Moment der Wahrheit

Am heutigen Passionssonntag Reminiszere ruft die EKD Kirchen und Gemeinden dazu auf, für verfolgte Glaubensgeschwister zu beten und sich auch auf andere Weise für sie einzusetzen. In diesem Jahr steht Belarus im Fokus. Im Interview spricht Natallia Vasilevich, Theologin, Politologin und Juristin, Direktorin des Zentrums „Ökumene“, Mitglied der Gruppe „Christliche Vision“ des Koordinierungsrates von Belarus über den Widerstand der Menschen im August 2020 und darüber, was in den Monaten danach geschehen ist.

Minsk, 14. August 2020: Mehrere tausend Demonstrant*innen schlossen sich auf dem Unabhängigkeitsplatz einem spontanen Protestzug zum belarussischen Regierungsgebäude an. Sie forderten Gespräche mit der Regierung sowie neue Präsidentschaftswahlen. Eine der Demonstrant*innen, die 24-jährige Anna, steht in der Nähe der Militärabsperrung und trägt das Hochzeitskleid ihrer Mutter als Symbol des Friedens. Dieses Kleid ist 26 Jahre alt – so lange ist der autoritäre Herrscher Alexander Lukaschenko bereits in Belarus an der Macht. © Foto: Violetta Savchits | Minsk, 14. August 2020: Mehrere tausend Demonstrant*innen schlossen sich auf dem Unabhängigkeitsplatz einem spontanen Protestzug zum belarussischen Regierungsgebäude an. Sie forderten Gespräche mit der Regierung sowie neue Präsidentschaftswahlen. Eine der Demonstrant*innen, die 24-jährige Anna, steht in der Nähe der Militärabsperrung und trägt das Hochzeitskleid ihrer Mutter als Symbol des Friedens. Dieses Kleid ist 26 Jahre alt – so lange ist der autoritäre Herrscher Alexander Lukaschenko bereits in Belarus an der Macht.

Frau Vasilevich, im August 2020 sind die Menschen in Belarus aufgestanden für freie und demokratische Wahlen; die Bilder des Protestes so vieler mutiger Menschen in den Farben weiß-rot-weiß gingen um die Welt. Seitdem ist viel passiert und es ist ruhig geworden um die Freiheitsbewegung. Wie geht es den Menschen in Belarus?

Viele sind einfach müde. Aber stärker als die innere Depression ist die Unterdrückung von außen: das ist echter Terror, der von Seiten der Behörden, der Polizei den Menschen gegenüber verübt wird. Sie verhaften die Leute schon dafür, dass sie weiß-rot-weiße Jalousien haben oder Socken in den Farben tragen. Sie kennen die Verkehrsschranken, die auch weiß und rot sind: die wurden jetzt weiß-blau gestrichen; weiße Blumen neben roten Blumen werden umgepflanzt – weil diese Kombination einfach nicht sein darf. (Anm.: Weiß-rot-weiß sind die Farben der Freiheitsbewegung)

Die Menschen spüren das und sie wissen, dass sie in einer Situation leben, in der es kein Gesetz mehr gibt, keine Rechtsstaatlichkeit und in der niemand sie schützen kann. Vielen Anwälten wurde die Lizenz entzogen und jeder kann für alles verhaftet werden, ohne jeden Grund.

Das heißt, die Regierung hat Angst vor der eigenen Bevölkerung?

Ja, natürlich. Die Regierung reagiert auf die Proteste, indem sie versucht, in der Gesellschaft Angst zu verbreiten. Sie gehen in die Schulen, in die Universitäten, an die Arbeitsplätze. Ich weiß, dass meine Freunde, meine Familienmitglieder ihre Positionen in Universitäten, in akademischen oder anderen Institutionen verloren haben, nur weil sie eine Petition unterschrieben haben. Ärzte sind jetzt massiv unter Druck, weil sie an die Öffentlichkeit gegangen sind und von den Folterverletzungen und den Traumata der Gefangenen berichtet haben.

Das bringt mich zu der Frage: Wer bildet die Protestbewegung und wie organisiert sie sich? Was sind ihre Ziele?

