Bedrohte Zukunft – Indigene in Argentinien kämpfen um ihren Platz
Der Lebensraum indigener Gemeinschaften in Lateinamerika schrumpft immer weiter zusammen. Gleichzeitig haben sie oft mit großen staatlichen Benachteiligungen zu kämpfen. Nicht selten sind es NGOs und christliche Organisationen, die sich aktiv für die Verbesserung der Lebenssituation der indigenen Gemeinschaften einsetzen. Wie ist die momentane Lage der indigenen Gemeinschaften in Argentinien? Was wird getan, um ihre Situation zu verbessern? Warum ist Argentinien eine große Salatschüssel? Und was hat Mission mit all dem zu tun? Darüber spricht Guido Forsthuber, Koordinator des Bereichs Institutionelle Entwicklung bei Hora de Obrar, mit Host Tanja Stünckel.
Guido Forsthuber bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit
Worum geht es?
Wie können indigene Gemeinschaften ihre Lebensweise und Kultur unter veränderten Bedingungen selbstbestimmt erhalten und weiterentwickeln? In Argentinien stehen indigene Gemeinschaften vor Herausforderungen wie unsicheren Landrechten, dem Verlust natürlicher Lebensräume und erschwerten Zugängen zu öffentlichen Einrichtungen. Am Beispiel der Mbya-Guaraní geht es darum, wie Land, kulturelles Wissen, Bildung und wirtschaftliche Selbstständigkeit miteinander zusammenhängen.
Warum ist das wichtig?
Land ist für indigene Gemeinschaften nicht allein eine wirtschaftliche Ressource. Es kann Lebensgrundlage, kultureller Raum und Teil einer über Generationen weitergegebenen Beziehung zur Natur sein. Gehen Land und natürliche Ressourcen verloren, geraten deshalb auch Formen des Zusammenlebens, Sprache, Wissen und wirtschaftliche Selbstständigkeit unter Druck.
Wie Selbstbestimmung unter diesen Bedingungen gestärkt werden kann, zeigt sich oft an ganz konkreten Fragen: Wer entscheidet über Land? Wie gelangt sauberes Wasser in eine Gemeinschaft? Wer bestimmt, wie landwirtschaftliche Produkte verkauft werden? Und welchen Platz erhält indigenes Wissen in der Schule? Das Gespräch mit Guido Forsthuber zeigt, wie eng der Schutz indigener Rechte mit solchen Fragen des Alltags verbunden ist.
Wer ist Guido Forsthuber?
Guido Forsthuber ist Koordinator des Bereichs Institutionelle Entwicklung bei Hora de Obrar. Die diakonische Stiftung wurde von der Evangelischen Kirche am La Plata gegründet und arbeitet in Argentinien, Paraguay und Uruguay zu sozialer und ökologischer Gerechtigkeit.
In der argentinischen Provinz Misiones arbeitet Hora de Obrar gemeinsam mit Gemeinschaften der Mbya-Guaraní. Zu den Arbeitsfeldern gehören unter anderem interkulturelle Bildung, der Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, Ernährung und Landwirtschaft, wirtschaftliche Entwicklung sowie der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen.
Im Podcast spricht Guido Forsthuber über:
- den Wandel der Lebensbedingungen der Mbya-Guaraní
- Landrechte und den Verlust indigener Lebensräume
- selbstbestimmte Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften
- interkulturelle Bildung und traditionelles Wissen
- den Schutz von Regenwald und natürlichen Ressourcen
- die Stärkung indigener Rechte und Lebensgrundlagen
6 Fragen zur Situation indigener Gemeinschaften in Argentinien
1. Wie hat sich das Leben der Mbya-Guaraní verändert?
Die Mbya-Guaraní leben unter anderem in der nordostargentinischen Provinz Misiones. Eigene Sprache, kulturelle Traditionen und eine enge Beziehung zur Natur prägen ihre Lebensweise. Viel Wissen wird mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.
