. Dies ist ein aufrüttelndes Buch – das doch auch Wege aus der Armutsfalle aufzeigt, die sowohl die Haitianer*innen selbst als auch die internationale Gemeinschaft gehen müssen.

Michael Kißkalt

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