Lese-Tipp: Kim

Wer ist Kim Jong-un? Eine Frage, die sich viele stellen, seit der damals 28-Jährige 2011 die Nachfolge seines Vaters antrat. Eine, die dieser Frage auf den Grund gegangen ist, ist die Journalistin Anna Fifield. Korea-Kenner Lutz Drescher hat ihre Biografie über Nordkoreas Machthaber für uns gelesen.

Anna Fifield: Kim. Nordkoreas Diktator aus der Nähe. Edition Körber, Hamburg 2020 Anna Fifield: Kim. Nordkoreas Diktator aus der Nähe. Edition Körber, Hamburg 2020

Die neuseeländische Journalistin Anna Fifield hat seit 2004 aus Ostasien berichtet und zahlreiche Reisen auch nach Nordkorea unternommen; zuletzt war sie Büroleitern der Washington Post in Peking. Für ihr Buch über Kim Jong-un hat sie intensiv recherchiert und Gespräche mit Flüchtlingen, mit Diplomaten, mit dem langjährigen japanischen Koch der Familie Kim und auch mit seinen Verwandten im Exil geführt.

In drei Teilen, die mit „Lehrjahre“, „Konsolidierung“ und „Selbstbewusstsein“ überschrieben sind, beschreibt sie den Weg von Kim Jong-un: die Lehrjahre, bis er nach dem Tod seines Vaters 2011 im Alter von 28 Jahren an die Macht kam; die Jahre bis 2016, in denen er seine Macht konsolidierte; und schließlich die Gegenwart, in der er gezeigt hat, dass er selbstbewusst auch in der internationalen Politik seinen Mann stehen kann. Dabei eröffnet die Autorin durchaus auch erstaunliche Einblicke in die nordkoreanische Wirklichkeit wie etwa in dem Kapitel über „Eliten in Pjönghattan“.

Keine Witzfigur, sondern ein Machtmensch

Es ist das Verdienst von Anna Fifield aufzuzeigen, dass Kim Jong-un keine Witzfigur ist, sondern ein Machtmensch, der zielstrebig seine Interessen zu verfolgen und teils auch brutal durchzusetzen weiß. Von Anfang an verfolgte er eine Politik des sogenannten „Byungjin“, die Fortschritte sowohl im Blick auf die militärische Stärke als auch auf die wirtschaftliche Entwicklung zum Ziel hat. Erfolgreiche Tests von Atombomben und Langstreckenraketen sind nicht etwa nur eine „Überlebensgarantie“ für das Regime, sondern sie haben ihre Wirkung nach innen („wir sind stark!“) ebenso entfaltet wie nach außen („Nordkorea, eine ernstzunehmende Größe“). Sie haben mit dazu beigetragen, dass es ab 2018 mehrere internationale Gipfeltreffen gab. Gleichzeitig ist sich Kim nach Ansicht Fifields dessen bewusst, dass wirtschaftlicher Fortschritt und bessere Lebensbedingungen unerlässlich für ihn sind, um an der Macht zu bleiben.

Eine Schwäche hat das Buch jedoch, die es mit vielen anderen Publikationen teilt: Eigentlich müsste im Vorwort stehen, dass Nordkorea bis heute das am meisten abgeschottete Land der Welt ist und gesicherte Informationen schwer zu erhalten sind. Darüber hinaus wäre es gut gewesen, noch stärker darauf hinzuweisen, dass die Quellenlage relativ dünn ist. Da sind zum einen Informanten, die aus Nordkorea geflüchtet sind und damit – ob sie wollen oder nicht – das Land aus dieser Perspektive beschreiben. Zum anderen gibt es nordkoreanische Quellen, die das Land als Paradies beschreiben, das allenfalls auf Grund amerikanischer Sanktionen nicht so gut dasteht, wie es eigentlich könnte. Und wenn es um KIM Jong-un geht, so wird seine Gestalt bereits jetzt mythisch überhöht.

All dies schwingt mit, wenn Anna Fifield ihrem Buch in der englischen Originalausgabe ironisch, selbstironisch den genialen Titel gibt: „The Great Successor: The Divinely Perfect Destiny of Brilliant Comrade Kim Jong-un“. Dagegen ist der deutsche Titel „Kim – Nordkoreas Diktator aus der Nähe“ fast ein wenig langweilig. Vor allem suggeriert er etwas, das auch dieses exzellent recherchierte und geschriebene Buch nicht einlösen kann, nämlich Kim Jong-un wirklich nahe kommen zu können. (Lutz Drescher)

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