Die Macht der Auslegung - Kann Theologie rassistisch sein?

Theologie ist die Rede von Gott. Und doch wurden Bibeltexte über Jahrhunderte genutzt, um Rassismus und Sklaverei zu rechtfertigen. Wie konnte das geschehen? Welche Verantwortung tragen Kirchen und Theologie für diese Geschichte? Welche Spuren wirken bis heute nach? Und wie kann eine rassismuskritische Theologie aussehen? Darüber spricht Host Tanja Stünckel mit Alena Höfer, promovierte Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Theologischen Seminar für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie der Universität Heidelberg.

Alena Höfer bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Welche Rolle spielte Theologie bei der Entstehung und Rechtfertigung von Rassismus – und welche Verantwortung tragen Kirchen heute? Diesen Fragen geht die Podcastfolge nach. Gemeinsam mit der Theologin Alena Höfer spricht Tanja Stünckel über den Missbrauch biblischer Texte zur Legitimation von Sklaverei, Kolonialismus und rassistischen Ideologien, über koloniale Denkmuster in Kirche und Wissenschaft sowie über die Frage, wie rassismuskritische Theologie aussehen kann. Die Folge zeigt, warum die Auseinandersetzung mit Rassismus kein Randthema ist, sondern den Kern christlicher Verantwortung berührt.

Warum ist das wichtig?

Rassismus ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern hat auch die Geschichte von Kirchen und Mission geprägt. Theologische Argumente wurden über Jahrhunderte genutzt, um Sklaverei und koloniale Herrschaft zu rechtfertigen. Gleichzeitig gab und gibt es christliche Stimmen, die sich diesen Entwicklungen widersetzt haben. Im Gespräch mit Alena Höfer wird deutlich, warum diese widersprüchliche Geschichte differenziert betrachtet werden muss – und was die Auseinandersetzung mit Rassismus mit der Verantwortung von Kirche und Theologie heute zu tun hat.

Wer ist Alena Höfer?

Alena Höfer ist promovierte Theologin Alena Höfer ist promovierte Theologin

Alena Höfer ist promovierte Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie der Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Interkulturelle Theologie, Postkolonialismus und rassismuskritische Theologie. In ihrer Promotion beschäftigte sie sich mit transkultureller Theologie am Beispiel koreanisch-amerikanischer Christ*innen.

Im Podcast spricht sie über:

  • wie koloniale Denkmuster bis heute theologisches Denken prägen,
  • den Missbrauch der Bibel zur Legitimation von Rassismus,
  • Mission zwischen Kolonialismus und Widerstand,
  • rassismuskritische und postkoloniale Theologie,
  • Macht, Privilegien und unterschiedliche Perspektiven,
  • die Frage, wie Kirche heute antirassistisch handeln kann.



6 Fragen zu Rassismus, Kirche und Theologie

1. Wie wurde die Bibel zur Rechtfertigung von Sklaverei und Kolonisierung missbraucht?

Ein Beispiel ist die rassistische Auslegung der biblischen Erzählung von Noah und seinen Söhnen, die häufig als „Fluch des Noahs“ bezeichnet wurde. Über Jahrhunderte wurde sie dazu herangezogen, die Versklavung und Unterordnung afrikanischer Menschen religiös zu legitimieren. Eine solche Auslegung zeigt, wie biblische Texte in gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnissen für Zwecke instrumentalisiert werden können, die über ihren ursprünglichen Kontext hinausgehen.

Das ist ein Beispiel für einen ganz klaren Missbrauch der Bibel, um Kolonialherrschaft zu legitimieren.

2. Was hat Theologie mit Rassismus zu tun?

Theologie entsteht nicht unabhängig von ihrem gesellschaftlichen und historischen Umfeld. Wer von Gott spricht und biblische Texte auslegt, bringt auch eigene Erfahrungen, kulturelle Prägungen und gesellschaftliche Vorstellungen mit. Deshalb können sich rassistische Denkweisen auch in theologischen Traditionen und Interpretationen niederschlagen.

Die Rede von Gott ist immer auch menschliche Rede.

Das bedeutet nicht, Theologie grundsätzlich unter Rassismusverdacht zu stellen. Es macht aber notwendig zu fragen, unter welchen historischen Bedingungen theologische Aussagen entstanden sind, welche Perspektiven sie prägen und welche Menschen darin möglicherweise nicht mitgedacht werden.

3. Welche Rolle spielten Mission und Kolonialismus?

Mission und Kolonialismus waren historisch vielfach miteinander verflochten, lassen sich aber nicht gleichsetzen. Missionar*innen bewegten sich teilweise innerhalb kolonialer Strukturen und profitierten von ihnen. Zugleich gab es auch Kritik und Widerstand gegen koloniale Herrschaft. Eine differenzierte Betrachtung muss deshalb sowohl Verstrickungen als auch Gegenpositionen wahrnehmen.

Das ist ein Spannungsverhältnis zwischen Kooperation und Widerstand.

Gerade dieses Spannungsverhältnis ist für die heutige Auseinandersetzung mit Missionsgeschichte wichtig: Weder eine pauschale Gleichsetzung von Mission und Kolonialismus noch eine Ausblendung kolonialer Verflechtungen wird ihrer Geschichte gerecht.

4. Warum wirken koloniale Denkmuster bis heute nach?

Koloniale Herrschaft ist historisch beendet, koloniale Wissensordnungen und Vorstellungen können jedoch fortbestehen. Das zeigt sich beispielsweise darin, welches Wissen als maßgeblich gilt, welche Theolog*innen gelesen und gelehrt werden und wessen Erfahrungen in Kirche und Wissenschaft Gehör finden.

Die Frage der Wahrnehmung ist letztlich auch eine Machtfrage.

Wer wahrgenommen wird und wer übersehen wird, ist deshalb nicht nur eine Frage individueller Aufmerksamkeit. Es berührt auch Strukturen von Macht und Privilegierung. Die Auseinandersetzung mit kolonialen Denkmustern fragt danach, wie solche Strukturen entstanden sind und wie sie gegenwärtiges theologisches Denken weiterhin beeinflussen.

5. Was bedeutet rassismuskritische Theologie?

Rassismuskritische Theologie untersucht, wie rassistische Denkmuster theologisches Denken geprägt haben und bis heute prägen können. Sie fragt danach, welche Perspektiven in Theologie und Kirche selbstverständlich im Mittelpunkt stehen, welche Stimmen fehlen und wie die eigene gesellschaftliche Position die Wahrnehmung beeinflusst.

Es braucht Kontakt. Es braucht die Begegnung.

Rassismuskritisches theologisches Arbeiten bedeutet deshalb auch, die eigene Perspektive und bestehende Machtverhältnisse zu reflektieren und unterschiedliche Lebensrealitäten ernst zu nehmen. Dafür ist der Austausch mit Menschen wichtig, deren Erfahrungen und Perspektiven sich von den eigenen unterscheiden. Begegnung ist dabei mehr als persönliche Offenheit. Sie kann dazu beitragen, blinde Flecken im eigenen Denken zu erkennen und Theologie aus unterschiedlichen Perspektiven heraus zu betreiben.

6. Warum fällt die Auseinandersetzung mit Rassismus in Kirchen schwer?

Die Auseinandersetzung mit eigenen rassistischen und kolonialen Verstrickungen berührt Fragen von Verantwortung, Schuld und Selbstverständnis. In vielen kirchlichen und theologischen Zusammenhängen begann diese Aufarbeitung erst spät.

Das Thema ist schmerzhaft. Es ist häufig mit Scham und Schuld verbunden.

Hinzu kommt, dass fehlende Vielfalt in Institutionen dazu führen kann, dass bestimmte Erfahrungen und Perspektiven wenig wahrgenommen werden.

Die Antworten dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Alena Höfer im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gästin: Dr. Alena Höfer
Länge: 30 Minuten
Veröffentlichung: 20. August 2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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