Post-Apartheid-Perspektive

Gemessen an Desmond Tutus Beitrag zur Völkerverständigung ist er vor allem bei den Jüngeren wenig bekannt. Boniface Mabanza, Mitarbeiter bei der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA), ist überzeugt, dass es die Aufgabe der deutschen Kirchen und ihrer Bildungseinrichtungen sei, Räume zu schaffen, dass Stimmen aus Afrika, wie die Desmond Tutus, gehört werden können.

© Foto: Markus Winkler/unsplash

Desmond Tutus Stimme in Deutschland Gehör zu verschaffen ist wichtig, weil seine Perspektive, auch so viele Jahre nachdem er sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, an Aktualität nicht verloren hat. Dies lässt sich u. a. am Konflikt zwischen Israel und Palästina bestätigen, der in Deutschland so polarisiert, dass an vielen Orten eine vernünftige und empathische Diskussion nicht möglich ist. Desmond Tutu ist es gelungen, die notwendige Haltung zu diesem belastenden Konflikt in einem Satz zu formulieren, der kaum trefflicher sein kann: „Achtet auf Antisemitismus und auf alle anderen Formen von Rassismus, aber achtet auch darauf, euch nicht zum Schweigen bringen zu lassen von jenen, die euch wegen der Kritik an der unterdrückerischen Politik Israels als Antisemiten abstempeln wollen…“. Für viele Menschen, die sich in der Friedensarbeit in dieser Region der Welt engagieren, sind diese Worte aus einem Offenen Brief Tutus an den Deutschen Evangelischen Kirchentag und den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 30. April 2015 der Maßstab.

Wegweisendes Engagement gegen Rassismus und für Demokratie

Desmond Tutus zentrale Impulse für den deutschen Kontext und die deutschen Kirchen lassen sich aus seiner Arbeit im südafrikanischen Kontext ableiten, in dem sich heute noch viele postkoloniale Kämpfe verdichten, die für die Beziehungen zwischen Afrika und den ehemaligen Kolonialmächten nach wie vor relevant sind. Sein Engagement gegen rassistische Strukturen sowie für soziale Gleichstellung und die Verwirklichung von Menschenrechten haben viele lokale, nationale und transnationale Bewegungen inspiriert. In der Post-Apartheid-Ära, die von fortgesetzter extremer Ungleichheit geprägt ist, hat Desmond Tutu durch sein Engagement zur Verteidigung der Demokratie und des Rechtsstaates gegen seine „ehemaligen Alliierten“ im Befreiungskampf und neue Regierende Südafrikas scharfe Analysen und lebendige Diskurse hervorgebracht. Somit hat er mit dazu beigetragen, Einsichten in koloniale Kontinuitäten und strukturelle Verflechtungen von Rassismus und Ökonomie zu erschließen, die weit über Südafrika hinausweisen.

Angesichts des neu erstarkenden Rassismus und Rechtsnationalismus in Europa empfiehlt es sich, die Relevanz von Desmond Tutus Kampf gegen Rassismus neu zu reflektieren. Es gilt festzuhalten, dass die Suche nach neuen Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens in der Post-Apartheid-Ära modellhaft für eine postkoloniale Perspektive steht, die darauf drängt, koloniale und rassistische Strukturen und Logiken zu durchbrechen, ohne einfach nur „Gesichter“ und „Rhetorik“ auszutauschen. Diese Suche in Südafrika und Afrika findet in einem globalen Kontext statt, in dem die Apartheidlogik von ethnisch homogenen Gruppen und der Überlegenheit der „Weißen“ wieder zum Kristallisationspunkt für viele global agierende rechtsnationale und rechtsextreme Netzwerke und Bewegungen wird. Verbindungen etwa zwischen rechtsextremen Gruppen in Deutschland und in Südafrika existieren heute, wie sie damals auch zwischen Nationalsozialist*innen und Gründer*innen der Apartheid Bestand hatten.

Post-Apartheid als globale Perspektive

Desmond Tutus Botschaft und Engagement fordert die Kirchen in Deutschland heraus, Post-Apartheid als globale Perspektive wahrzunehmen und sich gegen alle Formen von strukturellem Rassismus zu engagieren und angesichts neuer Formen rechtsnationaler Netzwerke, Bewegungen und Politiken Farbe zu bekennen. Auch dafür steht die Black-Lives-Matter-Bewegung. Dass es im 21. Jahrhundert eine Bewegung gibt, die nur an das Grundlegende erinnert, zeigt die Perversität unserer Gesellschaften. Die Post-Apartheid-Perspektive ist für die Europa-Afrika-Beziehungen in Deutschland von zentraler Bedeutung. Dabei kann sich Desmond Tutus Auffassung der Situation Südafrikas nach Abschluss der Wahrheits- und Versöhnungskommission als hilfreich erweisen. Seine Nation verglich er mit einer kranken Person. Der Kommission war es gelungen, nach seinen Worten, den Patienten ausreichend zu stabilisieren, um ihn von der Intensivstation in eine allgemeine Station zu bringen. Aber dann wurde entschieden, dass eine weitere Behandlung unnötig war und die Konsequenzen dieses Nicht-Handelns sind überall zu beobachten.

Dieses Bild „Von der Intensiv- zur normalen Station“ passt gut zu den Europa-Afrika-Beziehungen: Auch sie brauchen eine Heilung, die immer wieder verschoben wird, wie zuletzt hier in Deutschland beim Umgang mit dem Genozid in Namibia zu beobachten ist. Desmond Tutu erinnerte im Kontext von Südafrika daran, dass die Wahrheit für jeden Heilungsprozess von zentraler Bedeutung ist, „denn um zu vergeben, muss man wissen, wem man vergibt und warum.“ Tutu entwirft nicht nur die große Vision einer Regenbogen-Nation, er artikuliert auch, was an Anerkennung und Reparation geleistet werden muss, damit die Vision Wirklichkeit werden kann. Diese Perspektive ist für Deutschland von zentraler Bedeutung, denn hierzulande wird gerne von „Aufarbeitung des Kolonialismus“ gesprochen, ohne sich bewusst zu machen, was Kolonialismus überhaupt war und ist. Diese Perspektive ernst zu nehmen, verpflichtet uns dazu, sich den wahren Schrecken der Vergangenheit zu stellen und ihre Kontinuitäten in den heutigen Strukturen der Handels-, Rohstoff-, Sicherheits-, Entwicklungs- und Schuldenpolitik ernst zu nehmen. Die in all diesen Bereichen zu beobachtenden strukturellen Benachteiligungen setzen eine Logik der Dominanz der westlichen Industrienationen fort, welche in den dunklen Zeiten des Kolonialismus Gestalt nahm. Diese Logik der Dominanz wird immer neu reproduziert und mit neuer Rhetorik legitimiert. An der Unterbrechung der Reproduktion dieser Logik der Gewalt zu arbeiten, ist die größte Ehre, die Desmond Tutu erwiesen werden kann, denn die Ubuntu-Lebensphilosophie, die seiner Arbeit zugrunde liegt, verpflichtet dazu.

Dr. Boniface Mabanza ist Mitarbeiter bei der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA).

EMW-Dossier EMW-Dossier Nr. 5/2021

Desmond Tutu

An den Helden mehrerer Generationen von Menschenrechtsaktivist*innen erinnern in diesen Tagen auch Missionswerke und Kirchen: Noch immer steht der Name des ehemaligen Erzbischofs von Kapstadt und Friedensnobelpreisträgers, Desmond Mpilo Tutu, für den friedlichen Kampf gegen Apartheid und für Gerechtigkeit.

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