Das Interessante an dieser Protestbewegung ist, dass sie quasi aus dem Nichts entstanden ist. Wir haben immer gedacht, dass eine belarussische Revolution gar nicht möglich ist, weil es keine Strukturen, kein Netzwerk dafür gibt. Die politischen Parteien sind in der Krise, sie können kein Motor für Veränderungen sein. Anfang 2020 waren die Leute sicher: niemand wird diesen Wahlkampf überhaupt wahrnehmen. Seltsamerweise sind dann spontane Proteststrukturen entstanden.

Und das gab den Menschen ein ungekanntes Gefühl der Stärke. Sie haben verstanden: in unserem Wohnblock, in unseren Straßen, mit unseren Kollegen können wir durchaus etwas tun. Sie haben gesehen, wie viele sie sind und wie stark sie das macht. Die Protestbewegung ist immer größer geworden und die Leute wussten mit einem Mal, dass sie nicht nur das Volk von Belarus sind, sondern dass sie in der Mehrheit sind. Der zivilgesellschaftliche Koordinierungsrat um die oppositionelle Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja, der wegen der Entwicklung dann ja kaum arbeiten konnte, hat für die derzeitige Situation drei Ziele formuliert: Beendigung der Gewalt, Freilassung der politischen Gefangenen und Wiederherstellung von Rechtsstaatlichkeit.


Die Arbeitsgruppe „Christliche Vision“

Die „Christliche Vision“ ist eine im September 2020 gegründete interkonfessionelle Arbeitsgruppe des Koordinationsrates von Belarus, die sich für die Überwindung der politischen Krise und für Versöhnung einsetzt. Dabei steht sie in der Tradition der gewaltlosen Friedensarbeit. Die Gruppe dokumentiert Fälle von Menschenrechtsverletzungen insbesondere aufgrund von Religionszughörigkeit oder politischer Überzeugung, berichtet über Entwicklungen in den verschiedenen Kirchen von Belarus und organisiert und unterstützt Kampagnen für politische Gefangene, verfolgte Gläubige und religiöse Gemeinschaften in Belarus. Zu ihren Forderungen gehören u.a. die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit und die Freilassung der politischen Gefangenen. Ein weiteres Anliegen ist es, mit Theolog*innen, ordinierten Geistlichen und anderen Christ*innen in Belarus und in der Ökumene, eine theologisch reflektierte Perspektive auf die Proteste und die Verfolgungen in Belarus zu entwickeln.

In einer Erklärung verurteilte die Gruppe „Christliche Vision“ auch die militärische Aggression des Putin-Regimes gegen die Ukraine und die Beteiligung des Regimes von Alexander Lukaschenko daran.


Wie sieht das Verhältnis von Kirche und Staat aus? Und wie steht es um die Religionsfreiheit?

Das Regime hat es geschafft, mit jeder religiösen Gemeinschaft seine eigene Beziehung zu etablieren, indem es bestimmte Privilegien verteilt hat. Das hat nichts mit Glaubensfreiheit zu tun, das hat eine andere Logik. Privilegien sind etwas anderes als Freiheit; sie werden verteilt, können aber auch wieder weggenommen werden. Die Kirchen haben nicht die Macht, ein anderes System zu fordern, und selbst wenn die Religionsfreiheit verletzt wurde, wurde das wiederum durch gewisse Privilegien kompensiert.

Man kann diese Abhängigkeitsstrukturen mit der Situation von Opfern von häuslicher Gewalt vergleichen: es gibt Strafe, aber es gibt auch Geschenke; ein Teufelskreis, aus dem Menschen sich nicht einfach befreien können. Es ist ja auch eine psychische Abhängigkeit, in der der Aggressor dann nicht unbedingt als Feind, sondern eher als ein Machthaber, der sich auch kümmert, erlebt wird.

Was z.B. die Orthodoxe Kirche betrifft: Sie hat bestimmte Privilegien erhalten und war dem Staat gegenüber sehr loyal, weil sie gesehen hat, wie die Regierung mit anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften umgeht: der Bau von Kirchen wurde untersagt, ausländische Priester durften nicht eingeladen werden, bürokratische Hürden werden aufgebaut, die es besonders für kleine Gemeinden schwer machen, anerkannt zu werden. Und dann will man die eigene Position natürlich nicht verlieren. Also ist es besser, gute Beziehungen mit der Regierung zu haben und nicht zu ruinieren, was man hat.

Wie ist das für die Menschen an der kirchlichen Basis, wie reagieren sie?

Die Christen waren traditionell öffentlich oder gesellschaftlich nicht sehr aktiv, eher zurückhaltend. Es ist eben eine religiöse, spirituelle Gemeinschaft. Aber als offenbar wurde, dass die Wahlen gefälscht waren, und der Staat auf die Proteste mit so viel Gewalt und Brutalität reagiert hat und die Menschen der Gewalt so nah begegnet sind, da war das auch ein emotionaler und moralischer Schock. Diese Erfahrung hat viele Christen innerlich sehr mitgenommen. Das hat viele aus ihrer Inaktivität herausgeholt, sie mussten einfach reagieren.

Und es ist das erste Mal, dass die Priester so sehr zum Mitmachen bewegt wurden. Die Leute kommen zu ihnen und fragen: Was soll ich tun? Was ist in unserem Land passiert? Meine Tochter wurde geschlagen, mein Sohn wurde getötet, ich wurde verhaftet,schauen Sie sich meine Wunden an – wie Jesus, der zu Thomas sagt: „Leg‘ deinen Finger in meine Wunde…“. Inzwischen können die Priester nicht mehr sagen, dass das nicht Sache der Kirche ist. Für viele war dies vielmehr der Moment der Wahrheit.

Was erhoffen Sie sich von uns, von den anderen Kirchen in Europa?

Die Zusammenarbeit der europäischen Kirchen mit dem Team von Swetlana Tichanowskjaja ist sehr wichtig; sie spricht für die Freiheitsbewegung, sie ist die Stimme der Menschen in Belarus. Die Kirchen im Ausland sollten mit ihr im Kontakt sein und Möglichkeiten für den Austausch mit Menschen im Exil organisieren. Wenn die Kirchen sich z.B. für Visa einsetzen, um Menschen vor der absoluten Bedrohung zu retten, dann ist das ein ganz starkes Signal. Gemeinsame Friedensgebete, öffentliche Solidaritätsaktionen – es gibt so vieles, was Kirchen und Gemeinden tun können und alles ist wichtig, weil es den Menschen in Belarus zeigt: Ihr seid nicht allein. Wir stehen an Eurer Seite. Es gibt doch so viele erfahrene Leute – es muss einen Weg für Veränderungen in Belarus geben.

Alle Kirchen, die sich für Menschenrechtsarbeit einsetzen, sind für uns so wichtig – und das Beispiel der kirchlichen Friedensarbeit in der ehemaligen DDR ist für uns besonders inspirierend. Es zeigt uns, dass friedliche Proteste keine Sache von großen Leuten sind, sondern dass alle dazu beitragen können, dass das Leben in Belarus und damit auch in Europa insgesamt besser werden kann. Und: dass solcher Protest nicht vergeblich ist.

Das Gespräch führte Sabine Dreßler in 2021. Das Interview ist im EKD-Materialheft zu Reminiszere erschienen.


Reminiszere

Seit 2010 ruft die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) am Sonntag Reminiszere Kirchen und Gemeinden dazu auf, für bedrängte Glaubensgeschwister zu beten und sich auch auf andere Weise für diese einzusetzen. In diesem Jahr steht Belarus im Fokus.

Ein Materialheft bietet Hintergrundinformationen zur Geschichte und zur Lage in Belarus und stellt unter anderem belarussisch-deutsche Partnerschaftsprojekte vor, die Grenzen überwinden wollen. Menschen aus Belarus kommen zu Wort, die eindringlich vor Augen führen, wie gefährlich es dort für all diejenigen ist, die sich mit ihrem Engagement gegen die Regierung stellen. Weitere Beiträge weisen auf unterstützenswerte Projekte hin, die Belarus Hilfe bieten sollen, und geben Anregungen für Bekundungen der Solidarität mit Belarus.


Buch-Tipp: Die Frauen von Belarus

Die Bilder haben die Welt gerührt und erschüttert: Friedliche Demonstranten in Belarus trotzten dem brutalen Regime – immer und immer wieder. Die Osteuropa-Korrespondentin Alice Bota erzählt die Geschichten der drei maßgeblichen Protagonistinnen, die zu Politikerinnen wider Willen wurden: Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo. Sie zeichnet die Geschichte des Aufstands nach und wirft die Frage auf, warum der Westen so wenig Unterstützung leistet. Das eindrückliche Porträt eines mutigen Aufstands – fast vor unserer Haustür. Mehr zum Buch.

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