Auf Augenhöhe? Kirchliche Partnerschaftsarbeit zwischen Erbe und Erneuerung
„Partnerschaft in Gehorsam“ – ein Leitsatz, der heute irritiert und doch bis heute wirkt. Als die Weltmissionskonferenz 1947 diesen Anspruch formulierte, sollte er einen Bruch markieren: weg von kolonialen Abhängigkeiten, hin zu gegenseitiger Verantwortung. Die Asymmetrie in den durch Kolonialismus und Mission entstandenen Beziehungen zwischen Kirchen des Globalen Nordens und Südens sollte überwunden werden. Doch der Anspruch blieb oft Theorie. Paternalistische Strukturen prägen vielerorts bis heute das Miteinander. Aber wie kann echte Veränderung gelingen? Warum bleiben Kirchenpartnerschaften trotz ihrer belasteten Geschichte wichtig? Wie kann ihre Zukunft aussehen? Und was hat all das immer noch mit Mission zu tun? Darüber spricht Host Tanja Stünckel mit Christoph Krauth, Pfarrer für Weltmission und Ökumene in der Pfalz.
Christoph Krauth bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit
Worum geht es?
Internationale Kirchenpartnerschaften verbinden Gemeinden und Kirchen über Länder und Kontinente hinweg. Diese Podcastfolge geht der Frage nach, wie solche Beziehungen trotz finanzieller Ungleichheiten und historisch gewachsener Machtverhältnisse partnerschaftlich gestaltet werden können. Christoph Krauth zeigt anhand von Erfahrungen aus Westpapua, Ghana und Korea, warum gegenseitiges Lernen, kulturelle Sensibilität, persönliche Begegnungen und langfristiges Vertrauen dafür entscheidend sind.
Was bedeutet kirchliche Partnerschaftsarbeit?
Kirchliche Partnerschaftsarbeit bezeichnet langfristige Beziehungen zwischen Gemeinden, Kirchen oder kirchlichen Einrichtungen in unterschiedlichen Ländern und gesellschaftlichen Kontexten. Dazu gehören persönliche Begegnungen, der Austausch über Glauben und kirchliche Praxis, gemeinsames Lernen sowie die Zusammenarbeit an Projekten.
Viele internationale Kirchenpartnerschaften sind historisch aus der Missionsarbeit und aus Beziehungen zwischen Missionsgesellschaften, europäischen Kirchen und den daraus entstandenen Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika hervorgegangen. Aus diesen früheren Missionsbeziehungen entwickelten sich zunehmend partnerschaftlich verstandene Beziehungen zwischen Kirchen. Materielle Unterstützung kann weiterhin Teil dieser Zusammenarbeit sein. Partnerschaftsarbeit umfasst jedoch ebenso den theologischen und ökumenischen Austausch, persönliche Beziehungen und gegenseitiges Lernen.
Warum ist das wichtig?
Kirchenpartnerschaften machen weltweite Ökumene konkret. Sie ermöglichen Christ*innen, Glauben und kirchliches Leben aus anderen gesellschaftlichen und kulturellen Perspektiven kennenzulernen. Das kann auch den Blick auf die eigene Kirche verändern – etwa wenn Partnerkirchen bereits Erfahrungen mit einer gesellschaftlichen Minderheitenposition haben, die für die Kirchen in Deutschland zunehmend relevant wird.
Gleichzeitig stehen internationale Partnerschaften vor der Aufgabe, historisch entstandene und bis heute bestehende Ungleichheiten kritisch zu reflektieren und zu überwinden. Finanzielle Unterschiede können Abhängigkeiten und Machtgefälle verstärken. Partnerschaftsarbeit muss deshalb immer wieder neu aushandeln, wie gemeinsame Entscheidungen, gegenseitiges Lernen und verlässliche Beziehungen tatsächlich gelingen können.
Wer ist Christoph Krauth?
© Foto: privat | Christoph Krauth ist Pfarrer für Weltmission und Ökumene.
Christoph Krauth ist Pfarrer für Weltmission und Ökumene in der Evangelischen Kirche der Pfalz. Internationale Kirchenpartnerschaften gehören zu seinem Arbeitsfeld. Eine besondere Verbindung hat er zur Evangelischen Kirche im Lande Papua in Westpapua: Dort absolvierte er während seiner Ausbildung ein viermonatiges Spezialvikariat. In seiner Funktion als Pfarrer für Weltmission und Ökumene begleitet er die Partnerschaft mit der Kirche weiterhin und arbeitet auch mit Partnerkirchen in Ghana und Korea zusammen.
