Peru: Armut im Ausnahmezustand

Erbitterte Proteste mit blutigen Straßenschlachten, die in den zurückliegenden vier Wochen mindestens 28 Menschenleben kosteten und Hunderte von Schwerverletzten forderten, Flughafenbesetzungen, blockierte Überlandstraßen, die Verhängung des Ausnahmezustands und zunehmend besorgniserregendere Berichte von Menschenrechtsorganisationen über die Brutalität von Militär und Polizei beim Einsatz gegen Demonstrant*innen: Es sind keine guten Nachrichten, die seit dem 7. Dezember aus Peru kommen. Der gescheiterte Versuch von Präsident Pedro Castillo, den von rechten und rechtsextremen Parteien dominierten Kongress aufzulösen und übergangsweise per Dekret zu regieren, die anschließende Absetzung des Staatspräsidenten durch eben diesen Kongress und seine Verhaftung haben das Andenland in einem ohnedies wirtschaftlich sehr schwierigen Moment in eine noch tiefere Krise gestürzt.

Demonstrationen schlagen in Peru derzeit häufig in Straßenschlachten um. © Foto: Alvaro Palacios/unsplash | Demonstrationen schlagen in Peru derzeit häufig in Straßenschlachten um.

Für die peruanischen Partnerorganisationen der Missions- und Entwicklungswerke aus Deutschland erschweren die Unruhen und die mit dem zunächst 60-tägigen Ausnahmezustand verbundenen Restriktionen die Arbeit mit den Kindern, Jugendlichen, Familien und Gemeinden immens. Über die Stimmung in den Armenvierteln am südlichen Stadtrand von Lima spricht im Interview die Kindernothilfe-Freiwillige Ilse Kreiner, die bei der Partnerorganisation Aynimundo mit Müttern von Kindern mit Behinderungen arbeitet.

Wie hat das Aynimundo-Team diesen dramatischen 7. Dezember und den Machtkampf zwischen dem Kongress und dem am Ende verhafteten Präsidenten erlebt?

Wir waren natürlich alle extrem erschrocken! Es herrschte große Angst, dass die Militärs die Macht ergreifen. Gegen 12 Uhr entschieden wir, dass alle von uns so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren und dort abwarten sollten. Ich konnte zum Glück alle Mütter, mit denen ich für diesen Tag verabredet war, telefonisch erreichen und unsere Beratungstreffen absagen. Auch die Eltern mit den Kindern, die an diesem Morgen zur Therapie im Zentrum waren, schafften es unbehelligt wieder nach Hause. Als dann gemeldet wurde, dass die bisherige Vizepräsidentin Dina Boluarte den Eid als Interims-Staatschefin ablegte, beruhigte sich Lage. Wir alle dachten, noch einmal glimpflich davon gekommen zu sein.

Dieses Armenviertel liegt im Distrikt San Juan de Miraflores im Süden von Lima. © Foto: Jürgen Schübelin | Dieses Armenviertel liegt im Distrikt San Juan de Miraflores im Süden von Lima.

Aber die eigentlichen Probleme begannen dann doch erst in den Tagen danach?

Genau. Es ging mit eher punktuellen Protesten gegen die Absetzung und Inhaftierung von Pedro Castillo los – hier in Lima konzentriert auf die Plaza San Martin und das Regierungsviertel, die dann aber sehr schnell sehr heftig wurden und erste Todesopfer forderten. Die härtesten und blutigsten Auseinandersetzungen lieferten sich Demonstrantinnen und Demonstranten mit Spezialkräften der Polizei in den Süd-Anden-Provinzen Junin, Cuzco mit dem Valle Sagrado, Ayacucho, Huancavelica und Arequipa, wo auch der internationale Flughafen besetzt wurde. An ganz vielen Stellen im Land gab und gibt es Straßenblockaden. Als dann der Ausnahmezustand verhängt wurde – zuerst für 30, dann für 60 Tage – war das für niemand mehr eine Überraschung. Bereits während der beiden Covid-19-Pandemie-Jahre, die in Peru so viel Leid und Elend verursacht hatten, hatten die Menschen schmerzhafte Erfahrungen mit diesen restriktiven Maßnahmen gesammelt.

