Maji-Maji und Mission – Koloniale Verbrechen und ihre Folgen für Tansania bis heute

Der Maji-Maji-Krieg dauerte von 1905 bis 1907 und gilt als einer der größten Kolonialkriege in der Geschichte des afrikanischen Kontinents. Die deutsche Kolonialmacht von Deutsch-Ostafrika spielt darin eine brutale Rolle. Dennoch hatten viele Deutsche bis zum Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Tansania im Herbst 2023 noch nie davon gehört. Wie beeinflusst die koloniale Geschichte die Gegenwart Tansanias? Warum war die Entschuldigung Steinmeiers wichtig? Und was hat all das mit Mission zu tun? Darüber spricht Brighton Katabaro, promovierter Theologe, evangelischer Pfarrer und Studienleiter an der Missionsakademie, heute Internationale Akademie für Ökumene, an der Universität Hamburg, mit Host Tanja Stünckel.

Koloniale Verbrechen und ihre Folgen für Tansania bis heute – Brighton Katabaro zu Gast im EMW-Podcast

Worum geht es?

Wie wirken die Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft in Tansania bis heute nach? Host Tanja Stünckel spricht in dieser Podcastfolge mit Brighton Katabaro über den Maji-Maji-Krieg, die Folgen von Gewalt und Ausbeutung sowie das Verhältnis von Mission und Kolonialherrschaft. Dabei geht es auch um Erinnerung, die Entschuldigung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Frage, was Versöhnung zwischen Deutschland und Tansania heute bedeuten kann.

Warum ist das wichtig?

Die deutsche Kolonialherrschaft ist in Tansania keine abgeschlossene Vergangenheit. Ihre Folgen werden bis heute mit wirtschaftlichen Ungleichheiten, kulturellen Verletzungen und Fragen nach Verantwortung verbunden. Die Podcastfolge zeigt, warum historische Aufarbeitung deshalb auch die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Deutschland und Tansania betrifft – und welche Bedeutung Anerkennung, Entschuldigung und eine Zusammenarbeit ohne neue Abhängigkeiten dabei haben.

Wer ist Brighton Katabaro?

Brighton Katabaro ist Studienleiter an der Internationalen Akademie für Ökumene © Foto: privat | Brighton Katabaro ist Studienleiter an der Internationalen Akademie für Ökumene

Dr. Brighton Katabaro ist Pastor der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania und seit 2023 Studienleiter an der Missionsakademie, heute Internationale Akademie für Ökumene, an der Universität Hamburg. Dort leitet er die von Brot für die Welt geförderte Projektstelle „Theologische und interkulturelle Zugänge zur Agrarökologie“.

Brighton Katabaro promovierte an der Universität Hamburg und war zuvor Direktor der landwirtschaftlichen Hochschule KARUCO in Tansania. Seine Arbeit verbindet theologische und interkulturelle Perspektiven mit Fragen von Landwirtschaft und nachhaltiger Entwicklung.

Im Podcast spricht Brighton Katabaro über:

  • die deutsche Kolonialherrschaft in Tansania
  • den Maji-Maji-Krieg und seine Folgen
  • Ausbeutung und fortwirkende koloniale Strukturen
  • das Verhältnis von Mission und Kolonialherrschaft
  • Erinnerung und Aufarbeitung in Tansania
  • Entschuldigung, Versöhnung und zukünftige Zusammenarbeit



6 Fragen zu Kolonialgeschichte und Versöhnung in Tansania

1. Was war der Maji-Maji-Krieg?

Der Maji-Maji-Krieg war ein antikolonialer Widerstand gegen die deutsche Herrschaft in Deutsch-Ostafrika. Nachdem regionale Aufstände bereits zuvor niedergeschlagen worden waren, formierte sich ab 1904 vor allem im Süden des heutigen Tansania ein breiter Widerstand verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Es war eine sehr schwierige Zeit für unsere Großeltern und Vorfahr*innen, teilweise mit Auswirkungen bis heute.

Eine verbindende Rolle spielte die sogenannte Maji-Magie: Von Heiler*innen geweihtes Wasser sollte die Kämpfenden vor den Waffen der deutschen Kolonialtruppen schützen. Der militärisch weit überlegenen Kolonialmacht konnten sie jedoch nicht standhalten. Zwischen 1905 und 1907 wurde der Widerstand brutal niedergeschlagen.

2. Welche Folgen hatte die deutsche Kolonialherrschaft für Tansania?

Die Niederschlagung des Maji-Maji-Widerstands hatte verheerende Folgen für die Bevölkerung. Schätzungen zufolge kamen bis zu 300.000 Menschen ums Leben – bei Kämpfen, aber auch durch eine Politik der systematischen Zerstörung und des Aushungerns. Felder und Lebensgrundlagen wurden vernichtet, Menschen verloren Besitz und Land oder wurden zur Zwangsarbeit gezwungen.

Die Menschen mussten den Deutschen als Kolonialmacht alles geben: ihren Besitz, ihr Land, ihre Freiheit.

Kolonialherrschaft zielte auch auf die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes und seiner Bevölkerung. In Tansania wird diese Geschichte deshalb nicht allein als abgeschlossenes historisches Kapitel betrachtet. Ihre Folgen werden auch mit langfristigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen des Landes in Verbindung gebracht.

3. Wie hängen Mission und Kolonialherrschaft in Tansania zusammen?

Christliche Mission und deutsche Kolonialherrschaft wirkten zur gleichen Zeit in Tansania und waren miteinander verflochten. Deutsche Missionar*innen und Vertreter*innen der Kolonialmacht kamen aus demselben europäischen Kontext und konnten sich gegenseitig unterstützen. Auch Mission war von Vorstellungen europäischer Überlegenheit geprägt.Gleichzeitig werden Mission und Kolonialherrschaft in Tansania nicht einfach gleichgesetzt. Missionar*innen verfolgten andere Ziele als die Kolonialverwaltung, und mit ihrer Arbeit werden auch Bildung und Gesundheitsversorgung verbunden.

In Tansania zelebrieren wir das Datum, an dem die Missionar*innen nach Tansania gekommen sind, und wir feiern das Datum, an dem die deutsche Kolonialmacht abgezogen ist. Das ist der große Unterschied.

Die historische Beziehung von Mission und Kolonialismus lässt sich deshalb weder durch vollständige Trennung noch durch Gleichsetzung angemessen beschreiben. Entscheidend ist, ihre Verflechtungen ebenso wahrzunehmen wie die unterschiedlichen Erfahrungen und Bewertungen.

4. Wie wird in Tansania an die deutsche Kolonialzeit erinnert?

Die deutsche Kolonialherrschaft und der Maji-Maji-Krieg gehören zur tansanischen Geschichtsschreibung und werden auch in Schulen behandelt. Die Erinnerung daran ist damit Teil des gesellschaftlichen Umgangs mit der eigenen Geschichte.

Man kann die Kolonialgeschichte nicht von der Geschichte Tansanias trennen.

In Tansania werden die Folgen der Kolonialherrschaft nicht nur mit wirtschaftlicher Ausbeutung verbunden, sondern auch mit Verletzungen von Kultur und menschlicher Würde. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte soll helfen, ihre langfristigen Folgen zu verstehen und koloniale Strukturen auch in der Gegenwart zu erkennen.

5. Was bedeutet die Entschuldigung Deutschlands für Tansania?

Bei seinem Besuch in Tansania 2023 erkannte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier deutsche Verantwortung für die Verbrechen der Kolonialzeit an und bat um Verzeihung. Eine solche Anerkennung kann einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Versöhnung darstellen, weil das geschehene Unrecht nicht relativiert oder verdrängt wird.

Sich zu entschuldigen als Voraussetzung für Versöhnung, das ist eine gute Sache.

Für Tansania bedeutet die Anerkennung deutscher Schuld zugleich Wertschätzung gegenüber den Menschen, die unter der Kolonialherrschaft gelitten haben. Eine Entschuldigung beendet die Aufarbeitung jedoch nicht. Sie eröffnet vielmehr die Frage, welche konkreten Schritte daraus für Erinnerung, Wiedergutmachung und die Beziehungen beider Länder folgen.

6. Was braucht es für Versöhnung zwischen Deutschland und Tansania?

Versöhnung setzt die Anerkennung historischen Unrechts voraus, richtet sich aber zugleich auf die Zukunft. Entscheidend ist deshalb, wie Deutschland und Tansania ihre Beziehungen nach der Entschuldigung weiterentwickeln und welche gemeinsamen Maßnahmen zu Erinnerung, Heilung und Wiedergutmachung beitragen können.

Denn eines wissen wir ganz genau: Wir wollen keine Ausbeutung mehr.

Eine zukünftige Zusammenarbeit muss dabei die Erfahrungen kolonialer Herrschaft ernst nehmen. Sie kann nur glaubwürdig sein, wenn sie nicht erneut von einseitigen Interessen und Abhängigkeiten bestimmt wird. Versöhnung bedeutet damit nicht, die Vergangenheit abzuschließen oder zu vergessen. Sie verlangt Beziehungen, in denen Verantwortung übernommen wird und Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen möglich ist.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Brighton Katabaro im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Dr. Brighton Katabaro
Länge: 28 Minuten
Veröffentlichung: 20.02.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

Ähnliche Podcast-Folgen

Der EMW-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um immer informiert zu sein.