Im Podcast spricht Christoph Krauth über:
- Partnerschaft auf Augenhöhe
- Macht und finanzielle Ungleichheiten in internationalen Kirchenpartnerschaften
- persönliche Begegnungen und den Aufbau von Vertrauen
- kulturelle Unterschiede und interkulturelles Lernen
- Erfahrungen aus Westpapua, Ghana und Korea
- die Bedeutung des gemeinsamen Glaubens für kirchliche Partnerschaften
5 Fragen zu internationalen Kirchenpartnerschaften
1. Wie kann Kirchenpartnerschaft auf Augenhöhe gelingen?
Kirchenpartnerschaften zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden sind häufig von finanziellen Ungleichheiten geprägt. Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet, dass daraus keine einseitige Entscheidungsmacht entsteht. Ziele, Projekte und Begegnungen werden gemeinsam geplant und ausgewertet, die Erfahrungen und Kenntnisse der Partner*innen vor Ort fließen gleichwertig ein.
Dass wir gemeinsam über Projekte entscheiden, dass Vorschläge gemacht werden. Und dass es eben nicht ein einseitiges Entscheiden von uns ist, welche Projekte denn förderwürdig sind und welche nicht.
Dazu gehört auch, unterschiedliche Erwartungen offen anzusprechen und Entscheidungen immer wieder neu auszuhandeln. Augenhöhe ist deshalb kein erreichter Zustand, sondern eine dauerhafte Aufgabe.
2. Warum brauchen Kirchenpartnerschaften persönliche Begegnungen und langfristige Beziehungen?
Kirchenpartnerschaften leben von Vertrauen, das durch gemeinsame Erfahrungen und verlässliche Beziehungen wächst. Digitale Treffen erleichtern die Zusammenarbeit über große Entfernungen, können persönliche Begegnungen aber nicht vollständig ersetzen.
Es braucht Kontinuität und es braucht Verlässlichkeit und lange Beziehungen. Aber das soll nicht hinderlich sein für Menschen, die neu dazukommen möchten.
Langjährige Beziehungen brauchen zugleich Offenheit für neue Beteiligte. Damit Partnerschaften weiterbestehen, müssen Erfahrungen weitergegeben und neue Menschen einbezogen werden. Kontinuität und Generationenwechsel gehören deshalb zusammen.
3. Was können Kirchen in Deutschland von Partnerkirchen weltweit lernen?
Kirchen leben unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen. Partnerkirchen der Evangelischen Kirche der Pfalz in Westpapua, Ghana oder Korea haben etwa Erfahrungen mit einer Minderheitenposition, finanziellen Einschränkungen oder gesellschaftlichen Herausforderungen und entwickeln eigene Formen von Gemeindeleben, Diakonie und kirchlichem Engagement.
Es können Inspirationen sein, Momente des ins Nachdenken Kommens oder der Perspektive: Wie kann Kirche auch bei uns vielleicht noch mal anders gedacht werden?
Solche Erfahrungen lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Sie können aber neue Perspektiven darauf eröffnen, wie Kirche auch unter veränderten Bedingungen gelebt und gesellschaftlich wirksam werden kann.
4. Was bedeutet kulturelle Sensibilität in einer Kirchenpartnerschaft?
Gesten und Verhaltensweisen können in unterschiedlichen kulturellen Kontexten verschiedene Bedeutungen haben. Kulturelle Sensibilität bedeutet deshalb, die eigenen Maßstäbe nicht selbstverständlich auf andere zu übertragen.
Ich finde es ist ganz wichtig, zu versuchen, sich auf die andere Kultur, auf den anderen Kontext einzulassen und auszuprobieren und nicht sofort zu bewerten und in Schubladen zu stecken, wenn etwas anders oder fremd ist.
Dazu gehört, zunächst wahrzunehmen und nachzufragen, statt Unbekanntes vorschnell zu bewerten. Auch Missverständnisse und Fehler können Teil des gemeinsamen Lernens sein, wenn unterschiedliche Perspektiven ernst genommen werden.
5. Was trägt eine Kirchenpartnerschaft über finanzielle Hilfe hinaus?
Kirchenpartnerschaft bedeutet nicht, dass eine Kirche Glauben, Wissen oder materielle Ressourcen an eine andere weitergibt. Kirchen bringen unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven ein und lernen voneinander. Gemeinsames Bibellesen, Gottesdienste und Abendmahl machen dabei die gemeinsame christliche Grundlage sichtbar.
Partnerschaftsarbeit ist Kern christlicher Identität, weil wir ein Leib sind mit ganz unterschiedlichen, vielen Gliedern an ganz unterschiedlichen Orten.
Finanzielle Unterstützung kann weiterhin wichtig sein, bestimmt aber nicht den Wert der Beziehung. Kirchenpartnerschaft beruht auf gemeinsamem Glauben, Vertrauen und gegenseitiger Verantwortung – und kann deshalb auch bestehen, wenn finanzielle Zuwendungen zurückgehen.
Diese Zusammenstellung basiert auf dem Gespräch mit Christoph Krauth im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Über „Zeit für Mission“
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Christoph Krauth
Länge: 30 Minuten
Veröffentlichung: 22.01.2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit