Macht, Migration, Miteinander: Wie kann interkulturelle Kirche gelingen?
Warum interkulturelle Öffnung mehr ist als ein gutes Konzept – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Das Mittelmeer gehört zu den gefährlichsten Fluchtrouten der Welt. Jedes Jahr ertrinken tausende Menschen bei dem Versuch, Europa zu erreichen. Zivile Seenotrettung springt dort ein, wo staatliche Hilfe versagt. Oder ist es sogar eher so, dass staatliche Hilfe versagt wird? Mit welchen Hürden hat die zivile Seenotrettung zu kämpfen? Wie ist es, an Bord eines Rettungsschiffes dabei zu sein? Und was hat all das mit Mission zu tun? Darüber spricht Annika Schlingheider, die bereits mehrfach mit Rettungsschiffen auf dem Mittelmeer unterwegs war und Vereinsmitglied bei der zivilen Seenotrettungsorganisation United4Rescue ist, mit Host Tanja Stünckel.
Warum braucht es zivile Seenotrettung auf dem Mittelmeer – und unter welchen Bedingungen arbeitet sie? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Annika Schlingheider über die rechtliche Pflicht zur Seenotrettung, politische Behinderungen ziviler Rettungsschiffe und den Ablauf eines Rettungseinsatzes. Dabei geht es auch um die Menschen auf der Flucht und die Frage, welche Verantwortung Staaten, Zivilgesellschaft und Kirchen tragen.
Über Flucht über das Mittelmeer und zivile Seenotrettung wird viel gesprochen – meist in Zahlen, politischen Debatten und Nachrichten über Bootsunglücke. Annika Schlingheider kennt eine andere Perspektive: Sie war selbst mehrfach auf Rettungsschiffen im Einsatz und hat Menschen nach ihrer Rettung begleitet. Im Podcast erzählt sie, was in solchen Situationen tatsächlich geschieht, wie es den Menschen nach ihrer Rettung ergeht und was es für die Crew bedeutet, helfen zu können – oder daran gehindert zu werden. So wird hinter einer oft abstrakt geführten Debatte sichtbar, was Seenotrettung ganz konkret für Menschen bedeutet.
© Foto: Lizzie Gilson | Annika Schlingheider engagiert sich im Verein United4Rescue.
Annika Schlingheider engagiert sich beruflich und ehrenamtlich für geflüchtete Menschen und ist Vereinsmitglied bei United4Rescue, einem Bündnis zur Unterstützung der zivilen Seenotrettung. Zuvor arbeitete sie unter anderem für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen in Italien.
Mehrfach war Schlingheider selbst auf Rettungsschiffen im Mittelmeer im Einsatz. 2023 arbeitete sie für Ärzte ohne Grenzen an Bord eines Rettungsschiffes, 2024 ehrenamtlich auf der Humanity 1. Als Protection Officer war sie dort insbesondere für den Schutz und die Betreuung der geretteten Menschen zuständig.
Zivile Seenotrettungsorganisationen sind im Mittelmeer im Einsatz, weil Menschen auf der Flucht in seeuntauglichen und häufig überfüllten Booten in Lebensgefahr geraten. Organisationen wie United4Rescue unterstützen Rettungsschiffe, die nach solchen Booten suchen und Menschen aus Seenot aufnehmen.
Seenotrettung ist dabei nicht allein eine freiwillige humanitäre Hilfe. Das internationale Seerecht verpflichtet Schiffe grundsätzlich dazu, Menschen in Seenot Hilfe zu leisten, sofern dadurch das eigene Schiff und seine Besatzung nicht gefährdet werden.
Menschen auf dem Mittelmeer zu retten, ist kein Akt der Barmherzigkeit, sondern die Erfüllung einer rechtlichen Verpflichtung.
Zivile Organisationen übernehmen damit eine Aufgabe, für die sie zugleich eine staatliche Verantwortung sehen. Ihr langfristiges Ziel ist deshalb nicht, staatliche Seenotrettung dauerhaft zu ersetzen, sondern dass Menschen durch eine europäisch koordinierte Rettung und sichere Fluchtwege gar nicht erst ungeschützt in Lebensgefahr geraten.
Zivile Rettungsschiffe arbeiten nicht unter denselben Bedingungen wie andere Schiffe im Mittelmeer. In Italien wurden in den vergangenen Jahren Regelungen eingeführt, die ihre Einsätze einschränken. Nach einer Rettung können ihnen beispielsweise weit entfernte Häfen zugewiesen werden. Dadurch verbringen die Schiffe mehrere Tage mit der Fahrt zur Ausschiffung und zurück ins Einsatzgebiet.
Weitere Einschränkungen betreffen zusätzliche Rettungen. Widersetzt sich ein Schiff entsprechenden Anordnungen, kann es zeitweise festgesetzt und damit daran gehindert werden, nach weiteren Menschen in Seenot zu suchen.
Und alleine das zu wissen, dass während wir unrechtmäßig festgesetzt waren, Menschen ertrunken sind und wir mit einer vollständigen Crew einem funktionstüchtigen Schiff hätten im Einsatz sein können, ist wirklich schrecklich.
Schlingheider erlebte eine solche Festsetzung 2024 selbst. Ein lokales Gericht hob sie nach 14 Tagen auf. Während das Schiff im Hafen lag, wurde über Todesfälle im Mittelmeer berichtet. Ob das Schiff diese Menschen hätte retten können, lässt sich nicht sagen – es hätte jedoch für Rettungseinsätze zur Verfügung stehen können. Seenotrettungsorganisationen sprechen angesichts solcher Einschränkungen von einer Kriminalisierung ihrer Arbeit.
Rettungsschiffe können auf unterschiedliche Weise von einem Seenotfall erfahren: Die Crew entdeckt ein Boot bei der Beobachtung des Horizonts, erhält Koordinaten über das Alarmphone oder wird von einer staatlichen Seenotrettungsleitstelle informiert.
Sobald ein Notfall bekannt ist, beginnt ein festgelegter Ablauf. Die Crew nimmt ihre vorgesehenen Positionen ein, Beiboote werden zu Wasser gelassen und nähern sich dem Boot in Seenot. Wenn die Situation es zulässt, werden zunächst Rettungswesten verteilt.
Ich habe keinen Fall erlebt, wo irgendwer auf den Booten, die wir gefunden haben, Rettungswesten hatte.
Die Rettungswesten sind besonders wichtig, weil viele Menschen nicht schwimmen können oder bereits geschwächt sind. Bei Dunkelheit und hohem Wellengang können Menschen, die ins Wasser fallen, zudem sehr schnell aus dem Blick geraten. Anschließend bringen die Beiboote die Geretteten zum größeren Rettungsschiff.
Nach der Aufnahme an Bord wird zunächst geprüft, wer dringend medizinische Hilfe benötigt. Anschließend werden die Geretteten registriert, damit die Crew unter anderem weiß, wie viele Minderjährige, alleinreisende Frauen oder andere besonders schutzbedürftige Menschen an Bord sind.
Viele Menschen sind nach Tagen auf See dehydriert, erschöpft oder verletzt. Sie erhalten Wasser, trockene Kleidung und Möglichkeiten, sich zu waschen. Besonders gefährlich kann ausgelaufenes Benzin sein, das sich mit Salzwasser vermischt und schwere Verletzungen der Haut verursachen kann.
Die meisten brauchen, nachdem sie sich, wenn sie konnten, umgezogen haben, erstmal Ruhe und schlafen ein.
Nach einer oft langen Flucht können auch alltägliche Dinge eine besondere Bedeutung bekommen. Dazu gehören saubere und trockene Kleidung, Körperpflege oder das Zähneputzen. Sie stehen für die Rückkehr zu grundlegenden Bedürfnissen und einem Mindestmaß an Sicherheit und Normalität.
Die Gründe für eine Flucht sind unterschiedlich. Menschen fliehen vor Gewalt und Terror, verlieren ihre Lebensgrundlagen oder sehen für sich und ihre Familien keine Perspektive mehr. Die Flucht beginnt dabei häufig lange vor der Überfahrt über das Mittelmeer.
Das Elend an Land war für sie größer als die Angst zu ertrinken.
Warum ein Mensch ein Boot besteigt, lässt sich deshalb nicht auf einen einzelnen Fluchtgrund reduzieren. Hinter den Zahlen zu Flucht und Seenot stehen individuelle Biografien und Entscheidungen unter Bedingungen, in denen sichere Alternativen fehlen können.
Menschen in akuter Not zu helfen, gehört zum christlichen Verständnis von Nächstenliebe. Für Annika Schlingheider ist Seenotrettung deshalb nicht nur eine rechtliche Verpflichtung, sondern auch Ausdruck ihrer christlichen Überzeugung.
Es ist meine Überzeugung, dass die Menschlichkeit genauso wie die christliche Nächstenliebe, also auch meine christliche Überzeugung, ganz klar gebietet, dass wir versuchen Menschen in Seenot zu retten.
Kirchliches Engagement spielte bei der Entstehung von United4Rescue eine wichtige Rolle. Einen entscheidenden Impuls gab der Deutsche Evangelische Kirchentag 2019. Aus der Forderung, dem Sterben im Mittelmeer nicht tatenlos zuzusehen und ein Rettungsschiff zu schicken, entstand ein breites gesellschaftliches Bündnis zur Unterstützung der zivilen Seenotrettung.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Annika Schlingheider im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Annika Schlingheider
Länge: 32 Minuten
Veröffentlichung: 20.02.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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