Lese-Tipp: #OutInChurch

Zukünftig segnet die Katholische Kirche auch LGBTIQ+-Paare. Eine Sensation beinahe zwei Jahre nachdem 125 queere Personen, die zu dem Zeitpunkt beruflich oder ehrenamtlich in der Katholischen Kirche in Deutschland tätig waren, am 24. Januar 2022 gleichzeitig ihr Coming-Out bekanntgaben. Dies war der öffentliche Startschuss der Initiative namens #OutInChurch, die „zur Erneuerung der Glaubwürdigkeit und Menschenfreundlichkeit der katholischen Kirche“ beitragen will. Begleitet wurde die Aktion durch eine Fernsehdokumentation, eine Online-Petition und auch ein Buch. Matt Barlow hat das Buch für uns gelesen – ein Lese-Tipp mit persönlichem Blick.

Der Vatikan lässt verlauten, dass Segen für LGBTIQ+-Paare ab sofort möglich ist. © Foto: Babak Habibi/unsplash | Der Vatikan lässt verlauten, dass Segen für LGBTIQ+-Paare ab sofort möglich ist.
Ich habe mich oft gefragt, warum jemand in einer Organisation bleibt, die ihn so missbraucht, vor allem, wenn sie*er nicht bleiben muss. Nur selten ist diese Verwunderung stärker, als wenn ich über andere LGBTIQ+-Menschen nachdenke, die in Kirchen aktiv sind, welche ihre Identität und ihre Sexualität nicht akzeptieren.

Das Buch „Out In Church“, das auf der gleichnamigen Online-Bewegung basiert, stellt die Stimmen solcher LGBTIQ+-Menschen vor. Menschen, die jeden Tag die Entscheidung treffen, in der katholischen Kirche zu bleiben (aber auch einige, die die Kirche bereits verlassen haben), trotz wiederholter Ablehnung und subtilerer Formen, die LGBTIQ+-Menschen dazu zwingen, versteckt also quasi, „im Schrank zu bleiben“. In diesem Buch werden die Stimmen einer Vielzahl von LGBTIQ+-Menschen vorgestellt, manche sogar zum allerersten Mal. Menschen, die auf allen Ebenen der katholischen Kirche arbeiten. Menschen aller Altersgruppen, die verschiedene Phasen der „Offenheit“ erlebt haben, oft in Abhängigkeit von ihren direkten Vorgesetzten. Dies sind ihre Geschichten, ihre Leben, begleitet von theologischen und wissenschaftlichen Untersuchungen der LGBTIQ+-Identität in der katholischen Kirche.

LGBTIQ+-Identität in der katholischen Kirche

Ein Thema, das in vielen dieser Aussagen immer wieder auftaucht, ist etwas, das ich selbst erlebt habe, als ich in einer Zeit und an einem Ort aufwuchs, wo über solche Dinge einfach nicht gesprochen wurde: Ein Gefühl oder ein inneres Empfinden, nicht dazuzugehören, anders zu sein als alle anderen. Ein Gefühl, dass etwas in einem selbst nicht mit dem übereinstimmt, was einem beigebracht wird. Besonders im Kontext der Kirche, wo das, was gelehrt wird, oft als unanfechtbar und ewig wahr angesehen wird. Eine solche Situation kann zu Stress und Verzweiflung führen, vor allem wenn man nicht einmal die Worte und das Vokabular hat, um zu erklären, was nicht passt, oder um die eigene innere Identität oder Orientierung zu erklären.

#Out in Church. Herausgegeben von Michael Brinkschröder, Jens Ehebrecht-Zumsande, Veronika Gräwe, Bernd Mönkebüscher, Gunda Werner. Herder Verlag. ISBN: 978-3-451-03367-4 © Foto: Herder | #Out in Church. Herausgegeben von Michael Brinkschröder, Jens Ehebrecht-Zumsande, Veronika Gräwe, Bernd Mönkebüscher, Gunda Werner. Herder Verlag. ISBN: 978-3-451-03367-4

Ich bin zwar nicht katholisch, aber in einer sehr traditionellen und konservativ religiösen Gegend aufgewachsen. Die Geschichten in „Out In Church“ hätten auch meine Geschichte sein können, oder die Geschichten einiger meiner Freund*innen. Es ist eine Geschichte, die in LGBTIQ+-Kreisen nur allzu häufig vorkommt. Doch diese Geschichten sind wichtig und müssen erzählt werden. Besonders in Zeiten wie diesen, in denen die Gefahr besteht, dass die zerbrechlichen Errungenschaften, die LGBTIQ+-Menschen erreicht haben, wieder zunichte gemacht werden.

Barriere des Schweigens durchbrechen

Eine Sprache zu haben, mit der man sich selbst und die eigene Identität beschreiben kann, und zu wissen, dass man nicht allein ist, ist von unglaublichem Wert. Das ist etwas, das viel zu viele LGBTIQ+-Menschen vielleicht erst erfahren, wenn sie viel älter sind. Das Fehlen solcher Unterstützungsstrukturen, der „Schrank des Schweigens“, ist eine der Ursachen für die hohen Selbstverletzungs- und Selbstmordraten bei LGBTIQ+-Menschen. „Out In Church“ durchbricht diese Barriere des Schweigens. Es ist Teil des Beginns einer neuen Sprache innerhalb der katholischen Kirche, einer Sprache, die LGBTIQ+-Identität und Sexualität bejaht. In diesem Sinne engagiert sich „Out In Church“ für eine der ältesten christlichen Praktiken der Nächstenliebe: die Sorge um die Schwächsten.

Trotz institutionellem Unbehagen und Gegenwind geben diese LGBTIQ+-Katholik*innen die Hoffnung nicht auf, dass sie in der katholischen Kirche eine spirituelle Heimat haben können. Es mag eine Entscheidung sein, die einige Außenstehende nicht immer verstehen können, aber es ist definitiv eine mutige Entscheidung. Und so ist „Out In Church“ auch ein mutiges Buch, das eine doppelte Funktion erfüllen kann: Einerseits kann es dazu beitragen, Menschen außerhalb der LGBTIQ+-Community zu ermöglichen, die Stimmen, Ängste, Nöte und Hoffnungen von LGBTIQ+-Menschen nachzuvollziehen, und andererseits hat es das Potenzial, dazu beizutragen, künftigen Generationen von LGBTIQ+-Katholik*innen eine Heimat zu bieten und die Sprache der Kirche zu erweitern, um die Vielfalt der Schöpfung zu erfassen.

Matt Barlow

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