Lese-Tipp: Keine Luft zum Atmen

In „Keine Luft zu Atmen“ beschreibt Asmaa al-Atawna ihre Kindheit als Tochter einer nach Gaza geflohenen Beduinenfamilie und ihren langen und harten Weg in die Freiheit. Dabei entzieht sie sich bewusst den Stereotypen des Nahostkonflikts, der den Hintergrund ihrer Geschichte bildet. Katja Dorothea Buck hat das Buch für uns gelesen.

Asmaa al-Atawna: Keine Luft zum Atmen. Lenos Verlag. ISBN: 978-3-85787-825-1 Asmaa al-Atawna: Keine Luft zum Atmen. Lenos Verlag. ISBN: 978-3-85787-825-1

Es ist nicht nur die Enge in den Gassen des Flüchtlingslagers, die ihr keine Luft zum Atmen lässt. Auch die konservativen Wertvorstellungen, die soziale Kontrolle und das traditionelle Rollenverständnis lassen ihr kaum Freiräume. Zwar verlässt die Familie für einige Zeit Gaza. Der Vater versucht in den Golfstaaten erfolglos ein Auskommen zu finden. Doch auch dort bestimmen die traditionellen Normen und das eintönige, ärmliche Leben irgendwo am Rande einer großen Stadt ihr Leben. Nach der Rückkehr nach Gaza muss Asmaa schmerzhaft erleben, wie ihre ältere Schwester von den Eltern unglücklich verheiratet wird. Ihr Jugendfreund wird bei einer Demonstration gegen israelische Soldaten getötet.

Apropos Besatzung: Die Autorin, die selbst mit 18 mit Hilfe ihres zum Islam konvertierten Spanischlehrers an der Uni erst nach Spanien und dann nach Frankreich geflohen ist, vermeidet alle Stereotypen des Nahostkonflikts. Vielmehr verschwimmt die Realität der Besatzung zu einem Hintergrundrauschen, aber es ist ständig präsent. Damit rückt die Geschichte dieser jungen Frau in den Vordergrund und es wird deutlich, dass nicht nur die Besatzung das Leben der Menschen in den Flüchtlingslagern erschwert. Da ist auch der binnenpalästinensische Rassismus, unter dem die Bewohner*innen des sogenannten Schwarzen Viertels leiden. Hier leben die Nachfahren afrikanischer Sklav*innen, die in Gaza, das gemeinhin auch als größtes Freiluftgefängnis der Welt bezeichnet wird, als Unterschicht gelten.

Schon in der Schule erfährt die Protagonistin Diskriminierung und Ausgrenzung. Doch da sind auch die wie in Stein gemeißelten Wertvorstellungen, welche die Luft zum Atmen nehmen. Insbesondere Frauen leiden unter den patriarchalen Strukturen und rigiden Traditionen, die ihnen keinen Raum zur Selbstentfaltung lassen. Immer geht es um Fragen, was sich für ein Mädchen oder eine Frau schickt und was nicht, mit wem sie Kontakt haben darf und mit wem nicht, was sie tun muss und was sie nicht machen darf, wie sie sich zu kleiden hat und wie auf keinen Fall. Die Protagonistin leidet unter der Gewalt des Vaters, der lieber einen Sohn statt einer vierten Tochter hätte, und unter den Launen der Mutter, die sich für ihre aufmüpfige Tochter schämt. Das Mädchen passt nicht zum traditionellen Frauenbild der Eltern.

Ein Gefühl der Freiheit stellt sich bei ihr erst ein, als sie den Schlüssel zu einem Zimmer in einem Frauenhaus bei Toulouse in Händen hält: „Ich würde den Schlüssel zu einem privaten Raum haben, wo niemand mich störte. Es würde ein sauberer, ruhiger und sicherer Raum sein, weit weg vom Krieg und von der Flucht und weit weg von den verstohlenen Blicken der Leute aus dem Schwarzen Viertel.“

Asmaa al-Atawna ist weltweit eine der wenigen schreibenden Frauen aus einer Beduinenfamilie. Ihre Geschichte erzählt sie packend, mit Humor und ohne Pathos. „Keine Luft zum Atmen“ ist ein wertvoller Mosaikstein, um das große Puzzle der Nahost-Verhältnisse besser zu verstehen. Und es ist die Geschichte einer beeindruckenden Frau, die bereit ist, einen hohen Preis für ihre Freiheit zu zahlen.

Katja Dorothea Buck

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