Welche konkreten Auswirkungen hatten die Verhängung des Ausnahmezustands bei Euch im Stadtteil Chorillos – sowie in den Armenviertelkommunen, aus denen die meisten Kinder im Aynimundo-Programm kommen: San Juan de Miraflores, Villa El Salvador oder Villa María del Triunfo?

Das Straßenbild verändert sich drastisch. Überall ist sehr viel Polizei und schwerbewaffnetes Militär unterwegs. Jederzeit sind ausführliche Personenkontrollen – ohne jeglichen Anlass – möglich. Der Ausnahmezustand erlaubt es Polizei und Militär, ohne Angabe von Gründen in Wohnungen einzudringen, alles zu durchsuchen und Personen festzunehmen. Viele Eltern getrauen sich nicht mehr, die Kinder aus dem Haus zu lassen. Aber am schwierigsten ist die Situation der Hunderttausenden von ambulanten Händlerinnen und Händler. Die Wochen vor Weihnachten sind für sie traditionell die wichtigste Zeit des Jahres. Nach den beiden Pandemie-Jahren wären sie so dringend auf ein gutes Weihnachtsgeschäft angewiesen gewesen. Insofern treffen diese Krise und der Ausnahmezustand die Menschen ohne festes Einkommen, die vom Verkaufen auf den Straßen leben, am härtesten. Ganz viele der Mütter von Kindern aus dem Aynimundo-Programm und aus den Projekten anderer ökumenischer Nichtregierungs-Organisationen hier im Süden von Lima sind vendedoras ambulantes, Straßenhändlerinnen.

Seit der Verhängung des Ausnahmezustands sind nur noch wenige Kinder außerhalb der Häuser zu finden. © Foto: Jürgen Schübelin | Seit der Verhängung des Ausnahmezustands sind nur noch wenige Kinder außerhalb der Häuser zu finden.

Welche alternativen Optionen gibt es für diese Familien, die ja bereits während der Corona-Pandemie und den monatelangen lockdowns ihre allerletzten Reserven aufgebraucht haben, um über die kommenden Monate zu kommen?

Zumindest einige von ihnen erhalten bescheidene Boni, punktuelle Unterstützungen durch den Staat. Aber das System ist nicht sehr treffsicher. Viele, die dringend auf diese Hilfe angewiesen wären, gehen leer aus. Die Frage in vielen Familien, deren Kinder hier im Programm sind, lautet: Wovon sollen wir jetzt während der Sommer- und Ferienmonate, wenn die Schulen geschlossen sind, leben? Wir hatten mit einigen Müttern kleine Verkaufsaktionen in Parks oder am Strand vorbereitet, um selbstgefertigte Kleinigkeiten und etwas zum Essen zu verkaufen und hoffen jetzt natürlich inständig, dass das trotz des Ausnahmezustands möglich sein wird.

Was die politische Auseinandersetzung im Land, diesen erbittert geführten Konflikt zwischen dem verhafteten Präsidenten, seinen Anhänger*innen und der rechten Kongressmehrheit anbelangt, ist das überhaupt ein Thema für die Familien, die von Aynimundo unterstützt werden?

Ehrlich gesagt: Nein. Die Leute, selbst wenn sie bei den Wahlen 2021 für Pedro Castillo und gegen Keiko Fujimori von der extrem rechten Partei Fuerza Popular gestimmt hatten, reagieren extrem fatalistisch, sobald es um die politischen Probleme hinter dieser Staatskrise geht. Es ist in Peru inzwischen fast zum Normalfall geworden, dass Präsident*innen und Ex-Präsident*innen im Gefängnis landen und sich die Mandatsträger*innen mit atemberaubender Geschwindigkeit die Klinke in die Hand geben. Jetzt haben wir bereits das sechste Staatsoberhaupt in gerade einmal vier Jahren. Was so schmerzt, ist, dass die Menschen, mit denen ich spreche, sagen, dass es ohnedies keinen Unterschied macht, wer regiert, Wahlversprechen nie eingehalten werden – und über kurz oder lang alle Präsidenten, also auch der abgesetzte Castillo – korrupt seien. Insofern: Was wir spüren, ist ein resigniertes kollektives Achselzucken und keinerlei Hoffnung, dass irgendetwas im Land in Zukunft besser werden könnte.

Schon immer – also auch bereits vor der Pandemie – waren die Lebensbedingungen von Familien, ganz oft Müttern, die mit einem oder mehreren Kindern mit Behinderungen in einem Armenviertel im Süden von Lima leben, extrem hart. Woher nehmen diese Menschen die Kraft, weiter dafür zu kämpfen, dass es ihren Kindern trotz schwerer und schwerster Beeinträchtigungen einigermaßen erträglich geht?

Ilse Kreiner im Beratungsgespräch vor dem neuen Therapiezentrum in Chorillos. © Foto: Warmolt Lameris | Ilse Kreiner im Beratungsgespräch vor dem neuen Therapiezentrum in Chorillos.

Dieses bewundernswerte Engagement – vor allem der Mütter, aber zum Teil auch der Großmütter – gegen alle Widrigkeiten, ist die Ressource, die hier alles bewegt und auch uns jeden Tag neu motiviert. Und es ist jetzt – mitten in dieser Krise – ein unglaublicher Glücksfall, dass das neue Therapiezentrum von Aynimundo hier in Chorillos, für das ja auch die Kindernothilfe und andere Initiativen in Deutschland und der Schweiz so gekämpft haben, im November endlich fertiggestellt werden konnte. Dieses in bunten Farben gestaltete Gebäude mit seiner großartigen Architektur, inmitten eines weitläufigen Geländes voller Bäume und Pflanzen, das durch eine Mauer geschützt wird, ist zu einem ganz wichtigen Schutz- und Rückzugsort geworden. Die Mütter sagen uns ganz oft, dass, sobald sie mit den Kindern durch das Tor kämen, der Druck und der Stress von ihnen abfallen würde, sie sich in Sicherheit fühlten und durchatmen könnten und auch die Kinder viel entspannter seien. Natürlich hat auch die Arbeit der Therapeutinnen und Therapeuten in diesen schwierigen Zeiten den Charakter eines Mutmach- und Durchhalteprogramms. Trotzdem ist uns allen aus dem Aynimundo-Team, aber auch anderen Nichtregierungs-Organisationen, mit denen wir im Kontakt stehen, bewusst, was die Familien und ihre Kinder gerade durchmachen. Letztlich ist es wie immer in der Geschichte: Die Ärmsten zahlen in Krisen und Konflikten den höchsten Preis.

Das Interview führte Jürgen Schübelin.


Zur Person

Ilse Kreiner ist studierte Physikerin und Betriebswirtin. Sie arbeitete bis zu ihrem Ruhestand in leitender Position bei der Bank für Arbeit und Wirtschaft in Wien. Im Rahmen des Kindernothilfe-Lern- und Freiwilligenprogramms engagierte sie sich in den vergangenen Jahren bereits mehrfach bei KNH-Partnerorganisationen in Peru, Ecuador und Chile. Ihren letzten Freiwilligen-Einsatz bei Aynimundo in Lima musste sie wegen der Covid-19-Pandemie im März 2020 unterbrechen. Aber jetzt seit Anfang November ist Ilse Kreiner wieder vor Ort, um erneut mit Müttern von Kindern mit Behinderungen zu arbeiten. Dabei geht es vor allem darum, kreative einkommensschaffende Initiativen zu unterstützen, mit denen die Frauen für sich und ihre Kinder den Lebensunterhalt sichern können. Aynimundo ist seit über 15 Jahren Kindernothilfe-Partnerorganisation.

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