Wir möchten die Welt verändern

Ehrenamtliches Engagement ist eine wichtige Säule unserer Gesellschaft, gerade junge Menschen engagieren sich vielfältig im sozialen Bereich oder mit Blick auf die Umwelt und die Klimakatastrophe – und auch bei der Kirche. Was sie dazu motiviert, berichten Giovana Buttelli aus Brasilien und Henriette Greulich aus Deutschland im Interview.

Über 120 junge Menschen aus der ganzen Welt engagierten sich ehrenamtlich bei der ÖRK-Vollversammlung 2022 in Karlsruhe. © Foto: Ela Simson/WCC | Über 120 junge Menschen aus der ganzen Welt engagierten sich ehrenamtlich bei der ÖRK-Vollversammlung 2022 in Karlsruhe.

Junge Menschen engagieren sich nicht nur in der Kinder- und Jugendarbeit, sondern lassen sich auch in kirchliche Gremien, Arbeitsgruppen und Synoden wählen. Eine von ihnen ist Giovana Buttelli aus Brasilien. Sie ist Mitglied der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien und eine der Koordinatorinnen der World Student Christian Federation in Brasilien. Henriette Greulich ist Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und Vorsitzende der World Student Christian Federation Europe.

Wie engagieren Sie sich in Ihrer Kirche?

Giovana Buttelli (GB): Ich bin Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Brasilien und wurde dort getauft. Die Kirche ist mein Lebensmittelpunkt, und ich habe mich im letzten Jahr intensiv in verschiedenen Kontexten in Lateinamerika und der Karibik engagiert. Ein Schwerpunkt lag auf ökumenischer Arbeit im Zusammenhang mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und der World Student Christian Federation (WSCF). So hatte ich die Gelegenheit, mit Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt zusammenzuarbeiten.

Neben diesen internationalen Erfahrungen habe ich mich auf lokaler Ebene eingebracht, mit Blick auf Themen wie religiösen Fundamentalismus und Geschlechtergerechtigkeit. Insgesamt war 2023 für mich ein Jahr intensiven Engagements auf verschiedenen Ebenen – lokal, national und international.

Henriette Greulich (HG): Ähnlich wie Giovana komme ich aus dem Pfarrhaus und war bereits in meiner Jugend aktiv in der evangelischen Kirche, besonders in der Jugendarbeit auf lokaler und landeskirchlicher Ebene. Während des Studiums engagiere ich mich in der Studierendengemeinde, sowohl lokal als auch auf nationaler und internationaler Ebene. Außerdem bin ich als Vertreterin der Studierendengemeinden Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Durch meine Verbindung zur Bundes-ESG bin ich auch zur World Student Christian Federation (WSCF) gekommen, wo ich ein Jahr lang Programmkoordinatorin war und seit November 2023 Vorsitzende der Region Europa bin.

Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich und welche Themen liegen Ihnen dabei besonders am Herzen?

HG: Dafür gibt es mehrere Gründe. Ich möchte die Welt verändern und glaube, dass viele wichtige Themen im kirchlichen Kontext behandelt werden. Mein Engagement in der evangelischen Jugend hat mir Spaß gemacht und mir erlaubt, Neues auszuprobieren. Durch meine dort gesammelten Erfahrungen kann ich nun zum Beispiel dazu beigetragen, dass Geld für die Rettung von Menschen im Mittelmeer bereitgestellt werden konnte. Obwohl manche fragen, warum ich so viel Zeit und Mühe investiere, sehe ich es als meine Verantwortung, andere Menschen zu unterstützen. Als privilegierter Mensch fühle ich mich verpflichtet, mich für andere Menschen einzusetzen, und habe dies besonders auch während meiner Freiwilligenarbeit in Tansania gelernt.

GB: Für mich ist nicht nur die Religion, sondern vor allem die Gemeinschaft entscheidend. Menschen sehnen sich nach Zusammenhalt und einem gemeinsamen Ziel. Die Kirche ermöglicht es, diese Gemeinschaft zu erleben und zu zeigen, dass wir nicht nur anderen helfen können, sondern auch einander. Die tiefe spirituelle Bedeutung und der Austausch über Themen wie Nachhaltigkeit und Menschenrechte können in einer religiösen Perspektive vertieft werden. Der Fokus auf Gemeinschaft treibt mich an, Menschen zusammenkommen zu sehen und zu erkennen, dass es möglich ist, für ein gemeinsames Ziel einzutreten.

Giovana Butelli © Foto: Angela von Brill | Giovana Butelli

Wie beeinflusst es Ihre Arbeit, dass Sie oft als jung empfunden werden? Ist das eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

GB: Ich empfinde es als Vorteil, als junge Person in der Kirche aktiv zu sein, da ich eine andere Perspektive und Energie einbringe. Ältere Erwachsene schätzen meiner Erfahrung nach oft die jungen Menschen und ihre Fähigkeiten, insbesondere im Umgang mit Technologie. Allerdings wird man trotz der entgegengebrachten Wertschätzung nicht immer gleich gehört, da man nicht über vergleichbare Erfahrungen oder Titel wie ältere Kirchenmitglieder verfügt. Bei meiner Teilnahme an der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes wurde ich als Assistentin ausgewählt, weil ich jung und bereits im Themenbereich der Geschlechtergerechtigkeit engagiert war. Dennoch fühlte ich mich in der eigentlichen Versammlung oft unsichtbar, da junge Menschen nicht immer in wichtige Entscheidungen einbezogen werden. Jung zu sein kann definitiv dazu verhelfen, Schlüssel zu erlangen, die einem Türen öffnen. Man braucht aber immer noch Menschen, die einem diese Schlüssel anvertrauen. Manchmal ist es aber auch ein Nachteil, jung zu sein, weil es immer noch viele Vorurteile gibt. Nicht nur gegenüber jungen Menschen, sondern auch gegenüber vielen anderen Gruppen.

HG: Auch meiner Erfahrung nach gibt es manchmal Vorteile, ich habe mir aber auch lange das Vertrauen und das Netzwerk erarbeitet, über das ich heute verfüge. Viele junge Menschen fühlen sich in kirchlichen Strukturen nicht willkommen. Es braucht viel Veränderung und Arbeit, damit junge Menschen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden können. Dabei erleben junge Menschen viel Druck: Sie müssen sich beweisen. Hilfreich ist dabei, Teil einer Gruppe von jungen Leuten zu sein, die sich gegenseitig unterstützen und ermutigen.

Wenn Sie jemandem einen Rat geben könnten, der ganz neu in diesem Bereich ist und etwas verändern und bewirken möchte, was würden Sie empfehlen?

HG: Stellen Sie alle Fragen, knüpfen Sie Kontakte zu Gleichgesinnten, auch im Ehrenamt. Durch meine Arbeit in verschiedenen Gremien habe ich wertvolle Kontakte geknüpft. Es lohnt sich meiner Erfahrung nach immer, Beziehungen zu pflegen und sich nicht zu scheuen, um Unterstützung zu bitten, selbst für Kleinigkeiten wie Reisekosten.

GB: Treffen Sie die richtigen Leute, auch wenn es schwer ist. Networking ist unglaublich wichtig, damit Menschen Ihre Leidenschaft und Ihr Engagement für Ihre Arbeit bemerken. Fangen Sie klein an, engagieren Sie sich in Ihrer Gemeinschaft, setzen Sie Prioritäten und bewerben Sie sich für Ämter und Konferenzen und nutzen Sie Ihre Stärken, um sich zu profilieren. Haben Sie keine Angst, älteren Menschen zu zeigen, was Sie können, und setzen Sie Ihre Gaben klug ein.

Warum braucht es heute Veränderungen?

GB: Die ökumenische Bewegung, wie ich sie bei der WSCF wahrnehme, hilft dabei, sich auf progressive Themen zu einigen. Die Kirche profitiert davon, jedoch fürchten lokale Gemeinschaften in meinem Umfeld oft Veränderungen. Die Welt verändert sich schnell, und Religionen sollten fortschrittlich sein, um Schritt zu halten. Das Dilemma besteht darin, dass in der Kirche oft andere Standards gelten als außerhalb, und es sollte eine Anpassung geben, um die sozialen Realitäten auch in der Kirche zu reflektieren.

HG: Die Langsamkeit und die steifen Strukturen der Kirche, insbesondere in Synoden, führen zu Frustration in Zeiten von Krisen wie der Klimakrise. Ein Beispiel sind die nicht ausreichend ambitionierten Bemühungen in Bezug auf Klimaschutzrichtlinien in der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Widerstände gegen Veränderungen in der Kirchenstruktur sind stark, und der Prozess ist langwierig. Lokale Veränderungen sind manchmal schneller, aber bedeutende Entscheidungen kommen meist von oben, von der nationalen Ebene. Darum ist es wichtig, Machtstrukturen und Finanzflüsse zu analysieren. Viel Frustration entsteht auch, weil Entscheidungsträger*innen oft nicht die Auswirkungen ihrer Entscheidungen in der Zukunft sehen, was wiederum junge Menschen besonders hart trifft.

Henriette Greulich © Foto: Corinna Waltz/EMW | Henriette Greulich

Was wünschen Sie sich für die Kirche in der Zukunft?

HG: Ich wünsche mir, dass meine Kirche offener für alle ist, nicht nur theoretisch, sondern auch in der Art und Weise, wie wir uns präsentieren und mit anderen interagieren. Es gibt Probleme mit Stereotypen und Vorurteilen, an denen wir individuell arbeiten können. People of Color in der deutschen Kirche kritisieren oft die mangelnde Vertretung in den höchsten Entscheidungsgremien, was auf strukturelle Probleme mit Rassismus und Diskriminierung hinweist. Mein Wunsch ist es, dass sich mehr Menschen in meiner Kirche willkommen fühlen, auch in Bezug auf Klimaschutz und andere Themen. Als Christin ist es mir wichtig, freundlich und offen auf Menschen zuzugehen, unabhängig von ihrer Sexualität oder ihrem Geschlecht. Außerdem wünsche ich mir, dass wir Menschen auf eine Art und Weise ansprechen, sodass sie sich willkommen fühlen. Oft habe ich das Gefühl, dass wir in dieser Hinsicht noch nicht gut genug sind.

GB: Auch in Brasilien haben wir einen langen Weg vor uns, wenn es um Rassismus, Vorurteile gegenüber LGBTQ+-Personen und Geschlechtergerechtigkeit geht. Die Umsetzung von Veränderungen in der Kirche verläuft schrittweise, aber ich wünschte, es gäbe mutigere Maßnahmen. Machtstrukturen in der Kirche sollten weniger einschränkend sein. Es ist frustrierend, dass diejenigen mit Vorurteilen oft Macht in der Kirchenhierarchie haben. Titel und Dauer der Mitgliedschaft dürfen nicht den Wert einer Person bestimmen. Wir müssen echte Konsequenzen für rassistisches Verhalten ziehen. Kleine Schritte und Workshops allein reichen nicht aus. Die Struktur der Kirche und der Umgang mit Problemen müssen sich jetzt ändern.

Das Interview führte Christiane Ehrengruber.

Zeitschrift „EineWelt“ EineWelt, Heft 1/2024

Kirche der Zukunft

Wir leben in einer Zeit, in der zu Recht vieles in der Kirche auf den Prüfstand gestellt wird. Nicht alle Konzepte der Vergangenheit bieten Antworten und Lösungen auf heutige Fragen und Herausforderungen. Wie sollte also eine Kirche für heute und morgen aussehen? Das haben wir junge Menschen unter 30 gefragt.

Außerdem: Interkulturelle Kirchenentwicklung in der Nordkirche – Kolumbien: Kirchliche Organisationen engagieren sich für Räumung heimtückischer Sprengfallen – Gossner Mission würdigt Leben und Wirken ihres Gründers

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