Eine Frage des Gewissens: Die Kirche und der neue Wehrdienst

Ein Brief, ein QR-Code, ein paar Klicks – und plötzlich wird aus einer politischen Debatte eine persönliche Gewissensfrage. Seit Anfang Februar bekommen viele junge Menschen Post von der Bundeswehr. Was macht das mit jungen Menschen, wenn militärische Fragen nicht mehr nur im Nachrichtenfeed auftauchen, sondern das eigene Leben betreffen? Welche Rolle spielt dabei die Kirche: moralische Instanz, Beratungsstelle oder kritische Begleiterin? Und was heißt es heute überhaupt, Verantwortung zu übernehmen – mit oder ohne Uniform? Über Kriegsdienstverweigerung, Gewissensbildung und warum Friedensfragen nie nur theoretisch sind spricht Host Tanja Stünckel mit Gregor Rehm, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in der Pfalz.

Gregor Rehm bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Wie treffen Menschen eine verantwortungsvolle Entscheidung für oder gegen den Dienst mit der Waffe? Gregor Rehm spricht über Kriegsdienstverweigerung, persönliche Gewissensentscheidungen und christliche Friedensethik. Im Mittelpunkt der Podcastfolge steht die Frage, welche Orientierung Kirche geben kann, ohne Menschen die Entscheidung über Wehrdienst oder Kriegsdienstverweigerung abzunehmen.

Warum ist das wichtig?

Debatten über Wehrpflicht und Verteidigungsfähigkeit rücken auch die persönliche Haltung zu militärischer Gewalt wieder stärker in den Fokus. Die Entscheidung für oder gegen den Dienst mit der Waffe berührt grundlegende Fragen nach Frieden, Sicherheit und Verantwortung. Gerade weil unterschiedliche ethisch begründete Entscheidungen möglich sind, sind Gewissensbildung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung von besonderer Bedeutung.

Wer ist Gregor Rehm?

Gregor Rehm ist Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche der Pfalz . © Foto: Donath Rehm | Gregor Rehm ist Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche der Pfalz .

Gregor Rehm ist Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche der Pfalz und Mitglied im Bundesvorstand der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK). Er begleitet Menschen bei Fragen rund um Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit christlicher Friedensethik und kirchlicher Friedensarbeit.

Im Podcast spricht er über:

  • Kriegsdienstverweigerung als persönliche Gewissensentscheidung,
  • christliche Friedensethik in Zeiten internationaler Konflikte,
  • die Beratung junger Menschen zu Wehrdienst und Wehrpflicht,
  • die Verantwortung der Kirche in Friedensfragen,
  • zivile Möglichkeiten, sich für Frieden einzusetzen.



5 Fragen zu Kriegsdienstverweigerung und christlicher Friedensethik

1. Was bedeutet Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen?

Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen bezeichnet die Ablehnung des Kriegsdienstes mit der Waffe aufgrund einer persönlichen Gewissensentscheidung. In Deutschland ist das Recht, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen zu verweigern, in Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes geschützt.

Diese Frage bleibt letztendlich eine Gewissensfrage.

Eine Gewissensentscheidung verlangt eine persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung: Welche Erfahrungen und Überzeugungen prägen mich? Warum halte ich den Dienst mit der Waffe für mit meinem Gewissen vereinbar – oder für unvereinbar? Diese Auseinandersetzung kann begleitet und reflektiert werden. Die Entscheidung selbst muss jede Person für sich treffen.

2. Wie kann Beratung bei der Entscheidung für oder gegen den Dienst mit der Waffe helfen?

Kirchliche Beratung kann Menschen dabei unterstützen, aus einem zunächst diffusen Gefühl eine begründete eigene Haltung zu entwickeln. Dabei geht es darum, persönliche Erfahrungen, Überzeugungen und Gewissensgründe zu reflektieren. Auch die Arbeit an der Begründung einer Kriegsdienstverweigerung kann helfen zu klären, worauf die eigene Entscheidung tatsächlich beruht.

Am Ende muss jede Person natürlich und selbstredend selber entscheiden: Was ist denn mein Weg?

Entscheidend ist, dass eine solche Beratung ergebnisoffen bleibt. Sie soll weder zur Kriegsdienstverweigerung noch zum Wehrdienst drängen, sondern Menschen dazu befähigen, eine Entscheidung zu treffen, die sie selbst verantworten können.

3. Was bedeutet christliche Friedensethik?

Christliche Friedensethik fragt danach, wie Menschen und Gesellschaften verantwortlich für Frieden handeln können. Gewaltfreiheit und die Suche nach anderen Wegen als Gegengewalt spielen dabei eine zentrale Rolle. Zugleich muss Friedensethik die Frage ernst nehmen, wie Menschen vor Gewalt geschützt werden können und welche Verantwortung aus diesem Schutzauftrag entsteht.

Es geht jetzt auch wieder genau darum hinzuschauen: Was kommt eigentlich vor der Ultima Ratio?

Friedensethische Orientierung erschöpft sich deshalb nicht in der Entscheidung für oder gegen militärische Gewalt. Sie fragt auch danach, wie Konflikte verhindert, gewaltfrei bearbeitet und Voraussetzungen für Frieden geschaffen werden können. Die Beschäftigung mit militärischer Gewalt als äußerstem Mittel darf den Blick auf diese Handlungsmöglichkeiten nicht verdrängen.

4. Welche Verantwortung trägt jede*r Einzelne für den Frieden?

Friedensverantwortung erschöpft sich nicht in der Entscheidung für oder gegen den Wehrdienst. Auch jenseits des Militärdienstes gibt es Möglichkeiten, Verantwortung für Frieden zu übernehmen – etwa durch gesellschaftliches Engagement, zivile Konfliktbearbeitung oder internationale Solidarität.

Verantwortung liegt jenseits von Militärdienst.

Entscheidend ist deshalb nicht nur die Frage, ob jemand bereit ist, im Ernstfall militärisch zu handeln. Ebenso wichtig ist, was Menschen im Alltag und in der Gesellschaft dazu beitragen können, dass Konflikte möglichst gar nicht erst gewaltsam eskalieren und friedliche Lösungen möglich bleiben.

5. Bedeutet Gewaltfreiheit, auf Widerstand zu verzichten?

Gewaltfreiheit bedeutet nicht, Gewalt oder Unterdrückung passiv hinzunehmen. Sie sucht nach Möglichkeiten, sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen, ohne selbst Gegengewalt anzuwenden. Gewaltfreier Widerstand kann damit eine aktive Form sein, Konflikten und Gewalt entgegenzutreten.

Mich fasziniert daran, in Situationen andere Wege zu finden als Gegengewalt.

Für die christliche Friedensethik stellt sich deshalb die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten jenseits von Gewalt und Gegengewalt bestehen. Dazu können unterschiedliche Formen des Protests, des zivilen Widerstands und der gewaltfreien Konfliktbearbeitung gehören.

Die Antworten dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Gregor Rehm im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Gregor Rehm
Länge: 36 Minuten
Veröffentlichung: 19.03.2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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