Tränen gesehen und nicht abgewischt

Was tun, wenn die eigene Biografie voller Risse und Brüche ist, die bis ins Erwachsenenleben reichen? Markus Nietzke wuchs als Sohn eines deutschen Missionars im ländlichen Südafrika auf, mitten hinein in die Selbstverständlichkeit einer menschenverachtenden Rassentrennung, die sogar theologisch begründet wurde. Mit Anfang 20 kehrte der heute 57-Jährige Pfarrer nach Deutschland zurück, noch vor dem Ende der Apartheid 1994. Die Frage nach der eigenen Prägung und dem Umgang mit den Ereignissen von damals ist geblieben.

Markus Nietzke als Kind mit seinem Vater und den Freunden Jan und Kudu © Foto: privat | Markus Nietzke als Kind mit seinem Vater und den Freunden Jan und Kudu

Ein Nachmittag vor 52 Jahren. Ein herrlicher Nachmittag. Katharina und Markus, Jan und Kudu spielen „Verstecken und Fangen“. Südafrika, 1969. Nichts scheint außergewöhnlich, außer vielleicht „Kudu“ – der Name einer Antilope, die schnell laufen und hoch springen kann. Kudu – auch ein Kosename unter Kindern. Da ruft plötzlich eine Erwachsene: „Kinder! Kommt zum Essen!“ Markus ruft zurück: „Können Jan und Kudu mitkommen?“ – „Nein!“ – „Warum nicht?“ – „Ihr wisst doch, dass Schwarze und Weiße nicht zusammen essen!“

Ich war fünf Jahre alt, als meine Oma aus Deutschland diese Sätze sagte. Beim Spielen von Kindern spielte die Hautfarbe keine Rolle, beim Essen schon! Meine Schwester und ich waren nie bei Jan und Kudu spontan zum Essen oder auf ein Glas Saft eingeladen und umgekehrt auch nicht. Heute denke ich erschrocken darüber nach: Wie selbstverständlich das war! Mit den Geschwistern Jan und Kudu habe ich nie darüber gesprochen.

Mein Vater war damals von der lutherischen Bleckmarer Mission bei Celle (Niedersachsen) als Missionar zu Tswana sprechenden Menschen in Südafrika entsandt worden, eine weitverzweigte Arbeit westlich von Johannesburg. Sie umfasste Dienste sowohl in den von „Schwarzen“ bewohnten Townships am Rande von Orten, wo nur „Weiße“ lebten (ich komme nicht umhin, diese Begriffe zu benutzen, um zu verdeutlichen, wie damals gedacht und geredet wurde), als auch bei den Arbeiterfamilien auf den Farmen der Weißen.

Verhältnisse ändern sich im Laufe der Zeit. Später, als junger Erwachsener, habe ich meinen Vater zu seinen Besuchen bei Kranken und Alten auf die Farmen begleitet – dort wurde uns immer etwas zu essen angeboten. Weiße ebenso wie schwarze Kollegen meines Vaters kamen auch zu uns nach Hause, es wurde normaler, gemeinsam Tee zu trinken und miteinander zu essen. Aber das war längst nicht überall möglich – die Apartheid war allgegenwärtig.

1970: Der erste Schultag. Die Schuluniformen einheitlich, grau in grau. Die Klassenlehrerin begrüßt uns. Vor uns auf dem Tisch liegen Schreibhefte, Kugelschreiber, Anspitzer, Radiergummi. Am Nachmittag wollen wir spielen gehen. Selbstverständlich wie immer mit Jan und Kudu. Stolz präsentieren wir, was wir aus der Schule mitgebracht haben. Aber Jan und Kudu haben an diesem für uns so besonderen Tag nichts, was sie vorzeigen können. Wir bemerken es nicht wirklich: kein Schulzeug, kein Schulbus. Sie gehen nicht mit uns auf dieselbe Schule. Sie gehen überhaupt nicht zur Schule. Keine Schulpflicht, keine gleichen Bildungschancen.

Zwei Jahre später kann Jan dann doch noch zur Schule gehen, aber er geht zu Fuß. Eine lange Bank und eine ebenso lange Tischreihe warten dort auf ihn. Eigentlich nur Platz für sieben Kinder, aber auf der Bank drücken sich 12 Kinder zusammen. Die Eltern haben Schreibhefte, Stifte und alles andere vorab in einem Geschäft im Ort selbst besorgen müssen. Und sie mussten wie üblich an einer extra ausgewiesenen Kasse für „Nicht-Weiße“ (Nie-Blankes) zahlen. Meine andere Spielgefährtin, Kudu, ist meines Wissens nie zur Schule gegangen.

