Die Macht der Auslegung - Kann Theologie rassistisch sein?
Was hat Rassismus mit Theologie zu tun? Wie biblische Texte missbraucht wurden und koloniale Denkmuster bis heute nachwirken – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Was hat die Bibel mit kolonialer Landnahme zu tun? Was ist eigentlich „Othering“? Was bedeutet es, Theologie zu dekolonisieren? Und was hat all das mit Mission zu tun? Claudia Jahnel spricht mit Host Tanja Stünckel über koloniale Denkstrukturen in Theologie und Gesellschaft, über die Kraft des „Delearning“, Blinde Flecken und die Notwendigkeit, eigene Narrative kritisch zu hinterfragen.
Wie wirken koloniale Denkweisen bis heute in Theologie, Kirche und Mission fort? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Claudia Jahnel darüber, wie biblische Texte zur Legitimation kolonialer Vorstellungen beitragen konnten und warum auch vermeintlich universale theologische Perspektiven kritisch hinterfragt werden müssen. Dabei geht es um Othering und Delearning, unterschiedliche Wissensformen und die Frage, wie eine dekoloniale Theologie entstehen kann.
Kolonialismus hat nicht nur politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen geprägt. Auch Vorstellungen davon, welches Wissen als gültig gilt, wie Menschen anderer Kulturen wahrgenommen werden und welche Theologie als maßgeblich gilt, haben eine koloniale Geschichte. Diese Prägungen zu erkennen, bedeutet nicht, bisheriges Wissen grundsätzlich abzulehnen. Es eröffnet vielmehr die Möglichkeit, die eigenen Perspektiven kritisch zu prüfen und andere Stimmen und Wissensformen ernst zu nehmen.
© Foto: EKD | Claudia Jahnel forscht und lehrt zum Thema Dekolonisierung in der Theologie.
Claudia Jahnel ist Professorin für Interkulturelle Theologie und Religionswissenschaft an der Universität Hamburg. In Forschung und Lehre beschäftigt sie sich mit postkolonialen und dekolonialen Perspektiven auf Theologie, Mission und Religion. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie Theologie durch unterschiedliche gesellschaftliche und kulturelle Kontexte geprägt wird – und welche Perspektiven in theologischer Wissenschaft und Ausbildung gehört, marginalisiert oder als allgemeingültig vorausgesetzt werden.
Theologie zu dekolonisieren bedeutet, ihre eigenen Voraussetzungen, Machtverhältnisse und überlieferten Denkmuster kritisch zu untersuchen. Dabei geht es unter anderem um die Frage, welche theologischen Perspektiven als allgemeingültig gelten und welche als „kontextuell“ oder randständig eingeordnet werden.
Es geht eher darum, die eigene Verantwortung hier und die eigene Theologie aufzuarbeiten.
Dekoloniale Theologie richtet den Blick deshalb zunächst auch auf die Theologie des Globalen Nordens. Sie fragt nach kolonial wirksamen Narrativen und danach, welche Stimmen und Wissensformen in theologischer Forschung, Lehre und Kirche bislang wenig berücksichtigt wurden. Ziel ist nicht, eine endgültig „dekolonisierte“ Theologie zu schaffen, sondern die eigenen Voraussetzungen immer wieder kritisch zu überprüfen.
Biblische Texte sind in sehr unterschiedlichen historischen Zusammenhängen entstanden und können auf unterschiedliche Weise ausgelegt werden. Einige enthalten selbst Erzählungen von Landnahme und Gewalt. Ein Beispiel ist das Buch Josua: Das verheißene Land erscheint als Ziel des Volkes Israel, obwohl dort bereits andere Menschen mit eigenen Kulturen und Religionen leben.
Die Kolonisierung der Theologie beginnt eigentlich schon in den biblischen Texten.
In kolonialen Kontexten konnten solche Erzählmuster Vorstellungen davon bestärken, fremdes Land sei verfügbar oder müsse erst erschlossen werden. Die dort lebenden Menschen und ihre Kulturen wurden dabei abgewertet oder unsichtbar gemacht. Eine dekoloniale Bibelauslegung fragt deshalb auch danach, welche Perspektiven ein Text einnimmt und welche Menschen in seiner Wahrnehmung an den Rand geraten.
Othering bezeichnet einen Prozess, bei dem Menschen oder Gruppen als grundsätzlich „anders“ wahrgenommen und von einem vermeintlichen „Wir“ abgegrenzt werden. Unterschiede werden dabei nicht lediglich beschrieben. Sie können mit Bewertungen und Hierarchien verbunden werden.
