Rassismus überwinden

Rassismus hat viele Formen und Gesichter. Keine Nation, keine Gesellschaft, keine Kirche oder Organisation ist frei davon. Was können wir also tun? Wie können wir uns dem komplexen Phänomen Rassismus nähern? Und wie können wir zu einer Veränderung beitragen? Diesen Fragen widmet sich die aktuellen Ausgabe der EMW-Zeitschrift EineWelt und nimmt dabei besonders die Kirche in den Blick. Für EMW-Direktor Rainer Kiefer bleibt die Auseinandersetzung mit Rassismus eine lebenslange Lernerfahrung.

© Foto: Angelina Bambina/shutterstock

Anders als Kinder, die heute in einer durch Migration geprägten Gesellschaft in Deutschland aufwachsen, hatte ich als Kind kaum Begegnungen mit Menschen anderer Hautfarbe. Die erste Person of Color (PoC) war nach meiner Erinnerung ein dunkelhäutiges Mädchen an der Hand einer weißen Frau. Die beiden kamen meiner Großmutter und mir auf einem Spaziergang entgegen und meine Neugierde war geweckt. Woher kam dieses Kind? Sprach es meine Sprache? Wer waren seine Eltern? Was machte dieses Kind in der Stadt der Großeltern?

Ich war damals wohl fünf Jahre alt und machte mir erst nach und nach ein Bild von der komplexen Welt, in der wir lebten und habe diese Begegnung nie vergessen. Ich beginne mit dieser persönlichen Begegnung, weil es wichtig ist, in der Auseinandersetzung mit Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit den eigenen Standpunkt, Gefühle, Ängste und Vorurteile zu kennen. Erinnern Sie sich an die ersten Begegnungen und mit welchen Gefühlen sind diese Erinnerungen verbunden? Wir müssen danach fragen, inwieweit soziale Konstrukte uns in unserer Wahrnehmung der Welt und in unserem Urteilen geprägt haben und wir sollten uns nicht scheuen, gute, befremdliche und schlechte Erfahrungen zu reflektieren und mit anderen zu teilen. Nur so kann es gelingen, dem Phänomen des Rassismus im Alltag auf die Spur zu kommen und ihn auch als Herausforderung für das eigene Leben und nicht nur als Problem der jeweils anderen zu begreifen.

Eine lebenslange Lernerfahrung

Als Mann mit weißer Hautfarbe in Deutschland, der vielfältige Bildungschancen wahrnehmen konnte und in der Mitte der Gesellschaft zuhause ist, lebe ich mit vielen Privilegien und es besteht immer die Gefahr, dass ethische Forderungen als gut gemeinte Appelle zwar gehört werden, aber keine Wirkung entfalten. Ich kenne niemanden in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, dem ich rassistisches Denken unterstellen würde und auch ich hoffe, dass People of Color, mit denen ich befreundet bin oder mit denen ich zusammenarbeite, mir keine rassistisch motivierten Sicht- und Handlungsweisen unterstellen. Trotzdem bleibt das faire Miteinander in einer von Diversität geprägten Welt eine lebenslange Lernerfahrung. Wer schon einmal aufgrund seiner oder ihrer Hautfarbe beschimpft, ausgeschlossen oder sogar angegriffen wurde, schaut interessiert und zurückhaltend auf meine Versuche mich dem Thema angemessen zu nähern.

Die Partnerschaftsarbeit in den Kirchen und den Austausch mit Menschen aus den Gemeinden unterschiedlicher Sprachen und Herkunft habe ich in den vergangenen Jahrzehnten als großen Gewinn erlebt. Verbunden durch den gemeinsamen Glauben, in dem Werte und Sichtweisen geteilt werden, kann ein sicherer Raum entstehen, in dem die Vielfalt und die Besonderheit aller gelebt und gefeiert werden kann. Das setzt allerdings voraus, dass Gleichheit und Ungleichheit, Dominanz und Unterdrückung, Privileg und Unterlegenheitsgefühle thematisiert werden und kein Tabu bleiben.

Neue Wege miteinander gehen

Ich bin froh, dass in Partnerschaftsgruppen und in der Arbeit der Missionswerke die Frage nach Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit längst zum Standard gehört und auch die Geschichte der Mission kritisch auf stereotype Verhaltensweisen und Klischees befragt wird, die die Würde der einzelnen Menschen verletzt und die geschwisterliche Gemeinschaft vergiftet haben. Hier um Vergebung zu bitten, Verhaltensweisen zu ändern und neue Wege miteinander zu gehen, ist das Gebot der Stunde.

