Vertiefung statt Symbolpolitik

Für den EKD-Kulturbeauftragten Johann Hinrich Claussen sind manche Post-Kolonialismus-Debatten, wie sie etwa rings um den Bau und die Eröffnung des Humboldt Forums Ende 2020 im historischen Berliner Schloss geführt wurden, mehr Symbolpolitik als echte historische Auseinandersetzung. Gemeinsam mit dem Deutschen Kulturrat hat er sich an der Debatte beteiligt und fordert, die Rolle der Mission in kolonialen Zeiten neu zu bewerten und sie auch als Vorläuferin heutiger Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu verstehen.

© Foto: Markus Winkler/unsplash

Es ist mir ein unlösbares Rätsel, warum wichtige Themen, an denen Fachleute seit Jahren intensiv arbeiten, von der Öffentlichkeit einige Zeit gar nicht, dann aber plötzlich doch wahrgenommen und hocherregt diskutiert werden. Was muss geschehen, welche Faktoren müssen zusammenspielen, damit endlich über ein dringliches Thema debattiert wird? Und welche Rolle sollten wir Kirchenleute dann dabei spielen?

Ein Beispiel dafür ist der Debattenkomplex „Postkolonialismus“. Nicht eben ein neues Thema, würden Fachleute sagen. Doch auf einmal ist es in aller Munde. Wie konnte das geschehen? Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde nach schier endlosen Debatten ein folgenreicher, aber nicht zu Ende gedachter Beschluss gefasst: Ein Repräsentationsbau der DDR, der „Palast der Republik“, in der Mitte Berlins sollte abgerissen und an seiner Stelle das alte königliche Stadtschloss wiederaufgebaut werden. Eine große Gruppe hochengagierter Bürgerinnen und Bürger hatte erfolgreich darauf hingewirkt und versprochen, erhebliche Spendenbeträge zu sammeln.

Das Problem nur: Man hatte keine Ahnung, was in das neu-alte Schloss hineinkommen, wie man es nutzen sollte. Da kam – zunächst nur aus der Not geboren – die Idee auf, die Schätze aus dem Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem umzusiedeln und so mehr Besucher*innen zu zeigen. Doch während diese Idee noch ventiliert wurde, kamen aus Nachbarländern Nachrichten über dringliche Forderungen, dass die ehemals großen Kolonialmächte die geraubten Kulturgüter zurückgeben sollten. Der französische Präsident erklärte sogar mit großer Geste, dass er dies bald tun werde.

In diesem Zuge wurden auch verschleppte Konflikte von Deutschland mit ehemals deutschen Kolonien wieder virulent. Der Bundestag hatte wenige Jahre zuvor einen Beschluss zum „Genozid an den Armeniern“ während des Ersten Weltkriegs gefasst. Nun wurde gefragt, ob Ähnliches nicht mit Blick auf Namibia (1884-1915 Deutsch-Südwestafrika) und Tansania (1885-1918 Deutsch-Ostafrika) geschehen müsste. Dann wurden in Depots Ethnologischer Museen menschliche Überreste gefunden. Was sollte mit ihnen geschehen, wie könnte man sie zurückgeben und an wen?

Inzwischen war denen, die für den Inhalt des wiederaufgebauten Schlosses kulturpolitisch Verantwortung trugen, klar geworden, dass ein Ethnologisches Museum bisheriger Art für das Schloss nicht in Frage käme. Ein Humboldt Forum sollte entstehen, ein Museum ganz anderer Art, eine Plattforum der Weltbegegnungen. Doch was sollte man sich darunter konkret vorstellen? Währenddessen sammelten sich Aktivist*innen, wurden laut, protestierten wütend. Inzwischen leben Menschen, die aus den ehemaligen deutschen Kolonialgebieten stammen, hier und forderten Mitsprache ein. Wie bindet man sie ein? Oder die Vertreter*innen der Kulturen, aus denen die Objekte der ethnologischen Sammlungen stammen? Aufgebrachte, aber auch interessante Debatten flammten auf und legten sich wieder, anderes schob sich in den Vordergrund. Dann genügte ein kleines Ereignis und schon ging es wieder los.

Ich beobachtete dies irritiert und interessiert, fragte mich, ob und wann ich mich beteiligen sollte, fragte bei Kolleginnen und Kollegen der Berliner Kirche nach, welche nachbarschaftlichen Interessen sie anmelden würden, dann meldete ich mich zu Wort oder ließ es sein, fand mal Gehör und mal auch nicht. Manchmal ärgerte ich mich über die Erregungen, manchmal dachte ich mir, dass es sie eben braucht, damit ein Thema zum Thema wird.

Mit flinken Äußerungen die eigene Identität stabilisieren

Zu jeder Debatte gehört eine Portion Absurdität, sonst zündet sie nicht. Ein schlechtes Beispiel dafür waren die Streitigkeiten um das Kuppelkreuz auf dem Berliner Schloss. Eigentlich war es einfach: Wenn man sich für eine historische Rekonstruktion entscheidet, muss man die dazugehörige Kuppel mit ihrem Kreuz bauen. Hätte man ein modernes Bauwerk für die Begegnung der Weltkulturen – natürlich ohne Kreuz – haben wollen, hätte man das früher beschließen müssen. Nun kommt die Symbolpolitik ins Spiel. Sie beschäftigt sich nicht mit echten Problemen, sondern will mit flinken Meinungsäußerungen die eigene Identität stabilisieren. So erklärte der Berliner Kultursenator von der „Linken“, der im eigenen Lager für Stimmung sorgen wollte, auf das Schloss dürfe kein Kreuz. Christ*innen mit DDR-Geschichte fühlten sich da an bittere Ausgrenzungen erinnert.

Die evangelische Kirche hatte hier keine eigenen Interessen. Allerdings freue ich mich als Theologe über jede Diskussion um das Kreuz. Soll das christliche Grundsymbol doch dies sein: ein Skandal – den einen eine Torheit, den anderen ein Hinweis auf die paradoxe Kraft Gottes. Die Debatte um das Kuppelkreuz hätte zum Glücksfall werden können, wenn sie auf eine echte inhaltliche Frage aufmerksam gemacht hätte: Das Humboldt Forum soll eine Begegnung der Welten inszenieren, das aber kann nur gelingen, wenn dabei ein Verständnis für Religion sichtbar wird. Denn zum einen sind viele der ethnologischen Exponate Kult-Objekte, zum anderen lebt die aktuelle Relevanz des Forums auch von der gegenwärtigen Religionsfrage. Bisher wurde diese Bedeutung der Religionsfrage für das Humboldt Forum nicht ausreichend diskutiert. Vielleicht jetzt? Leider nein.

Naiv wie ich bin, war ich überrascht, dass diese Debatte nach zwei Jahren ein zweites Mal aufflackerte, als nämlich das Kreuz tatsächlich auf die Kuppel gesetzt werden sollte. Doch nun wurde über ein Detail gestritten, das vorher keiner beachtet hatte – den Vers, den Friedrich Wilhelm IV. am unteren Rand der Kuppel hatte anbringen lassen:

„Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

Das sei, schrieben einige wütende Journalist*innen, die Re-Proklamation eines reaktionären Gottesgnadentums, ein Sinnspruch religiöser Intoleranz! In der Bibel hätten sie nachlesen können, dass die beiden Verse, die der König hier zusammengefügt hatte, keineswegs für Staatsfrömmigkeit und Unduldsamkeit stehen. Im Gegenteil, es sind herrschaftskritische Verse, die für Glaubensfreiheit eintreten. „Es ist in keinem andern Heil“, sagt Petrus, der als Anführer einer winzigen Gemeinschaft armer Leute gefangen genommen und vor den Hohen Rat gezerrt worden war. Mit diesem Bekenntnis protestiert er gegen die religiöse Obrigkeit und verteidigt das Recht, seinen Glauben frei zu verkünden. „Im Namen Jesu sollen sich beugen die Knie aller“ – damit zitiert Paulus den ältesten christlichen Hymnus. Es ist ein Lobpreis, der sich die Freiheit aller Liebeslieder nimmt, den Geliebten für den einzig Wahren zu halten. Und der ist ein zu Unrecht schmählich Hingerichteter. Das ist paradox, ekstatisch, aber auch subversiv. Denn in Wirklichkeit mussten damals alle ihre Knie vor dem Kaiser beugen.

Es scheint absurd, dass Friedrich Wilhelm IV. ausgerechnet diese Verse für sein romantisches Gottesgnadentum vereinnahmt hat. Man kann von einem Missbrauch der Bibel sprechen. Aber darauf habe ich vergeblich aufmerksam zu machen versucht. So verstärkte die Debatte den fatalen Eindruck, als gebe es nur diese Alternative: hier reaktionäres Christentum – dort säkulare Moderne.

Zur inhaltlichen Klärung, was denn im Schloss geschehen und was das Humboldt Forum nun werden sollte, hat die hocherregte Debatte um diese Baudetails rein gar nichts beigetragen. Mitte Dezember 2020 ist es digital eröffnet worden, aber ausgerechnet mit einer Ausstellung – um Himmels willen! – über Elfenbein. Als ich davon erfuhr, dachte ich an einen humorbegabten Kulturpolitiker, der mir einmal gesagt hat: „Von mir aus kann man das Kreuz auf die Kuppel setzen, wenn man nur das Schloss darunter gleich wieder abreißt.“

Neue Ansätze für gelingende Kolonialismus-Debatte

Doch es geht auch anders. Das habe ich in der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturrat e.V. in Berlin, dem Dachverband der deutschen Kulturverbände, erleben dürfen. In die Debatte um Restitutionen von Kulturschätzen aus kolonialen Unrechtskontexten schaltete der Kulturrat sich mit einem klugen Kriterien- und Forderungskatalog ein. Darin fand ich zu meiner Freude den Hinweis, dass auch die Kirchen und die Missionswerke eingebunden werden sollten. Zwar stand dahinter ein klischeehaftes Bild der Mission als bloßem Seitenstück des Kolonialismus, doch damit ergab sich die Gelegenheit zu einem echten Austausch.

Wir machten uns gleich an die Arbeit und gestalteten eine Schwerpunktausgabe der Zeitung des Kulturrates Politik & Kultur (Nr.9/2019, Mission (im)possible?). Hier hatten wir Platz und Gelegenheit für eine ausführliche und differenzierte Darstellung dessen, was Mission war und ist, so wie es in einer normalen Zeitung undenkbar wäre. Es gelang, viele missionstheologische Stimmen mit anderen Positionen ins Gespräch zu bringen. Politik & Kultur kann man auf der Website des Deutschen Kulturrats kostenlos herunterladen – bei diesem Schwerpunktthema geschah dies über 70.000 Mal. Das war ein schöner Erfolg, der dazu führte, dass die Artikel mit anderen Beiträgen auch noch als Buch veröffentlicht wurde (auch dies kann man gratis herunterladen).

Ich habe bei dieser Arbeit selbst viel gelernt und konnte ein These ausprobieren: Die evangelische Mission versteht man nicht, wenn man sie nur als kirchliche Parallele zum staatlichen und wirtschaftlichen Kolonialismus betrachtet, sondern man muss sie auch als Vorgängerin der heutigen Nichtregierungsorganisationen, der NGOs, auffassen.

Man bedenke nur diese Parallelen: die Anfänge in kleinsten Gruppen hochengagierter Idealisten, das Arbeiten unabhängig von oder gegen etablierte Institutionen, die Organisation in Netzwerken, das kreative Fundraising, der Einsatz neuester Medien, das Nonkonformistische, das Engagement für Kulturtransfer, Entwicklungshilfe, Bildung, Gesundheit, Empowerment und Fair Trade. Aber auch: der extreme idealistische Anspruch, die damit verbundene Übergriffigkeit, der Glaube, selbst stets auf der Seite des Guten zu stehen, die Moralpolitik, die Unwilligkeit, sich einbinden zu lassen, die moralische Selbst- und Fremdüberforderung, schließlich die bewusst-unbewusste Komplizenschaft mit dem politisch-wirtschaftlichen System der Herkunftsgesellschaft. So erscheint die Missionsgeschichte auch ein ferner Spiegel, vor dem heutige NGOs über sich selbst, ihre Stärken und Schwächen, nachdenken können.

In Bälde möchte ich diese Linie noch weiter ausziehen und fragen, ob man heutige Postkolonialismus-Debatten nicht auch als Säkularisate älterer Diskurse in den Missionsgesellschaften verstehen kann. In der Öffentlichkeit ist ja kaum bekannt, dass viele Herausforderungen, denen sich deutsche Kultureinrichtungen heute stellen müssen – wie können wir partnerschaftlich mit Partnern aus dem globalen Süden umgehen, wie können wir unsere europäische Perspektive durchbrechen, wie können wir Ressourcen und Verantwortungen teilen – schon seit Jahrzehnten in den Missionsgesellschaften diskutiert werden, mehr noch: Hier wurde schon vieles versucht, entschieden, umgesetzt, mit guten und schwierigen Ergebnissen, was für Fachleute aus dem Kulturbereich interessant sein könnte.

Eigentlich wollten wir darüber mit dem Deutschen Kulturrat eine Werkstatt-Tagung veranstalten, doch dann kam Corona. Aber irgendwann wird es möglich sein. Ich fände es lohnend. Denn hier zeigt sich, wie eine Debatte einmal auch gelingen kann. Ein wichtiges Thema wird auf die Tagesordnung gesetzt: Man begnügt sich nicht mit schnellen Erregungen, auf die nichts folgt, man macht sich gemeinsam mit anderen Fachleuten und Institutionen an die Arbeit, man lernt Eigenes und Fremdes besser verstehen, man informiert die Öffentlichkeit, die für so etwas vielleicht doch einmal ein Ohr hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn möglichst viele Missions-Fachleute an dieser Debatte mitwirken würden.

Dr. Johann Hinrich Claussen ist der Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Honorarprofessor für Systematische Theologie in Berlin.

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