Während mein Vater damals zu Apartheidzeiten etwa 700 Rand monatlich verdiente und einen Dienstwagen für die „Arbeit auf dem Missionsfeld“ unter den Batswana von seiner deutschen Missionsgesellschaft gestellt bekam, hatten die Eltern von Jan und Kudu 50 Rand im Monat, zwei Säcke Maismehl und natürlich keine Fahrgelegenheit zur Verfügung. Damit wurde von Anfang an zementiert, wer privilegiert war. Auch aufgrund der Hautfarbe. In dem Ort, in dem ich aufwuchs, gab es separate Siedlungen für „Weiße“, für „Schwarze“, für „Kleurlinge“ (Afrikaans für Farbige) und „Inder“. Es gab wenige bis keine Begegnungen, nur wenn es um Arbeit oder die Grundversorgung ging. Zum Arzt etwa konnte man gehen, aber es gab je nach Hautfarbe getrennte, extra ausgewiesene Eingangstüren.

Auf meine Frage im Religionsunterricht in einer afrikaans-sprachigen Dorfschule, warum das denn alles so sei, wurde mir gesagt: „Du musst wissen, Noah hatte drei Söhne: Sem, Ham und Jafet. Von ihnen stammen alle Menschen ab, die Weißen, Gelben und Schwarzen!“ Wenn der Lehrer das unter dem Vorzeichen der Religion sagte, wer wollte ihm widersprechen? Ich nicht. Der Lehrer bezog sich auf eine Einteilung des Leydener Professors Georgius Hornius (um 1666). Dass der dunkelhäutige Ham zudem zum Dienen verurteilt war, das könne man in der Bibel nachlesen, wie der Lehrer uns sagte: 1. Mose 9, Vers 20 bis 26! Aha, nun wusste ich ja Bescheid.

Die Einteilung in „wir“ und „die“ wurde als Kind und Jugendlicher von mir nicht hinterfragt, obwohl ich auch andere Begegnungen hatte. So war es etwa zeitweilig möglich für uns als Missionarsfamilie, am Gründonnerstag abends in der Gemeinde in der angrenzenden „Lokation“ der kleinen Provinzstadt Ventersdorp einen Gottesdienst mitzufeiern. Nirgends mehr in meinem Leben habe ich eine solche Innigkeit und Frömmigkeit beim Heiligen Abendmahl erlebt; dazu emotional vorgetragene Lieder, Tänze zum Kollektentisch und vieles mehr. Das war doch auch da und echte, erlebte Welt. Aber es war eben nur eine Facette von vielen.

Der Alltag war: Leben in parallelen Welten, die nahezu keine Berührungspunkte hatten. War das gewollt? Ja, das war es ganz sicher. Genau das war das Konzept der Apartheid: „apart“ – „getrennt“, in unterschiedlichen Welten zu leben je nach Hautfarbe und damit auch sozialem Status. Wir haben es in den 1960er und 70er Jahren akzeptiert, nicht in Frage gestellt – auch wenn wir da und dort anderes erlebt haben, als die meisten weißen Südafrikaner*innen sonst.

1976: Erste Anzeichen des Wandels. Später dann erste Anzeichen einer Wende. Berichte vom blutig niedergeschlagenen Schüleraufstand in Soweto 1976 gingen um die Welt, die sich anbahnenden politischen Veränderungen in Südafrika waren nicht mehr von der Hand zu weisen. Aber in dem abgelegenen ländlichen Ort, wo ich zur Schule ging, lebte die Apartheid fort. Andersdenkende wurden mundtot gemacht.

Ich begann mit anderen Mitgliedern aus der Tswana-sprechenden Gemeinde meines Vaters in einem Posaunenchor zu spielen. Weihnachten nahte, wir spielten Choräle im öffentlichen Park. Da klebte mit einem Mal das Schimpfwort „Kafferboetie“ (abfällig für: Bruder der Schwarzen) an mir. Warum? Weil die Unterschiede in Hautfarbe, Sprache, Religion und Kultur die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Sprachgruppen stabilisieren sollten, wie ich heute weiß, sie sollten die Vorrangstellung des Eigenen vor dem Fremden sichern.

