Vom Jäger zum Bewahrer

Die Sprachen ethnischer Minderheiten waren im Vielvölkerstaat Burma/Myanmar von Regierungsseite lange nicht gern gesehen. Die eigene Sprache einer Volksgruppe ist aber identitätsstiftend, findet der Autor Joel Ling und widmet sein ganzes Leben und Werk der Pflege und dem Erhalt der Kultur und Sprache der Chin.

Die Shwedagon-Pagode ist goldenes Wahrzeichen der Wahlheimat Joel Lings und bedeutende religiöse Stätte des Buddhismus in Myanmar. © Foto: Eckhard Kröger/world in pics | Die Shwedagon-Pagode ist goldenes Wahrzeichen der Wahlheimat Joel Lings und bedeutende religiöse Stätte des Buddhismus in Myanmar.

Er wirkt etwas nervös. Immer wieder schaut Joel Ling auf sein Smartphone. Heute soll die deutsche Ausgabe seines zweiten Buchs in Hamburg vorgestellt werden. Nach und nach trudeln schon Interessierte ein, die dabei sein wollen, Neues erfahren wollen, Fragen stellen wollen. Ein Autor aus Myanmar – das verspricht spannend zu werden. Ling schaut noch einmal auf sein Telefon, schiebt seine schwarz geränderte Brille hoch und spricht mit einem der Organisator*innen. Dann ist es klar: Nein, der Übersetzer wird es heute nicht schaffen, zu kommen. Das ist schade, denn Joel Ling spricht zwar Burmesisch und die Chin-Sprache Lai, doch nur wenig Englisch. Eine Übersetzung aus der Chin-Sprache, Lings Muttersprache, hätte vieles einfacher gemacht. Doch nun ist es so. Langsam weicht die Nervosität einer gelassenen Anspannung. Ein wenig unwohl fühlt der Autor sich bei so viel Aufhebens um seine Person dennoch. Denn in seinem Leben und in seinem Schaffen als Autor geht es vor allem um eins: Er will dazu beitragen, die Chin-Kultur zu stärken und zu bewahren.

Das Erzählen von Geschichten ist Teil der Chin-Tradition

Joel Ling © Foto: Tanja Stünckel/EMW | Joel Ling

Der Chin-Staat liegt in einer bergigen, schwer zugänglichen Gegend im Westen Myanmars. Hier lebt die ethnische Gruppe der Chin. Sie sind ursprünglich chinesisch-tibetanischer Abstammung und überwiegend Christ*innen, aber als Gruppe sind sie viel weniger homogen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Die Chin setzen sich aus mindestens 50 Stämmen zusammen, die jeweils komplett eigene, untereinander unverständliche, Sprachen sprechen. Zudem gab es bis etwa um 1900 keine Schriftform. Dafür sorgten erst christliche Missionar*innen, die um diese Zeit in die Gegend kamen. Das orale Weitergeben von Informationen und Geschehnissen, das Erzählen von Geschichten, ist dennoch ein signifikanter Teil der Chin-Tradition und der Chin-Identität insgesamt.

Als Joel Ling 1975 in Tlangkua, einem kleinen Ort im Chin-Staat in der Nähe der indischen Grenze, geboren wird, heißt Myanmar noch Burma (Birma) und steht bereits seit 1962 unter Militärherrschaft. „Der birmanische Weg zum Sozialismus“, den die Militärregierung kurz nach ihrer Machtübernahme verkündet hat, befindet sich bereits voll in der Umsetzung, Unternehmen sind verstaatlicht, christliche Missionar*innen sind ausgewiesen. Es sind Beispiele für Versuche, die Menschen Burmas bis in persönliche Lebensentscheidungen, wie etwa Religion und Beruf, zu kontrollieren. Denn in der Vergangenheit kam es schon häufiger zu Rebellion und Aufstand unterschiedlicher Volksgruppen. Burma/Myanmar ist ein Vielvölkerstaat. Mit etwa 70 Prozent sind die Bamar die größte Bevölkerungsgruppe. Andere Bevölkerungsgruppen wie Shan, Karen, Mon, Chin und Kachin liegen im einstelligen Prozentbereich. Sie sind nur einige der etwa 135 Ethnien, die hier eine fragile Union bilden.

Sprache als Identitätsstifterin

Joel wächst in der Chin-Kultur auf. Er spricht die Chin-Sprache Lai, doch als er in die Schule kommt, muss er feststellen, dass Lai nicht das ist, womit er sich dort verständlich machen kann. Denn dort wird vor allem burmesisch/birmanisch gesprochen – die Amtssprache Burmas. Vermutlich war das der Moment, als ihm zum ersten Mal die identitätsstiftende Kraft von Sprache bewusst wird. Doch es wird noch viele Jahre dauern, bis er selbst mit seinen Büchern dazu beitragen wird. Zunächst hat er als Junge mit Schreiben, Lesen und Literatur nämlich nicht viel im Sinn. „Ich bin lieber im Wald jagen gegangen. Das war mein Hobby“, erinnert sich Joel Ling heute. „Das änderte sich erst in der 9. Klasse, als ich begonnen habe, Tagebuch zu schreiben“. Diese Beschäftigung mit Sprache öffnet ihm eine neue Welt und weckt nachhaltig sein Interesse für das geschriebene Wort seiner Muttersprache, dem Lai.

Es läuft nicht schlecht in der Schule. Joel Lings Noten sind so gut, dass er studieren könnte. Doch in der Republik der Union Myanmar, wie das Land seit dem 18. Juni 1989 offiziell heißt, ist auch dies von der Regierung aufgestellten Regeln unterworfen. Es herrscht keine freie Studienfachwahl, die Kosten für das Studium müssen selbst getragen werden und es ist in der Regel nicht möglich, direkt nach dem Schulabschluss das Studium aufzunehmen. Zwei Jahre muss Joel Ling warten, bis er 1995 sein Studium am Institute of Economics of Yangon an der Universität in Yangon beginnen kann. Die Zeit zuvor nutzt er, um Geld für die Finanzierung seines Studiums zu verdienen. Unter anderem in den Jademinen von Hpkant im Kachin-Staat.

Joel Ling: Tluangza Nu. Eine Erzählung aus den Jade-Minen Myanmars  herausgegeben von Gerhard Köberlin und Norbert Schnorbach. Regio Spectra Verlag. ISBN: 978-3-947729-69-2 © Foto: Buchcover Regio Spectra | Joel Ling: Tluangza Nu. Eine Erzählung aus den Jade-Minen Myanmars herausgegeben von Gerhard Köberlin und Norbert Schnorbach. Regio Spectra Verlag. ISBN: 978-3-947729-69-2

Von den Jademinen nach Yangon

In dieser Zeit, zwischen 1990 und 1995, gehen viele junge Chin, jeden Geschlechts, nach Hpkant, um ihr Glück in Form von wertvoller Jade und anderen Edelsteinen zu finden. Doch das gelingt den wenigsten von ihnen. Die Minen sind ein unfreundlicher Ort. Die Arbeits- und Lebensumstände für die Arbeiter*innen sind hart. Um diese Härte abzumildern, greifen etliche zu Opium, werden süchtig, nicht wenige fallen ihrer Sucht oder anderen Krankheiten zum Opfer. Joel Ling bleibt ein Jahr als Arbeiter in Hpkant. Ein Vermögen bringt auch er nicht mit, aber die Eindrücke, die zur Idee für seinen zweiten Roman „Tluangza Nu. Eine Erzählung aus den Jade-Minen Myanmars“ (Originaltitel: „Tlang Chokhlei“) führen werden und eine finanzielle Grundlage, um sein Studium zu finanzieren.

Also geht Joel Ling 1995 nach Yangon, um Wirtschaft zu studieren. Denn dieser Studiengang war ihm zugewiesen worden. 2001 macht er einen Bachelorabschluss in Ökonomie. Aber in diesem Schwerpunkt wird er nie arbeiten. Denn während seines Studiums entdeckt er seine alte Leidenschaft für die Sprache seiner Heimat wieder. Ling beginnt, zunächst ehrenamtlich, verschiedene Lai-sprachige Newsletter und Magazine von Kirchengemeinden und Studierendengruppen herauszugeben. Er wächst immer weiter in diese Aufgabe hinein und übernimmt, schließlich hauptamtlich, im Jahr 2000 das Magazin „Muko“ (dt. Trompete) der Lai-Baptist-Church in Yangon, dessen Herausgeber er bis heute ist. Doch das ist erst der Anfang. Er beginnt, selbst Bücher in Lai zu schreiben. 13 sind es bis heute. Die überwiegende Zahl sind Erzählungen und Kurzgeschichten, aber es sind auch zwei Romane darunter – „Myanmars abgeschiedenes Land“ (Originaltitel: „Ram King“) und eben „Tluangza Nu“, für dessen deutsche Veröffentlichung er nun nach Hamburg gekommen ist.

Geschichten als Dienst an der Gesellschaft

Jedoch nicht allein die Anzahl der Bücher ist besonders. Denn bis 2012 war die Veröffentlichung von ethnischer Literatur, zu der die in Lai geschriebenen Bücher Joel Lings gehören, in Myanmar sehr schwierig. Der Grund hierfür liegt darin, dass von 1963 bis 2012 Burmesisch zur einzigen Sprache Myanmars erklärt wurde. Nur sie sollte gesprochen und geschrieben werden. Das schloss nicht nur Schulen, Ämter und Straßenschilder, sondern auch Literatur und Poesie mit ein. Seit 2012 ist es für Autor*innen, die in einer der anderen Sprachen der Ethnien Myanmars schreiben, einfacher geworden, doch leicht ist es auch heute nicht. „In anderen Ländern können Autor*innen durch ihre Bücher sogar reich werden. Aber in Myanmar/Burma können etwa 90 Prozent der Schriftsteller*innen geradeso überleben“, sagt Joel Ling und erklärt weiter: „Obwohl wir finanziell arm sind, sind wir im Geiste und im Herzen reich, denn wir glauben, dass das, was wir tun, das ist, was unser Land und unsere Gesellschaft brauchen.“

Bücher in Lai zu schreiben und so dazu beizutragen, dass die Chin-Kultur nicht einfach vom Burmesischen assimiliert wird, ist Joel Ling nicht nur ein Herzensanliegen. Er sieht es auch als seine Berufung von Gott an. Wie die meisten Chin ist Joel Ling Christ. Seine Chin-Identität und seine Identität als Christ lassen sich für ihn nicht trennen. Daher sind die Geschichten, die er in seinen Werken erzählt, oft christliche Geschichten. Sie sollen in Myanmar, in denen die unterschiedlichen Ethnien nicht besonders gut aufeinander zu sprechen sind, auch zu mehr Miteinander beitragen und sie sollen Wert und Würde von Frauen verdeutlichen. Besonders in „Tluangza Nu“ wird all dies in der starken Frauenfigur und ihrer Geschichte deutlich.

Nach dem Interview noch ein Erinnerungs-Selfie: Tanja Stünckel und Joel Ling. © Foto: Joel Ling | Nach dem Interview noch ein Erinnerungs-Selfie: Tanja Stünckel und Joel Ling.

Gibt es auch eine Frauenfigur in Joel Lings Leben? „Oh ja, die gibt es. Wir haben uns noch während meiner Studienzeit kennengelernt. Ich fuhr im Bus und hinter mir sprachen zwei junge Frauen miteinander Lai. Meine heutige Frau und ich sind an der gleichen Bushaltestelle ausgestiegen und da habe ich sie angesprochen – Hey, bist du Chin? – Wir sind inzwischen viele Jahre glücklich verheiratet und haben vier Töchter.“

Die Buchvorstellung ist vorbei. Auch unser anschließendes Interview neigt sich dem Ende zu. Die Nervosität Joel Lings ist verflogen. Noch einmal zückt er sein Smartphone. Diesmal macht er ein Erinnerungs-Selfie – von uns.

Tanja Stünckel


Zeitschrift „EineWelt“ EineWelt, Heft 4/2023

Indigene Christ*innen

In vielen Teilen der Welt gehören indigene Völker zu den am stärksten marginalisierten Gemeinschaften. Und das Unrecht hat eine lange Geschichte. Seit der Kolonialzeit sind Indigene von ihrem angestammten Land vertrieben, getötet, ausgebeutet und entmenschlicht worden. Daran beteiligt waren auch Kirche und Mission. In der aktuellen Ausgabe sprechen wir mit indigenen Christ*innen über Hoffnungen und Chancen für Aufarbeitung und Versöhnung und über kirchliches Engagement für die Rechte indigener Völker vor.

Außerdem: Brasilien: Ein Dorf leistet Widerstand – Bergkarabach: Verlust der Heimat für mehr als 100.000 Armenier*innen – Myanmar: Vom Jäger zum Bewahrer, ein Porträt über den Autor Joel Ling

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