Wer ist eigentlich „Wir“ – Identität und Nation in Nigeria
Zwischen Religion, Geschichte und Vielfalt: Nigeria und die Suche nach einer gemeinsamen Identität – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Seit 2016 wird Kamerun von einem Konflikt erschüttert, der seine Gründe auch in der Kolonialgeschichte Kameruns hat. Aber wie kann das 65 Jahre nach der Unabhängigkeit noch sein? Welche Spuren haben die deutschen und später französisch-britischen Kolonialmächte in Kamerun hinterlassen? Wie wirken koloniale Strukturen bis in die Gegenwart? Und was hat Mission mit alldem zu tun? Darüber spricht Valerie Viban, Policy Advisor beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE), mit Host Tanja Stünckel.
Wie wirkt die Kolonialgeschichte Kameruns bis heute fort? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Valerie Viban über die historischen Wurzeln des anglophonen Konflikts und koloniale Kontinuitäten in Sprache, Politik, Wirtschaft und Kirche. Dabei geht es auch um die Frage, welche Verantwortung Kirchen und internationale Partner*innen im Umgang mit diesem Erbe tragen.
Kamerun war zunächst deutsche Kolonie und wurde nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Die unterschiedlichen kolonialen Herrschaftssysteme prägen das Land bis heute. Besonders sichtbar wird das im Konflikt zwischen den anglophonen Regionen und dem frankophon dominierten Zentralstaat. Koloniale Kontinuitäten reichen jedoch darüber hinaus: Sie betreffen gesellschaftliche Machtverhältnisse ebenso wie Sprache, Wirtschaft, Bildung und Kirche. Die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte hilft deshalb zu verstehen, wie historische Strukturen bis in gegenwärtige Konflikte und Machtverhältnisse hineinwirken.
© Foto: privat | Valerie Viban ist Policy Advisor beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE).
Valerie Viban stammt aus dem englischsprachigen Teil Kameruns und kam 2016 für einen Bundesfreiwilligendienst nach Deutschland. Eine Rückkehr nach Kamerun war ursprünglich geplant, doch im selben Jahr begann der anglophone Konflikt zu eskalieren. Heute arbeitet Viban als Policy Advisor beim Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung (EWDE) mit einem Schwerpunkt auf Antirassismus und Dekolonisierung. Dabei beschäftigt sich Viban mit kolonialen Kontinuitäten und ihren Folgen für gesellschaftliche Machtverhältnisse und internationale Zusammenarbeit. Auch in kirchlichen Netzwerken und in der Restitutionsarbeit ist Viban engagiert.
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland seine Kolonie Kamerun. Das Gebiet wurde anschließend unter französische und britische Verwaltung gestellt. Dadurch entwickelten sich unterschiedliche Sprach-, Bildungs- und Rechtssysteme, deren Folgen auch nach der Unabhängigkeit bestehen blieben.
Seit 2016 eskalierte der lange schwelende Konflikt zwischen dem frankophon dominierten Zentralstaat und den anglophonen Regionen. Ausgangspunkt waren Proteste von Anwält*innen und Lehrkräften gegen die Marginalisierung englischsprachiger Strukturen. Aus den zunächst zivilen Protesten entwickelte sich ein bewaffneter Konflikt zwischen separatistischen Gruppen und staatlichen Sicherheitskräften.
Die anglophone Krise ist also auch eine Spätfolge der Kolonisierung Kameruns, für die es bis heute keine Lösung gibt.
Die Kolonialgeschichte erklärt den heutigen Konflikt allerdings nicht allein. Auch autoritäre politische Strukturen, Korruption und die jahrzehntelange Konzentration politischer Macht tragen zur gegenwärtigen Krise bei.
Von kolonialen Kontinuitäten wird gesprochen, wenn Strukturen, Machtverhältnisse oder Denkweisen aus der Kolonialzeit nach deren formalem Ende fortbestehen oder weiterhin Wirkung entfalten. In Kamerun zeigt sich das beispielsweise in den Sprachen und Rechtssystemen, in wirtschaftlichen Beziehungen und Infrastruktur, aber auch in Bildung, Politik und Religion.
Fast alles in Kamerun weist koloniale Kontinuität auf.
Koloniale Kontinuität bedeutet dabei nicht, dass alle gegenwärtigen Probleme unmittelbar durch die Kolonialherrschaft verursacht werden. Der Begriff lenkt vielmehr den Blick darauf, wie historische Strukturen fortwirken und sich mit heutigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen verbinden.
Englisch und Französisch sind in Kamerun besonders sichtbar, weil sie mit der britischen und französischen Kolonialherrschaft verbunden sind. Die sprachliche Wirklichkeit des Landes ist jedoch wesentlich vielfältiger. Neben Pidgin-Englisch werden zahlreiche Sprachen unterschiedlicher ethnischer Gruppen gesprochen.
Auch wir sprechen jetzt die ganze Zeit davon, dass es in Kamerun zwei Sprachen gibt. Tatsächlich hat Kamerun eigentlich über 300 Sprachen verschiedener Ethnien.
Die Konzentration auf Englisch und Französisch kann deshalb selbst eine kolonial geprägte Perspektive fortschreiben und den Blick darauf verstellen, welche sprachliche und kulturelle Vielfalt jenseits der ehemaligen Kolonialsprachen in Kamerun besteht.
Die Geschichte des Christentums in Kamerun ist eng mit der europäischen Missionsgeschichte verbunden. Mission fand dabei nicht unabhängig vom kolonialen Kontext statt. Koloniale Prägungen können deshalb auch in christlichen Bildwelten und theologischen Traditionen fortwirken. Dazu gehören etwa Darstellungen eines weißen Jesus oder eine Theologie, die Hoffnung und individuelles Durchhalten betont, gesellschaftliche Befreiung und die Veränderung ungerechter Verhältnisse aber weniger in den Blick nimmt.
Kolonialgeschichte ist auch Geschichte der Kirche.
Die Auseinandersetzung mit der Missions- und Kolonialgeschichte betrifft deshalb nicht nur die Vergangenheit. Sie stellt auch die Frage, welche Vorstellungen von Glauben, Kirche und gesellschaftlicher Verantwortung bis heute fortwirken.
Entwicklungszusammenarbeit kann bestehende Machtungleichgewichte fortschreiben – etwa wenn Ressourcen und Entscheidungsmacht ungleich verteilt sind oder Lösungen von außen vorgegeben werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Kontinuitäten gehört deshalb auch zur internationalen Zusammenarbeit.
Wir müssen uns trotzdem einen kritischen Blick in Bezug auf koloniale Kontinuitäten bewahren und unser Handeln, Machtkonstellationen und Entscheidungsprozesse immer wieder kritisch reflektieren.
Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, Entwicklungszusammenarbeit zu beenden. Sie kann zivilgesellschaftliche Strukturen stärken, internationale Aufmerksamkeit schaffen und Menschen und Organisationen miteinander verbinden. Entscheidend ist, Machtverhältnisse und Entscheidungsprozesse immer wieder zu überprüfen und Zusammenarbeit entsprechend zu verändern.
Politische Veränderung hängt nicht allein von staatlichen Institutionen ab. Zivilgesellschaftliche Organisationen, internationale Netzwerke und Kirchen können gesellschaftliche Probleme sichtbar machen, Interessen vertreten und Dialog ermöglichen. Kirchen verfügen in Kamerun über gesellschaftliche Reichweite und internationale Partnerschaften. Gleichzeitig sind auch sie Teil bestehender Machtstrukturen und müssen ihre eigene Geschichte kritisch reflektieren.
Es gibt keinen Umgang mit kolonialem Erbe, mit Kolonialgeschichte, ohne Netzwerke.
Entscheidend sind deshalb Partnerschaften und Netzwerke, in denen Verantwortung geteilt und Entscheidungen nicht einseitig getroffen werden.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Valerie Viban im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Valerie Viban
Länge: 35 Minuten
Veröffentlichung: 24.10.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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