Lese-Tipp: Wir weigern uns, Feinde zu sein

Hoffnungsgeschichten aus einem zerrissenen Land – In seinem Buch erzählt der evangelische Theologe Rainer Stuhlmann von Menschen und Begegnungen in Israel und Palästina. Annette Muhr-Nelson hat das Buch für uns gelesen.

Rainer Stuhlmann: Wir weigern uns, Feinde zu sein. Hoffnungsgeschichten aus einem zerrissenen Land. Neukirchener Verlag, 2020 Rainer Stuhlmann: Wir weigern uns, Feinde zu sein. Hoffnungsgeschichten aus einem zerrissenen Land. Neukirchener Verlag, 2020

Die christlich-palästinensische Familie Nasser besitzt einen Weinberg in der Nähe von Bethlehem. Er ist umgeben von jüdischen Siedlungen. Immer wieder haben Israelis versucht, die Nassers zum Verlassen ihrer Farm zu bewegen, mit legalen und illegalen Methoden. Doch sie blieben. „Tent of Nations“ nennen sie diesen Ort. Es ist eine Farm ohne Gebäude, denn sie bekommen noch nicht einmal für ein Toilettenhäuschen eine Baugenehmigung. Sie und die Freiwilligen aus aller Welt, die aus dieser Farm einen internationalen und interkulturellen Begegnungsort machen, übernachten in Höhlen, die schon den Großeltern von Daoud Nasser Schutz vor Wind und Wetter boten.

„Wir weigern uns, Feinde zu sein“, ist das Motto der Nassers und der Titel des zweiten Buches von Rainer Stuhlmann über seine langjährigen Erfahrungen als evangelischer Theologe in Israel und Palästina. Dieser Satz beschreibt die dritte Alternative, die scheinbar unmögliche Möglichkeit. „Wir hätten hasserfüllt zurückschlagen oder uns gleich dem Druck beugen und klein beigeben können. Beides war für uns keine Option“, sagt der Palästinenser Daoud Nasser. Stattdessen verfolgt er das Konzept des friedlichen Widerstands. Bestärkt fühlt er sich dabei durch die Bergpredigt und viele andere biblische Texte, die dazu ermutigen, einen „dritten Weg“ zu suchen.

Stuhlmann erzählt viele Beispiele von mutigen Menschen und Initiativen, die beharrlich auf die Kraft des Friedens in diesem zerrissenen Land setzen. Er ergreift Partei für Friedensstifter*innen auf beiden Seiten und erzählt Hoffnungsgeschichten, etwa von der israelischen Initiative „Gun Free Kitchen Tables“, die zeigt, was jenseits von gewaltsamen Lösungsversuchen nötig und möglich ist.

Was alle Initiativen antreibt, beharrlich gegen vereinnahmende Feindbilder, gegen die Allgegenwart der Waffen, gegen eine Politik der Polarisierung anzutreten, ist „die Kraft des verwandelten Zorns“. Eindrücklich erzählt der Autor von Menschen, die in der intensiven Begegnung mit anderen nachdenklich wurden und ihre bisherige Meinung infrage stellten. Immer wieder konfrontiert er seine Erlebnisse mit biblischen Geschichten und bürstet sie gegen den Strich, etwa David und Goliath, Gideon oder die namenlose Heldin aus Richter 9. Das Gebot der Feindesliebe ist für Stuhlmann zuallererst ein jüdisches Gebot. Und auch Muslime kennen es.

Diese theologischen Reflektionen machen für mich den Reiz des Buches aus. Es knüpft an die 2015 unter dem Titel „Zwischen den Stühlen“ veröffentlichten „Alltagsnotizen aus Israel und Palästina“ an und geht doch einen entscheidenden Schritt weiter. Rainer Stuhlmann reflektiert, ordnet ein, wertet aus und bezieht Stellung als protestantischer Theologe, der sein langjähriges Engagement im christlich-jüdischen Dialog mit seinem Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte in Einklang zu bringen versucht.

An Israel und Palästina scheiden sich in der deutschen Debatte oft die Geister. Stuhlmann versucht sie für sich zusammenzuhalten, auch wenn er die Härte der gegenseitigen Vorwürfe selbst zu spüren bekommt. Er hält daran fest, dass es einen dritten Weg gibt, den Weg des verwandelten Zorns. Das gibt Hoffnung, und das macht dieses Buch so lesenswert!

Annette Muhr-Nelson

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