Lese-Tipp: Desmond Tutu

Ist Desmond Tutu ein Politiker? Oder ist er ein Theologe und Mystiker? Eine neue Biografie von jemandem, der jahrelang mit ihm zusammengelebt hat und ihn sehr gut kennt, untersucht das Leben und Wirken sowie die Spiritualität des emeritierten Erzbischofs aus Südafrika. Matt Barlow hat das Buch für uns gelesen.

Michael Battle: Desmond Tutu. A Spiritual Biography of South Africa's Confessor, Westminster John Knox Press, 2021 Michael Battle: Desmond Tutu. A Spiritual Biography of South Africa's Confessor, Westminster John Knox Press, 2021

Desmond Tutu ist einer der herausragenden religiösen und politischen Führer des 20. Jahrhunderts. Brauchen wir angesichts seiner Berühmtheit und der wahrscheinlich Dutzenden von Büchern, die über ihn geschrieben wurden, wirklich ein weiteres biografisches Werk über diesen einflussreichen Mann?

Dies waren meine ersten Gedanken, als ich mein Exemplar von Dr. Michael Battles „Desmond Tutu: A Spiritual Biography of South Africa’s Confessor“ erhielt. Und um meine eigene Frage zu beantworten: Ja. Überraschenderweise brauchen wir ein weiteres Buch über diesen erstaunlichen Mann. Ich sage, es ist überraschend, weil Dr. Battle eine eigenartige und aufschlussreiche Methode gewählt hat, um Bischof Tutu auf eine völlig unerwartete Weise darzustellen.

Schon der Titel verdeutlicht den neuartigen, aber auch sehr traditionellen Ansatz von Dr. Battle. Dies ist eine spirituelle Biografie. Oder, um es mit einem bekannteren theologischen Begriff zu sagen: Dies ist eine Hagiografie. Heute assoziieren wir mit Hagiografie vielleicht unkritische Lobpreisungen und Darstellungen von Personen, die unmöglich perfekt sind. Doch Dr. Battle vermeidet geschickt diese klischeehaften und sentimentalen Aspekte der Hagiografie. Ihm geht es vielmehr darum, sich mit Bischof Tutus eigener mystischer Spiritualität auseinanderzusetzen und den Kampf Tutus gegen die Apartheid als traditionelle mystische Reise darzustellen.

Das bedeutet, dass Dr. Battle seine Biografie in drei verschiedene Kategorien einteilt, die Studierenden der Schriften der Mystiker bekannt sind: Purgation, Erleuchtung, Vereinigung. Und Dr. Battle untersucht, wie die verschiedenen Schritte im Leben von Bischof Tutu mit diesen mystischen Schritten auf dem Weg zu einer tieferen Nähe zu Gott übereinstimmen. Gleichzeitig verortet Dr. Battle Bischof Tutu fest in den Kämpfen gegen die Apartheid. Wie hat diese gemeinsame Geschichte von Mensch und Unterdrückung, Mensch und Land dazu beigetragen, dass Desmond Tutu nicht nur der „Bekenner“ Südafrikas, sondern auch eine moralisch-geistige Figur für die ganze Welt wurde?

Dr. Battle macht deutlich, dass die Apartheid nicht nur ein politisches System war, sondern auch ein theologisches, das auf einer falschen Vorstellung von „Heiligkeit“ beruhte. „Heilig“ zu sein bedeutet, „abgetrennt“ zu sein. Die religiösen Befürworter*innen der Apartheid stützten ihre Ideologie auf dieses Verständnis von Heiligkeit. Bischof Tutu hingegen machte sich das afrikanische Konzept des Ubuntu als Mittel der Heiligkeit zu eigen, weil er überzeugt war, dass Gott nicht spaltet, sondern versöhnt. Der erste Schritt besteht darin, die Irrlehre der Apartheid zu entfernen. Nicht nur in den Köpfen der Leidenden, sondern auch in denen der Unterdrücker*innen.

Anschließend führt Dr. Battle die Leser*innen durch die nächsten Etappen der ökumenischen und internationalen Arbeit von Bischof Tutu gegen die Übel der Apartheid als erhellenden Schritt. Wie es Desmond Tutu gelang, Bischof in einer Kirche zu sein, die sich aus Menschen aller Herkunften zusammensetzt. Dies führt zum letzten Schritt der „göttlichen Vereinigung“. Bischof Desmond Tutu als einigende Figur innerhalb Südafrikas und auch auf der Weltbühne. Wie sein Weg dazu führte, dass er weit über die Grenzen seiner Kindheit hinaus als geistliche Autorität angesehen wurde.

Als ich mein Exemplar des Buches erhielt und fragte ich mich, warum wir noch ein weiteres Werk über Desmond Tutu brauchen. Aber als ich das Buch zu Ende las, fragte ich mich, wie es sein kann, dass so viele Autor*innen, sogar Theolog*innen bisher versäumt haben, Bischof Tutu durch die Linse zu betrachten, wie es Dr. Battle tut – mit einem ganzheitlichen Blick auf Bischof Tutu als politische Figur und als geistlichen Führer. (Matt Barlow)

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