Plötzlich wurde nun auch ein Unterschied innerhalb der weißen Community gemacht, zwischen Afrikaanssprachigen und Deutschsprachigen wie uns. Einzelne Dorfbewohner hielten sehr viel vom deutschen Nationalsozialismus und seiner Rassenlehre. Es passte nicht in ihr Weltbild, dass Deutsche jetzt “gemeinsame Sache“ machten „mit denen“, den Schwarzen, die doch in der Politik niemals eine Rolle spielen sollten, „nie in 1000 Jahren“, wie der damalige rhodesische Premierminister Ian Smith 1973 sagte. Sieben Jahre später war aus Südafrikas Nachbarland Rhodesien Zimbabwe geworden. Aber Mentalitäten ändern sich nur langsam.

Inzwischen begleitete ich meinem Vater oft zu Gottesdiensten auf den Farmen ringsum und in dem 1977 für „unabhängig“ erklärten schwarzen „Homeland“ Bophuthatswana (das nach dem Ende der Apartheid 1994 wieder aufgelöst wurde). Ich stellte das große Ganze nicht in Frage. Auch die Zwangsumsiedlungen schwarzer Dörfer nicht, die ich miterlebte. Ich erinnere mich an Bulldozer in dem Ort Mogopa, die Häuser und Hütten plattwalzten und eine schnell aufgebaute Zeltstadt für die Vertriebenen, rund 160 Kilometer entfernt. Wir sahen es, mein Vater und ich. Wir standen daneben. Ob wir auch neben uns standen?

1978: Schulstunde in Deutschland. 1978 war mein Vater zum „Heimatdienst in der Mission“ in Deutschland eingeladen. Ich wurde nach Celle aufs Gymnasium geschickt und dort gebeten, aus Südafrika zu erzählen. Ich wusste mich gegen Anfragen an das Apartheidsystem in Südafrika und in Sachen Homeland-Politik zu wehren: „Jede und jeder nach seinen Möglichkeiten und zu seiner Zeit an einem eigenen Ort…“, ein aus der Schule in Südafrika eingeprägter Satz. Er klang überzeugend – und ich sah es nicht anders. Aber ich bekam Kritik zu spüren, auch dass ich gemieden wurde. Und so habe ich 1978 eine wichtige Veränderung nach Südafrika mitgenommen: Das, was ich für absolute politische Wahrheit gehalten hatte, war nun in Frage gestellt.

Markus Nietzke als Student 1986 © Foto: privat | Markus Nietzke als Student 1986

1983: Angst vor Studentenbegegnung. Nach 1983 gab es Versuche, zwischen den überwiegend deutschen Kirchengemeinden in Wohnvierteln wie Arcadia in Pretoria und den nahegelegenen tswana- und zulusprachigen Gemeinden in den umliegenden Townships Kontakte herzustellen. Einige aus unserem Jugend- und Studierendenkreis in Arcadia wollten eine Gruppe junger Leute aus Mabopane zum Gottesdienst einladen. Der Kirchenvorstand stimmte nicht zu. Das Argument, dass aufgrund der Taufe und demselben konfessionellen Standpunkt doch jede und jeder der gleichen Kirche angehört, wurde abgelehnt. Die Taufe und der Glaube seien gleich, nicht aber die Kultur- und Sprachgemeinschaft, hieß es.

So wurden die jungen Menschen aus Mabopane nur auf einen Nachmittag eingeladen. Sie kamen auch nach Arcadia, unter schwierigsten Bedingungen und mit großem Einsatz für eine gemeinsame Veranstaltung. Aber was sie vorfanden, war nur ein Bruchteil des deutschen Studierendenkreises – wir wenigen aus Arcadia standen bedröppelt da. Was war passiert? Viele von uns hatten sich die Verallgemeinerungen und Unterschiede zum Nutzen des deutschsprachigen Kirchenvorstands und zum Schaden der jungen Menschen aus Mabopane zu eigen gemacht und waren einfach weggeblieben. Eine beschämende Erfahrung.

Ab 1994: Wahrheitsfindung oder doch nicht? Nach dem Ende der Apartheid und den ersten allgemeinen freien Wahlen 1994 wurde Nelson Mandela der erste schwarze Präsident Südafrikas. 1996 wurde die Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Vorsitz des anglikanischen Bischofs Desmond Tutu eingerichtet, um politisch motivierte Verbrechen zu untersuchen. Manche Kirchen brachten eigene Anliegen ein, aber nicht alle. 2003 wurde ich als damaliger deutscher Missionsdirektor der Lutherischen Kirchenmission (ehemals Bleckmarer Mission) der SELK von unserer lutherischen Partnerkirche in Südafrika (LCSA) gefragt, warum die Bleckmarer Mission sich nicht an diesem Wahrheitsfindungsprozess beteiligt hätte? Mindestens eine Erklärung über das Agieren des Missionswerks während der Apartheid wäre angebracht gewesen.

Plötzlich musste ich mich auch meiner eigenen Vergangenheit neu stellen. Neun Fragen wurden uns von unseren Partnern vorgelegt. Von 2003 bis 2007 haben wir uns damit befasst, mit Anhörungen in Deutschland und vor Ort in Südafrika, bis schließlich ein Statement fertig wurde. Alles war dabei: Von Unschuldsbeteuerungen, Rechtfertigungen und Verneinungen des Tatbestands der gelebten und offiziell vertretenen Apartheid bis hin zu Schuldeingeständnissen und tiefem Bedauern.

Sich der eigenen Zerrissenheit zu stellen, hieß für manche von uns, immer wieder ausloten zu müssen: Wie weit kann ich mich oppositionell verhalten und riskiere das Ende meiner Arbeit? Und wie weit bin ich als berufener Missionar, Pfarrer und Seelsorger in der Pflicht, bei den mir Anvertrauten zu sein? Dieses Dilemma kam ausführlich zur Sprache.

2009 gab ich für unser Missionswerk eine Erklärung dazu in einem Gottesdienst unserer Partnerkirche in Soweto ab, die mit den Worten begann: „Wir haben die Tränen in euren Augen gesehen und sie nicht abgewischt.“ In einem schmerzlichen Prozess ist uns klar geworden, wieviel während der Apartheid nicht nur von den damals politisch Verantwortlichen an Unrecht begangen wurde, sondern unter anderem Vorzeichen auch von Kirche und Missionswerk, zum Teil bewusst oder auch unreflektiert. Die Erklärung wurde zur Kenntnis genommen und mein Bedauern gehört – aber wieviel Wiedergutmachung kann das sein angesichts jahrzehntelanger Demütigungen während der Apartheid?

Heute: Risse und Knackse bleiben. Unlängst telefonierte ich mit einer holländischen Freundin und erzählte ihr, wie geprägt ich mich durch die Apartheidsideologie sehe. Ich war kein krasser Befürworter, aber auch keiner, der sich in der Opposition dazu stark eingebracht hätte. Trotzdem weigere ich mich, dass alles zu verharmlosen mit einem: „Es war halt so.“ Aber die Freundin lachte darüber und fragte: „Was erwartest Du? Frag mal meinen Opa nach der Geschichte zwischen Deutschen und Holländern im Zweiten Weltkrieg – das ist immerhin mehr als 70 Jahre her!“ Wie langsam sich Einstellungen ändern, macht mich nachdenklich. Und ich bin traurig darüber.

Zuletzt war ich 2010 längere Zeit in Südafrika. Ich bin 57 und lebe seit bald 35 Jahren in Deutschland. Südafrika ist lange her und gleichzeitig noch immer gegenwärtig. Wir lebten damals in der unabdingbaren Zeitgenossenschaft mit Menschen, die einerseits die Apartheid befürworteten, andererseits unter ihr litten oder sie als gegeben hinnahmen. Ich bin nicht abgeklärt, was die Risse und Knackse in meiner Biografie angeht, und ich hoffe, dass ich es niemals sein werde. Fragen nach Vergebung, neue Ansätze, neue Anfänge, Versöhnung – im Glauben an einen gemeinsamen Gott und seinen Christus –, sie werden mich weiter beschäftigen. Wäre ich abgeklärt, wäre das Thema ad acta gelegt, was bliebe, wären Erinnerungen. Aber die Risse sind keine Vergangenheit, sie entfalten sich weiter in meinem Leben, teils unaufgelöst, teils verstörend, teils aufgearbeitet.

Markus Nietzke

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Zur Person

Markus Nietzke wurde 1964 in Klerksdorp (Südafrika) geboren. Er wuchs auf einer Missionsstation bei Ventersdorp auf. Nach der Schulzeit und zwei Jahren im südafrikanischen Militär studierte er Theologie u. a. in Pretoria (Südafrika), Oberursel und Hamburg. Nietzke war seit 1994 selbst Missionar unter Spätaussiedler*innen im niedersächsischen Gifhorn, ehe er 2003 Missionsdirektor der Lutherischen Kirchenmission (Bleckmarer Mission) wurde. Seit 2010 ist er Pfarrer in der Lüneburger Heide, seit 2018 Superintendent im Kirchenbezirk Niedersachsen-West der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK).

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