Gleichzeitig haben sich die Bedingungen verändert, unter denen die Gemeinschaften leben. Der verfügbare Lebensraum ist kleiner geworden und traditionelle Formen der Versorgung lassen sich nicht überall unverändert fortführen. Lebensmittel selbst anzubauen und neue wirtschaftliche Möglichkeiten zu entwickeln, hat dadurch an Bedeutung gewonnen.
Die eigene Spiritualität ist sehr eng mit der Natur verbunden; davon können wir jeden Tag lernen.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, zwischen einer traditionellen und einer modernen Lebensweise wählen zu müssen. Entscheidend ist vielmehr, unter veränderten Bedingungen selbstbestimmt leben und dabei Sprache, Wissen und kulturelle Traditionen erhalten und weiterentwickeln zu können.
2. Warum sind Landrechte für indigene Gemeinschaften so wichtig?
Landrechte entscheiden darüber, ob indigene Gemeinschaften ihren Lebensraum langfristig nutzen und gestalten können. Wo Eigentums- und Nutzungsrechte nicht verlässlich geklärt sind, können Konflikte mit anderen Landnutzer*innen, landwirtschaftlichen Betrieben oder Unternehmen entstehen.
Der Verlust von Land ist eigentlich eins von den größten Problemen. Die indigenen Gemeinschaften haben in vielen Fällen nicht den Landtitel.
Land ist für die Mbya-Guaraní eng mit ihrer Lebensweise verbunden. Der Regenwald bietet Möglichkeiten zur Versorgung und ist zugleich ein Raum, in dem kulturelles Wissen und Kenntnisse über Pflanzen weitergegeben und praktiziert werden. Fehlt die rechtliche Absicherung, können Gemeinschaften ihren Lebensraum nicht verlässlich und langfristig nutzen. Gesicherte Landrechte sind deshalb eine wichtige Voraussetzung für Selbstbestimmung: Sie schaffen die Grundlage dafür, soziale und kulturelle Strukturen weiterzuentwickeln und eigene wirtschaftliche Perspektiven aufzubauen.
3. Wie können Projekte die Selbstbestimmung indigener Gemeinschaften stärken?
Unterstützung indigener Gemeinschaften kann unterschiedlich gestaltet werden. Entscheidend ist, ob Projekte von außen vorgegeben werden oder gemeinsam mit den Menschen entstehen, für die sie gedacht sind.
Hora de Obrar arbeitet deshalb mit den eigenen Strukturen und Vertreter*innen der Gemeinschaften zusammen. Projekte sollen gemeinsam geplant und umgesetzt werden. Dazu gehören Verbesserungen beim Zugang zu Wasser und Strom ebenso wie Landwirtschaft, Vermarktung, Bildung oder der Zugang zu Gesundheit und Justiz.
Wir versuchen, nicht selber die Projekte durchzuführen, sondern mit den Gemeinschaften und den einzelnen Menschen vor Ort.
Ein Beispiel ist die Vermarktung von Maniok. Familien waren beim Verkauf an Zwischenhändler*innen mit niedrigen Preisen konfrontiert. Durch den direkten Kontakt zu einer Mehlfabrik konnten sie ihre Produkte selbst vermarkten und die Logistik zunehmend eigenständig organisieren. Unterstützung zielt damit nicht allein auf kurzfristige Hilfe, sondern darauf, eigene Handlungsmöglichkeiten zu stärken.
4. Welche Rolle spielen Sprache und traditionelles Wissen in der Bildung?
Bildung kann für indigene Gemeinschaften Zugänge zu gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen eröffnen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welchen Platz die eigene Sprache und indigenes Wissen im Bildungssystem erhalten. Interkulturelle Bildung versucht deshalb, unterschiedliche Formen des Wissens miteinander zu verbinden.
In Misiones arbeiten an interkulturellen Schulen auch indigene Mitarbeiter*innen. Ihre Aufgabe kann über das Dolmetschen hinausgehen: Sie können dazu beitragen, Sprache und Wissen der Mbya-Guaraní in den Unterricht einzubringen. In Projekten wurden dafür auch zweisprachige Unterrichtsmaterialien entwickelt.
Sie zeigen dir ganz stolz ihre Apotheke und die Apotheke ist eigentlich der Regenwald.
Indigenes Wissen betrifft nicht nur Sprache. Gemeinsam mit den Gemeinschaften wurde beispielsweise ein Kalender erarbeitet, der Wissen darüber festhält, zu welchen Zeiten bestimmte Lebensmittel angebaut oder geerntet werden. Auch Kenntnisse über Pflanzen und die Beobachtung der Natur gehören zu diesem überlieferten Wissen. Interkulturelle Bildung kann damit dazu beitragen, dass indigenes Wissen nicht an den Rand des Bildungssystems gedrängt, sondern an kommende Generationen weitergegeben wird.
5. Warum bedroht der Verlust der Natur auch indigene Lebensweisen?
Der Regenwald ist für die Mbya-Guaraní nicht nur ein Lebensraum. Er bietet Nahrung und Pflanzen und ist eng mit indigenem Wissen und Spiritualität verbunden. Veränderungen dieses Ökosystems können deshalb unmittelbar die Möglichkeiten beeinflussen, Kenntnisse und Formen des Zusammenlebens weiterzuführen.
Viele, viele Hektar von Regenwald wurden abgeholzt und wieder bepflanzt, aber als Monokultur. Von oben sieht es sehr schön und grün aus. Aber die Auswirkungen auf Biodiversität, auf die Tierarten, auf die Feuchtigkeit im Boden sind sehr stark.
In Misiones ist ein Teil des ursprünglichen Regenwaldes anderen Formen der Landnutzung gewichen. Dazu gehört auch die forstwirtschaftliche Nutzung von Flächen. Eine wieder bepflanzte Fläche erfüllt damit nicht automatisch dieselben ökologischen Funktionen wie ein artenreicher Regenwald. Wo Biodiversität und natürliche Ressourcen verloren gehen, können zugleich wirtschaftliche Lebensgrundlagen, Wissen und Möglichkeiten einer selbstbestimmten Lebensweise beeinträchtigt werden.
6. Was muss sich ändern, damit indigene Rechte besser geschützt werden?
Ein zentraler Schritt ist die rechtliche Absicherung von Land. Indigene Gemeinschaften brauchen verlässliche Möglichkeiten, ihren Lebensraum zu nutzen und ihre Entwicklung selbst zu gestalten. Ebenso wichtig ist der Zugang zu staatlichen Einrichtungen wie Schulen, Gesundheitsversorgung und Justiz.
Formale Zugänge allein reichen jedoch nicht aus. Mitarbeiter*innen öffentlicher Einrichtungen müssen mit unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Vorstellungen umgehen können. Interkulturelle Kompetenz kann dazu beitragen, dass indigene Menschen bestehende Angebote und Rechte tatsächlich wahrnehmen können.
Dass man auch diese Kultur dann besser versteht und respektieren kann, das sind die Ausgangspunkte.
Auch wirtschaftliche Perspektiven gehören dazu. Gemeinschaften brauchen Möglichkeiten, Einkommen zu erzielen, ohne dafür ihre natürlichen Lebensgrundlagen aufgeben zu müssen. Solche Lösungen sollten gemeinsam mit den Gemeinschaften und ihren Vertreter*innen entwickelt werden.
Der Schutz indigener Rechte verbindet damit mehrere Aufgaben: gesicherte Landrechte, zugängliche öffentliche Einrichtungen, wirtschaftliche Perspektiven und die Anerkennung eigener Strukturen. Entscheidend ist, indigene Gemeinschaften dabei nicht allein als Empfänger*innen von Unterstützung zu betrachten, sondern als Akteur*innen ihrer eigenen Entwicklung.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Guido Forsthuber im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Über „Zeit für Mission“
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Guido Forsthuber
Länge: 27 Minuten
Veröffentlichung: 27.03.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit