Macht, Migration, Miteinander: Wie kann interkulturelle Kirche gelingen?
Warum interkulturelle Öffnung mehr ist als ein gutes Konzept – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Was braucht es, damit Inklusion wirklich gelingt? Welche Barrieren begegnen Menschen mit Behinderungen – in Südostasien, aber auch bei uns in Deutschland? Was bedeutet Ableismus? Und warum reicht es nicht, über Menschen mit Behinderungen zu sprechen, statt sie selbst einzubeziehen? Darüber spricht Host Tanja Stünckel mit Andreas Chrzanowski, Leiter der Hildesheimer Blindenmission. Er ist selbst blind und berichtet von persönlichen Erfahrungen sowie von Begegnungen auf seinen Reisen nach Südostasien. Im Mittelpunkt stehen die Bedeutung von Bildung und Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und die Frage, was sich verändern muss, damit Inklusion tatsächlich gelingt.
Was ist Ableismus – und welche Barrieren verhindern die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen? Hindernisse entstehen nicht nur durch Treppen, unzugängliche Verkehrsmittel oder digitale Angebote. Auch Vorurteile und falsche Vorstellungen können Menschen ausschließen. Erfahrungen aus Deutschland und der Bildungsarbeit mit blinden und sehbehinderten Kindern in Südostasien zeigen, was Inklusion und Selbstbestimmung ermöglichen kann.
Ob Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt teilhaben können, hängt nicht allein von Rampen, Leitsystemen oder barrierefreien Dokumenten ab. Auch Vorstellungen darüber, was jemand vermeintlich kann oder nicht kann, schaffen Grenzen. Und selbst gut gemeinte Lösungen können am Bedarf vorbeigehen, wenn diejenigen nicht beteiligt werden, die sie später nutzen sollen. Wie weitreichend die Folgen solcher Barrieren sein können, zeigt sich besonders beim Zugang zu Bildung. Die Erfahrungen aus Südostasien reichen von fehlenden geeigneten Unterrichtsmaterialien bis zu Kindern, die gar nicht erst zur Schule gehen. Zugleich zeigen ihre Bildungswege, was sich verändern kann, wenn junge Menschen lernen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, eigene Ziele zu verfolgen und für ihre Rechte einzutreten.
Andreas Chrzanowski ist Leiter der Hildesheimer Blindenmission. Die Organisation unterstützt blinde und sehbehinderte Kinder und Jugendliche in Südostasien und setzt dabei insbesondere auf Bildung, persönliche Entwicklung und berufliche Perspektiven.
Chrzanowski ist selbst blind. Seine Sehbehinderung begann im Alter von elf Jahren, während seines Studiums erblindete er vollständig. Eigene Erfahrungen mit Barrieren und Vorurteilen verbindet er mit Erfahrungen aus der internationalen Arbeit der Hildesheimer Blindenmission.
Ableismus bezeichnet die Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen aufgrund einer Behinderung. Dahinter können Vorstellungen darüber stehen, welche körperlichen oder geistigen Fähigkeiten als selbstverständlich oder „normal“ gelten. Menschen mit Behinderungen werden beispielsweise oft unterschätzt oder auf ihre Behinderung reduziert.
Da merkt man, wie tief Dinge bei Menschen sitzen und wie tief unsere Gesellschaft auch von bestimmten Bildern von Behinderten geprägt ist.
Ableismus zeigt sich damit nicht nur in offener Ausgrenzung. Auch vermeintlich selbstverständliche Annahmen darüber, was ein Mensch aufgrund einer Behinderung leisten kann, können die Begegnung und gesellschaftliche Teilhabe prägen.
Barrieren entstehen, wenn Gebäude, Verkehrsmittel, digitale Angebote oder kulturelle Einrichtungen nicht so gestaltet sind, dass Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen sie selbstständig nutzen können. Für blinde und sehbehinderte Menschen können beispielsweise fehlende Leitsysteme, nicht zugängliche Dokumente oder Angebote ohne Audiodeskription zum Hindernis werden.
Barrierefreiheit entscheidet damit darüber, ob Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Audiodeskription kann beispielsweise blinden und sehbehinderten Menschen ermöglichen, einem Theaterstück zu folgen, indem visuelle Vorgänge auf der Bühne sprachlich beschrieben werden.
Für mich war das zum ersten Mal so eine Öffnung der Welt und das Erlebnis: Ich nehme wie alle anderen am Theater genauso teil.
Barrierefreiheit bedeutet deshalb nicht, Menschen mit Behinderungen nachträglich eine Sonderlösung anzubieten. Ziel ist vielmehr, Zugänge so zu gestalten, dass Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen Angebote möglichst selbstständig und gleichberechtigt nutzen können.
Menschen mit Behinderungen wissen aus eigener Erfahrung, welche Hindernisse ihnen im Alltag begegnen und welche Lösungen tatsächlich funktionieren. Werden Maßnahmen zur Barrierefreiheit ohne diese Perspektive geplant, können selbst gut gemeinte Veränderungen ihren Zweck verfehlen.
Wenn Gesellschaft gelingen will und wirklich auch Teilhabe und Inklusion möglich ist, muss man die Leute einbeziehen, die es selber betrifft.
Das zeigt sich beispielsweise bei Leitsystemen an Bahnhöfen. Sie sollen blinden und sehbehinderten Menschen ermöglichen, sich mit einem Langstock selbstständig zu orientieren. Werden solche Systeme geplant, ohne ihre tatsächliche Nutzung ausreichend zu berücksichtigen, können sie für die Menschen, für die sie gedacht sind, unpraktisch oder sogar unbrauchbar sein. Das Prinzip dahinter wird in der Behindertenbewegung häufig mit „Nicht ohne uns“ beschrieben: Menschen mit Behinderungen sollen nicht nur Gegenstand von Entscheidungen sein, sondern selbst mitreden und mitentscheiden.
Inklusion braucht mehr als einzelne technische Lösungen. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse – und selbst Maßnahmen zur Barrierefreiheit können miteinander in Konflikt geraten. Was beispielsweise Menschen im Rollstuhl den Zugang erleichtert, kann für blinde Menschen eine neue Schwierigkeit schaffen. Deshalb braucht es Austausch zwischen den Beteiligten und eine Planung, die unterschiedliche Perspektiven möglichst früh berücksichtigt. Eine Möglichkeit sind Runde Tische, an denen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gemeinsam mit Fachleuten nach Lösungen suchen.
Es gibt Kompromisse und Lösungen, auf die man sich gut miteinander einigen kann und die manchmal tatsächlich gar nicht so viel Geld kosten.
Barrierefreiheit von Beginn an mitzudenken, kann zudem einfacher sein, als bestehende Gebäude oder Angebote nachträglich umzubauen. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Einhaltung technischer Vorgaben, sondern auch die Frage, wie eine Lösung von den Menschen genutzt werden kann, für die sie gedacht ist. Inklusion ist damit kein Zustand, der mit einer einzelnen Maßnahme erreicht ist. Sie ist ein Prozess, bei dem unterschiedliche Bedürfnisse wahrgenommen, Betroffene beteiligt und Lösungen gemeinsam entwickelt werden.
Bildung kann blinden und sehbehinderten Kindern Wissen vermitteln, berufliche Möglichkeiten eröffnen und ihre Selbstständigkeit stärken. Dafür reicht es jedoch nicht, ihnen lediglich einen Platz in einer Schule anzubieten. Sie benötigen zugängliche Lernmaterialien und Lernformen, mit denen sie Unterrichtsinhalte tatsächlich erschließen können. Die Hildesheimer Blindenmission verbindet Bildung deshalb mit der Förderung persönlicher Fähigkeiten. Neben klassischen Schulfächern spielen beispielsweise Brailleschrift, Musik und Sport eine Rolle. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Selbstbewusstsein und der Fähigkeit, eigene Bedürfnisse und Rechte zu vertreten.
Wir müssen beim Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen ansetzen und sie kommunikativ fördern.
Wie wichtig neben zugänglichen Lernmaterialien auch die Fähigkeit zur Selbstvertretung ist, zeigt das Beispiel eines blinden Schülers an einer inklusiven Schule. Er kritisierte gegenüber dem Schulleiter, dass die für Prüfungen bereitgestellten PDF-Dateien für ihn nicht zugänglich waren. Indem er die Barriere selbst benannte und eine Veränderung einforderte, trat er für seine eigenen Rechte ein. Bildung ermöglicht damit nicht nur Schul- und Berufsabschlüsse. Sie kann Kinder und Jugendliche darin stärken, ihre eigenen Fähigkeiten wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen und gesellschaftliche Teilhabe einzufordern.
Die Lebens- und Bildungsbedingungen blinder und sehbehinderter Kinder unterscheiden sich zwischen den Ländern und Regionen Südostasiens erheblich. Erfahrungen aus Projekten der Hildesheimer Blindenmission zeigen jedoch konkrete Hindernisse, die den Zugang zu Bildung erschweren können. An einzelnen Schulen nehmen blinde oder stark sehbehinderte Kinder zwar am Unterricht teil, erhalten aber keine geeigneten Lernmaterialien. Lehrkräfte verfügen teilweise nicht über die notwendigen Kenntnisse, um Unterricht für blinde Schüler*innen zugänglich zu gestalten. Auch der Zugang zu weiterführender Bildung und Universitäten kann schwierig sein.
Es ist für mich manchmal schwer zu ertragen, dass für viele blinde und sehbehinderte Kinder diese Wege so schwierig sind.
In einzelnen Regionen kommt gesellschaftliche Stigmatisierung hinzu. Aus einem Projekt der Hildesheimer Blindenmission auf der indonesischen Insel Nias gibt es Erfahrungen mit Familien, die ihre blinden oder sehbehinderten Kinder aus Scham zu Hause behalten. Dadurch kann ihnen nicht nur der Schulbesuch, sondern auch der Zugang zu medizinischer Versorgung erschwert werden. Bildungsangebote können solche strukturellen und gesellschaftlichen Barrieren nicht allein beseitigen. Sie können Kindern und Jugendlichen aber Fähigkeiten und Möglichkeiten eröffnen, die für ein selbstbestimmteres Leben entscheidend sind. Dazu gehören Schulabschlüsse und berufliche Qualifikationen ebenso wie Selbstvertrauen und das Wissen um die eigenen Rechte.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Andreas Chrzanowski im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Andreas Chrzanowski
Länge: 37 Minuten
Veröffentlichung: 29.09.2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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