In der biblischen Tradition gibt es zwei großartige Erzählungen, die unser Miteinander als Menschen auf diesem Planeten prägen sollen. Zunächst ist es die Schöpfungsgeschichte in Genesis 1, in der der Mensch als nach Gottes Bild geschaffen und als gesegnet beschrieben wird (Verse 27 und 28). Es ist die Spezies Mensch (human race), die mit einer besonderen Würde und einem besonderen Auftrag versehen wird und es gilt, diesen Auftrag in Vielfalt und in Verantwortung für die gesamte Schöpfung wahrzunehmen. Natürlich hat es immer wieder Versuche gegeben, aus dieser Vielfalt ein System von Über- und Unterordnung von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft abzuleiten. Politische Motivation, geisteswissenschaftliche Haltung und auch religiös motivierte Selbstwahrnehmung führten dazu, dass Menschen in unterschiedliche Kategorien eingeordnet werden konnten. Das überwundene System der Apartheid in Südafrika hat dies in der jüngeren Geschichte auf perfide Art deutlich gemacht. Eine historisch-kritische Exegese und eine biblisch orientierte, interkulturelle Hermeneutik kann vor Fehlinterpretation und interessegeleiteten Kurzschlüssen schützen.

Die Bibel im eigenen Kontext verstehen

Die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth sowie Tod und Auferstehung Jesu Christi sind weitere Narrative, die für Christen und Christinnen Ermutigung, Mahnung, Korrektiv und Lebensperspektive sein können. Es gehört für mich zu den wunderbaren Erfahrungen im Studium der Theologie und im ökumenisch geprägten Berufsleben zu erfahren, wie Menschen die Geschichten der Bibel im eigenen Kontext erzählen, ausgestalten und mit Leben füllen. Das Kind in der Krippe hat im Laufe der jüngeren Missionsgeschichte Gesichtszüge eines afrikanischen, asiatischen, lateinamerikanischen oder pazifischen Menschen angenommen – und dies gilt natürlich nicht nur für Jesus, sondern für alle, die in den Geschichten des Neuen Testaments eine Rolle spielen – Maria, die Hirten, Josef, Zachäus, Nikodemus, Maria Magdala und viele andere mehr.

Die Hungertücher der vergangenen Jahrzehnte und die Altardarstellungen in den sechs Kontinenten der Welt sprechen hier eine eigene beeindruckende Sprache. Wie befreiend muss es für Menschen in Afrika, Asien oder Lateinamerika gewesen sein, den Gekreuzigten als Menschen zu erkennen, der Leben und Leiden, Herkunft und damit auch die Hautfarbe derer teilt, die ihm ihr Leben anvertrauen. Die Väter und Mütter der Mission brachten einen weißen Jesus mit in den Süden der Welt und für sie war klar, dass der Menschgewordene auch blond und wahrscheinlich blauäugig war, obwohl seine Herkunft aus Palästina dies eher unwahrscheinlich erscheinen lässt. Was ihnen half, das Wunder der Menschwerdung Gottes und das Skandalon des Kreuzestodes auf ihr Leben anzuwenden, musste in einem anderen Kontext zunächst verstörend und befremdlich wirken. Wie gut, dass Christinnen und Christen, Theologinnen und Theologen es geschafft haben, die befreiende Botschaft des Glaubens interkulturell zu übersetzen und in eine Kultur zu übertragen, die die ihre ist. Diese Arbeit ist noch lange nicht beendet. In manchen Feldern der Missionsgeschichte stehen schmerzhafte Auseinandersetzungen erst noch an.

Angesichts dieser selbstkritischen und schmerzhaften Auseinandersetzungen vertrauen wir auf die Kraft der Vergebung und der Heilung, wo immer die Augen offen und das Herz weit ist. Wie schön wäre es, wenn wir auch in den Kirchen und in der weltweiten Mission sagen könnten, wir leben gender- und diversitätsbewusst und wissen, dass die Kinder Gottes, wie es eine kanadische Freundin zu sagen pflegt, in vielen Farben kommen und die Welt verändern.

Rainer Kiefer ist Direktor der Evangelischen Mission Weltweit.

Zeitschrift „EineWelt“ Eine Welt, Heft 3/2021

Rassismus überwinden

Rassismus hat viele Formen und Gesichter. Keine Nation, keine Gesellschaft, keine Kirche oder Organisation ist frei davon. Rassismus geht uns alle an. Was können wir also tun? Wie können wir uns dem komplexen Phänomen Rassismus nähern? Und wie können wir zu einer Veränderung beitragen? Diesen Fragen widmet sich die aktuelle Ausgabe von EineWelt.

Außerdem: Kampf für Veränderung: Interview mit M. Garlinda Burton – Eine Brückenbauerin: Ein Porträt von Sarah Vecera – Libanon: Ein Jahr nach der Explosion im Hafen von Beirut

Details und Bestellung auf www.demh.de

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