Wo verandern wir immer noch andere Kulturen und Menschen anderer Kulturen oder andere Menschengruppen?
Koloniale Denkweisen haben solche Unterscheidungen genutzt, um Menschen, Kulturen und Wissensformen abzuwerten. Othering kann aber auch heute fortwirken – etwa wenn Kulturen als klar voneinander getrennte Einheiten gedacht oder bestimmte Perspektiven als selbstverständlich und andere dauerhaft als fremd behandelt werden. Dekolonisierung bedeutet deshalb auch, solche Kategorien und die eigene Sprache immer wieder zu überprüfen.
Delearning lässt sich als kritisches Verlernen beschreiben. Gemeint ist damit nicht, bisher erworbenes Wissen abzulehnen oder beispielsweise die Werte der Aufklärung grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr geht es darum, vertraute Vorstellungen auf ihre Voraussetzungen und ihre Wirkung zu prüfen.
Delearning heißt nicht, alles schlecht zu finden, was wir mal gelernt haben.
Dazu gehört beispielsweise die Frage, warum bestimmte wissenschaftliche oder theologische Methoden lange als universell gültig betrachtet wurden, während andere als lediglich „kontextuell“ galten. Delearning macht sichtbar, dass auch die eigenen Denkweisen in bestimmten historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen entstanden sind.
Theologie entsteht nie unabhängig von Geschichte, Gesellschaft und Kultur. Dennoch wurde europäische Theologie lange häufig als allgemeingültiger Maßstab behandelt, während theologische Ansätze etwa aus Afrika, Asien oder Lateinamerika als „kontextuelle Theologien“ bezeichnet wurden.
Das zeigt sich beispielsweise bei wissenschaftlichen Methoden der Bibelauslegung. Auch die historisch-kritische Methode entstand in einem bestimmten europäischen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext. Sie als kontextuell zu verstehen, bedeutet nicht, ihren Wert zu bestreiten.
Das finde ich sehr viel bescheidener und sehr viel realistischer, als zu sagen: Das ist eine universale Methode.
Eine solche Perspektive verändert das Verhältnis unterschiedlicher theologischer Traditionen: Nicht eine vermeintlich universale Theologie steht verschiedenen lokalen Theologien gegenüber. Unterschiedliche Theologien können vielmehr als kontextuell geprägte Beiträge zu einem gemeinsamen theologischen Gespräch verstanden werden.
Mission vermittelte nicht nur christliche Glaubensinhalte, sondern auch bestimmte Vorstellungen davon, wie Wissen weitergegeben und bewahrt wird. Die europäische Theologie war stark auf Schrift und Bücher ausgerichtet. In Gesellschaften mit mündlichen Wissenstraditionen traf sie damit auf andere Formen der Wissensvermittlung, in denen Erfahrungen und Geschichten von Generation zu Generation weitergegeben wurden.
Das Wort ist etwas, was kommunikativ ist, was lebendig ist, das zwischen Menschen geschieht.
Wo Lesen und Schreiben zur Voraussetzung dafür wurden, christliche Religion und Theologie zu verstehen, konnten mündliche Wissensformen abgewertet oder verdrängt werden. Dekoloniale Theologie fragt deshalb auch danach, welches Wissen als gültig anerkannt wird und welche Formen der Weltwahrnehmung durch die eigenen wissenschaftlichen und theologischen Maßstäbe unsichtbar werden.
Dekolonisierung bleibt nicht bei der kritischen Betrachtung der Vergangenheit stehen. Sie betrifft auch die Gegenwart theologischer Forschung und Ausbildung: Welche Autor*innen werden gelesen? Welche Perspektiven gehören zum theologischen Kanon? Welche Methoden gelten als wissenschaftlich? Und wer entscheidet darüber?
Stimmen, die ungehört bleiben oder unsichtbar gemacht werden, [müssen] wir noch stärker mit hineinnehmen.
Veränderungen können deshalb bei Lehrplänen und Forschungsfragen ebenso ansetzen wie bei Kooperationen mit Wissenschaftler*innen aus anderen Kontexten. Entscheidend ist, unterschiedliche Perspektiven nicht lediglich ergänzend aufzunehmen, sondern auch die eigenen Kategorien, Methoden und Machtverhältnisse zur Diskussion zu stellen. Dekolonisierung wird damit zu einem fortlaufenden Prozess theologischer Selbstkritik und gemeinsamen Lernens.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Claudia Jahnel im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gästin: Prof. Dr. Claudia Jahnel
Länge: ca. 38 Minuten
Veröffentlichung: 01.09.2024
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