Myanmar: Ein Jahr nach Militärputsch

Am 1. Februar 2021 ging eine Nachricht um die Welt. Das Militär Myanmars putschte sich zurück an die Macht. Bereits am frühen Morgen des 1. Februar verhafteten die Militärstreitkräfte die De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi und weitere hochrangige Regierungsmitglieder. Sie verhängten den Ausnahmezustand und unterbrachen die öffentlichen Kommunikationsmöglichkeiten. Dem Widerstand der Menschen, der in Demonstrationen und Versammlungen deutlich wurde, begegneten sie mit brutaler, sogar tödlicher Gewalt. Auch ein Jahr nach der Machtübernahme des Militärs hat sich daran kaum etwas geändert. Im Interview zeichnet Samuel N. Ling vom Myanmar Institute of Theology (MIT) ein düsteres Bild von der aktuellen Lage. Doch es gibt auch etwas, das ihm Hoffnung gibt.

Was, wie hier, als friedlicher Protest gegen den Militärputsch im Februar 2021 begann, hat sich in Myanmar zu einem regelrechten Bürgerkrieg ausgeweitet. © Foto: Saw Wunna/unsplash | Was, wie hier, als friedlicher Protest gegen den Militärputsch im Februar 2021 begann, hat sich in Myanmar zu einem regelrechten Bürgerkrieg ausgeweitet.

Der Militärputsch ist genau ein Jahr her. Wie ist aktuell die allgemeine Lage in Myanmar?

Seit dem Militärputsch vor einem Jahr wird die Situation schlimmer und schlimmer. Dem Militär gelingt es nicht, den Großteil der Bevölkerung über das ganze Land zu kontrollieren und daher werden die Maßnahmen immer drastischer. Wie ich es verstehe, sind große Teile des Landes jetzt eher unter der Kontrolle der „People Defense Force (PDF)“ als unter militärischer Kontrolle, darunter die Sagaing Division, die Magway Division, der Chin Staat und der Kayah Staat.

Gibt es noch Menschenrechtsverletzungen und Gewalt gegen Zivilist*innen oder Militärangriffe auf das Volk?

Ja, absolut. Die Menschenrechtsverletzungen und die Gewalt gegen Zivilist*innen sowie brutale Angriffe des Militärs auf das Volk passieren jeden Tag und überall. Was die Militärpolizei tut, sind definitiv Verbrechen gegen die Menschlichkeit. An vielen Orten haben die Angehörigen des Militärs Zivilist*innen als Träger*innen oder sogar menschliche Schutzschilde genommen. Sie haben Menschen brutal gequält, sie erniedrigt, sie wie Tiere behandelt, sie auf unterschiedlichste Weise verfolgt, und sie haben Menschen sogar bei lebendigem Leib verbrannt. Außerdem wird die Kommunikation über Internet, Telefon, WLAN und Mobilfunk stark eingeschränkt und teilweise sogar unterbrochen. In manchen Gegenden sogar soweit, dass die Menschen komplett von der Internetnutzung abgeschnitten sind, und sie so nicht wissen, was um sie herum im Land passiert. Wenn man beispielsweise ein VPN-System (virtuelles privates Netzwerk) in seinem Telefon installiert hat, droht eine Haftstrafe von drei Jahren.

Am 10. Januar wurde von einem Militärgericht erneut eine Haftstrafe gegen Aung San Suu Kyi verhängt. Hat sich die Stimmung der Menschen danach verändert?

Nein. Ich glaube, dass sich die Stimmung der Menschen, die nach Freiheit und Gerechtigkeit hungern, nicht verändern lassen wird. Selbst dann nicht, wenn Aung San Suu Kyi vom Militär getötet würde. Unserer heutigen Freiheitsbewegung, der sogenannten „Frühlingsrevolution“, geht es nicht in erster Linie darum, eine individuelle politische Führungsperson und ihre Partei, wie Aung San Suu Kyi und ihre Partei NLD zu unterstützen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sehr bestrebt, die Militärdiktatur zu beenden und sämtliche militärischen Machtverflechtungen komplett auszureißen. Ich bin hundertprozentig sicher, dass die Revolution anhalten wird – bis zum Ende.

Im vergangenen Jahr war das MIT beinahe komplett geschlossen. Wie ist die derzeitige Situation für das Institut jetzt? Sind Sie immer noch geschlossen?

Nein, wir können die Schule nicht noch ein weiteres Jahr geschlossen halten. Also haben wir seit Januar 2022 angefangen, die Online-Kurse zu öffnen und 99 Prozent der Student*innen können heut schon daran teilnehmen. Damit sind wir hoch zufrieden. Das einzige Problem, auf das wir stoßen, ist, dass wir dringend Geld für Stipendien für unsere bedürftigen Studierenden brauchen, die das Schulgeld wegen großer Einschränkungen aufgrund unseres Bürgerkrieges und/oder Covid-19 nicht bezahlen können.

Ist es unter diesen Umständen überhaupt möglich, die theologische Ausbildung aufrecht zu erhalten?

Ja, warum nicht? Wir können alles in Online-Kursen machen. Und wir hoffen, dass wir die Online-Kurse aufrechterhalten können. Manche der Student*innen, die in ländlicheren Gegenden gewohnt haben, wo es kein Internet oder WLAN gibt, sind in größere Orte oder Städte gezogen. Hier können sie Internetzugang bekommen, brauchen aber auch finanzielle Unterstützung für die Kosten, die das Leben in der Stadt und der Internetzugang verursachen. Wenn die Auswirkungen von Covid-19 nachlassen, hoffen wir, dass wir nach und nach Klassen zurück auf den Campus einladen können – entweder für Präsenzkurse oder Kurzzeit-Intensiv-Kurse. Die Fakultätsmitglieder unseres Lehrinstituts sind entschlossen, die theologische Ausbildung trotz Bürgerkrieg und Gesundheitskrise, mit denen wir uns in unserem Land konfrontiert sehen, fortzuführen.

Normalerweise leben die Studierenden zu großen Teilen auf dem Campus. Sind momentan noch welche da?

In diesem Semester lebt niemand auf dem Campus, da wir nur Online-Kurse anbieten. Vielleicht für das nächste Semester ab Juni 2022, wenn auch das neue akademische Jahr beginnt, hoffen wir, dass wir die Klassen nach und nach auf den Campus zurückholen können, so dass die Absolvent*innen ihre Studien abschließen können.

Wie verkraften die Student*innen die derzeitige Situation?

Sie haben zurzeit große Herausforderungen und Probleme. Ein Großteil von ihnen wird von unseren lokalen Gemeinden finanziert. Doch die können sich die Entsendung unter den momentanen Umständen finanziell nicht mehr leisten. Das heißt, dass sehr viele von ihnen Stipendien von unserem Institut brauchen. Wir bekommen hierfür Fördermittel von Partnerorganisationen vor allem außerhalb Myanmars, darunter auch die EMW, einige burmesische Gemeinden und christliche Organisationen aus den USA.

Was ist ihre Hoffnung für die (nähere) Zukunft?

Wir halten es wie Paulus: Wir wissen an wen wir glauben. Daher bin ich sicher, dass unser Land sich schon bald zu einem komplett demokratischen Land gewandelt haben wird, so dass wir Demokratie, Freiheit und Frieden in diesem Land genießen können. Wir hoffen, dass die derzeitige militärische Machtübernahme bald unter dem starken Druck von innerhalb und außerhalb des Landes zusammenbricht. Die Volksgruppen des Landes sind mit Herz und Geist aktiv im gemeinsamen Kampf gegen die Gewaltherrschaft der Militärdiktatur miteinander verbunden und zusätzlich in unserem gemeinsamen Eintreten für die Erlangung der föderalen Demokratie und Freiheit fest verankert.

Das Interview führte Tanja Stünckel.

Zur Person

Pastor Dr. Samuel Ngun Ling ist seit 2010 der Präsident des Myanmar Institute of Theology (MIT) und arbeitet mit der EMW als Projektpartner im Bereich Theologische Ausbildung zusammen. Er ist zudem Vorsitzender der Association for Theological Education in Myanmar (ATEM).

Weitere Informationen

Seit dem Militärputsch vom 1. Februar 2021 haben sich myanmarische und internationale kirchliche Akteure mit offiziellen Stellungnahmen und Verlautbarungen zu Wort gemeldet. Hier finden Sie eine Auswahl davon.

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