30 Jahre nach dem Ende der Apartheid – Kirche für alle in Südafrika?

Südafrika hat eine der fortschrittlichsten und demokratischsten Verfassungen der Welt. Offiziell ist die Apartheid abgeschafft. Doch Armut, Korruption, die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen den Bevölkerungsgruppen und Rassismus sind auch heute, 30 Jahre nach den ersten freien Wahlen noch lange nicht überwunden. Wie ist man unter diesen Umständen Kirche für alle? Und welche Rolle kommt der Kirche innerhalb von Versöhnungsprozessen zu? Darüber spricht Petra Röhrs, Vize-Bischöfin der Northeastern Evangelical Church in Südafrika, mit Host Tanja Stünckel.

Petra Röhrs bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Wie kann Kirche in Südafrika 30 Jahre nach dem Ende der Apartheid zu Versöhnung und gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Petra Röhrs über fortbestehende soziale und wirtschaftliche Ungleichheit, die Verantwortung von Kirchen und die Frage, wie Gemeinden über Grenzen von Hautfarbe, Sprache, Herkunft und sozialer Zugehörigkeit hinweg Gemeinschaft gestalten können.

Warum ist das wichtig?

Das Ende der Apartheid hat die gesellschaftlichen Trennlinien in Südafrika nicht verschwinden lassen. Gerade deshalb stellt sich die Frage, wie Zusammenleben und Versöhnung unter weiterhin ungleichen Bedingungen gelingen können. Die Podcastfolge zeigt am konkreten Beispiel einer Kirchengemeinde, welche Rolle Begegnung, Teilhabe und die Bereitschaft zur Veränderung dabei spielen.

Wer ist Petra Röhrs?

Petra Röhrs ist Vize-Bischöfin der Northeastern Evangelical Lutheran Church in South Africa und Pastorin. © Foto: privat | Petra Röhrs ist Vize-Bischöfin der Northeastern Evangelical Lutheran Church in South Africa und Pastorin.

Petra Röhrs ist Vize-Bischöfin der Northeastern Evangelical Lutheran Church in South Africa und Pastorin in Pietermaritzburg. Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie dort eine Gemeinde, in der Menschen unterschiedlicher Sprachen, Hautfarben, Generationen und sozialer Hintergründe zusammenkommen.

Röhrs ist in Südafrika aufgewachsen und hat auch in Deutschland gelebt und gearbeitet. Neben ihrer Gemeindearbeit engagiert sie sich in einem Township in Pietermaritzburg. Die fortwirkenden Folgen der Apartheid erlebt sie damit sowohl im kirchlichen Alltag als auch in der sozialen Arbeit.

Im Podcast spricht Petra Röhrs über:

  • die Folgen der Apartheid in Südafrika
  • soziale Ungleichheit und fortbestehende Benachteiligung
  • Versöhnung und gesellschaftliche Verantwortung der Kirchen
  • Vielfalt und Teilhabe in Kirchengemeinden
  • Sprache, Zugehörigkeit und gemeinsame Gottesdienste
  • den kirchlichen Umgang mit queeren Menschen



6 Fragen zu Kirche und Versöhnung in Südafrika

1. Welche Folgen der Apartheid sind in Südafrika heute noch spürbar?

Die Apartheid ist als staatliches System abgeschafft, doch ihre sozialen und wirtschaftlichen Folgen bestehen fort. Besonders deutlich zeigt sich das in der großen Ungleichheit zwischen Arm und Reich sowie bei Bildungs-, Arbeits- und Lebenschancen. Schwarze Südafrikaner*innen sind von diesen Ungleichheiten weiterhin besonders betroffen.

Die Apartheid ist noch nicht wirklich vorbei, und wir alle müssen daran arbeiten, dass es gerechter wird in unserer Stadt, aber auch in unserem Land.

Auch die räumliche Trennung wirkt nach. Viele Townships entstanden während der Apartheid außerhalb der Städte. Wer dort lebt, muss bis heute zusätzliche Wege und Kosten auf sich nehmen, um Arbeitsplätze, Bewerbungsgespräche oder andere Angebote in der Stadt zu erreichen. Fehlende oder unzuverlässige Versorgung mit Wasser, Strom und kommunalen Dienstleistungen kann die Benachteiligung zusätzlich verstärken. Das Ende diskriminierender Gesetze hat damit nicht automatisch die gesellschaftlichen Strukturen beseitigt, die über Jahrzehnte entstanden sind.

2. Welche Rolle können Kirchen bei Versöhnung spielen?

Versöhnung braucht Begegnung. Wo Menschen ihre unterschiedlichen Lebensgeschichten erzählen und einander zuhören, können Erfahrungen von Leid, Verletzung und Freude verständlicher werden. Das kann helfen, Vorurteile abzubauen und gemeinsame Wege zu finden.

Da, wo wir anfangen, unsere Geschichten miteinander zu teilen, versteht man sich viel besser und hat viel leichter den Willen, einen gemeinsamen Weg zu gehen.

Kirchliche Verantwortung reicht dabei über die eigene Gemeinde hinaus. Kirchen können Ungerechtigkeit öffentlich benennen und gemeinsam politischen Einfluss nehmen. In Südafrika geschieht das beispielsweise über die Zusammenarbeit im Südafrikanischen Rat der Kirchen und mit anderen Religionsgemeinschaften.

3. Wie kann eine Gemeinde „Kirche für alle“ werden?

Eine vielfältige Gemeinde entsteht nicht allein dadurch, dass grundsätzlich alle willkommen sind. Teilhabe muss sich auch darin zeigen, wer gehört wird, Verantwortung übernimmt und in Leitungsgremien vertreten ist. Unterschiedliche Sprachen, Generationen, soziale Hintergründe und gesellschaftliche Zugehörigkeiten sollten deshalb auch die Strukturen einer Gemeinde prägen.

Du darfst so kommen, wie du bist, und du darfst sein, wer du bist.

Dazu gehört die Bereitschaft, sich selbst verändern zu lassen. Wenn neue Menschen hinzukommen, kann nicht alles so bleiben wie zuvor. Gewohnheiten, Arbeitsgruppen oder Formen des Gemeindelebens müssen immer wieder daraufhin geprüft werden, ob tatsächlich unterschiedliche Menschen daran teilhaben können.

4. Welche Rolle spielt Sprache für Zugehörigkeit in einer vielfältigen Gemeinde?

Sprache kann Heimat und Zugehörigkeit vermitteln, aber auch Grenzen schaffen. In einer mehrsprachigen Gemeinde stellt sich deshalb die Frage, wie unterschiedliche sprachliche Bedürfnisse berücksichtigt werden können, ohne getrennte Gemeinschaften entstehen zu lassen.

In Röhrs’ Gemeinde gibt es weiterhin deutschsprachige Gottesdienste. Bei gemeinsamen Veranstaltungen dient dagegen Englisch als verbindende Sprache, obwohl es für die meisten Beteiligten nicht die Muttersprache ist. Lieder und Texte können zusätzlich in isiZulu, Deutsch, Afrikaans oder Englisch vorkommen.

Jede*r spricht nicht in der Muttersprache, aber spricht und hört zu in einer Sprache, die uns verbindet.

Gemeinschaft entsteht damit nicht durch sprachliche Einheitlichkeit. Entscheidend ist, dass Menschen Vertrautes wiederfinden und zugleich bereit sind, sich auf die Sprachen und Ausdrucksformen anderer einzulassen.

5. Wie verändert Vielfalt das Gemeindeleben?

Vielfalt bedeutet mehr als die Anwesenheit unterschiedlicher Menschen. Wenn Menschen mit verschiedenen kulturellen und sozialen Erfahrungen tatsächlich miteinander Gemeinde gestalten, verändern sich auch Gewohnheiten und Erwartungen. Das kann bei scheinbaren Kleinigkeiten beginnen: bei Musikstilen, der Gestaltung eines Gottesdienstes oder der Frage, was bei einem Gemeindefest auf den Tisch kommt. Entscheidend ist nicht, eine bisherige Form für alle verbindlich zu machen, sondern gemeinsam neue Formen zu entwickeln.

Je mehr Vielfalt da ist, desto offener sind die Leute.

Eine vielfältige Gemeinde muss deshalb auch aushalten können, dass nicht alles den eigenen Vorstellungen entspricht. Zugehörigkeit entsteht dort, wo Unterschiede sichtbar sein dürfen, ohne Menschen voneinander zu trennen.

6. Wie können Kirchen mit unterschiedlichen Positionen zu queeren Menschen umgehen?

Queere Menschen sind Teil christlicher Gemeinden. Die Frage nach ihrem Platz in Kirche betrifft deshalb nicht abstrakt „andere“, sondern Menschen, die bereits zum Gemeindeleben gehören. Gleichzeitig bestehen innerhalb von Kirchen unterschiedliche theologische und gesellschaftliche Positionen zu Homosexualität und queeren Lebensweisen.

In der Northeastern Evangelical Lutheran Church in South Africa werden diese Differenzen nicht durch eine schnelle Festlegung aufgelöst. Gemeinden sind aufgefordert, miteinander ins Gespräch zu kommen und einander zuzuhören. In Petra Röhrs’ eigener Gemeinde sind queere Menschen willkommen und Teil der Gemeinschaft.

Es geht um die Menschen, die schon in unseren Gemeinden sind.

Der Umgang mit unterschiedlichen theologischen Positionen bleibt damit ein Prozess. Zugleich stellt sich für die Kirche konkret die Frage, wie queere Menschen in Gemeinden willkommen sein und am kirchlichen Leben teilhaben können.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Petra Röhrs im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Petra Röhrs
Länge: 30 Minuten
Veröffentlichung: 26.11.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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