Finnland: Zwischen Friedenswunsch und Kampfbereitschaft

Finnland gilt als das wehrhafteste und am besten auf militärische Konflikte vorbereitete Land Europas. Gleichzeitig sind etwa 60 Prozent der Finn*innen überzeugte Christ*innen. Wie geht das zusammen? Wie reagierten Bevölkerung und Kirche auf den NATO-Beitritt? Wie verändert eine militärische Bedrohung Friedensbegriff, Kirche und Theologie? Und was hat Mission mit alldem zu tun? Darüber spricht Host Tanja Stünckel mit Jukka Helin, früherer Militärseelsorger und Propst der Evangelischen Kirche Finnlands.

Jukka Helin bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Finnlands Verhältnis zu Frieden und militärischer Verteidigung steht im Mittelpunkt dieser Podcastfolge. Jukka Helin, früherer Militärseelsorger und Propst der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands, erklärt, wie historische Erfahrungen und die lange Grenze zu Russland das finnische Sicherheitsverständnis prägen. Dabei geht es um den NATO-Beitritt, gesellschaftliche Krisenvorsorge und die Frage, welche Rolle die Kirche zwischen Friedensauftrag und Verteidigungsbereitschaft einnimmt.

Warum ist das wichtig?

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Sicherheitsordnung in Nordeuropa grundlegend verändert. Finnland gab seine militärische Bündnisfreiheit auf und trat 2023 der NATO bei. Zugleich zeigt das finnische Beispiel, dass Sicherheit nicht allein als militärische Aufgabe verstanden werden muss: Staat, Wirtschaft und Bevölkerung werden in die Krisenvorsorge einbezogen. Für Kirchen stellt sich damit eine grundlegende friedensethische Frage: Wie lässt sich am Ziel des Friedens festhalten, wenn zugleich die Bereitschaft zur militärischen Verteidigung als notwendig angesehen wird?

Wer ist Jukka Helin?

Jukka Helin war früher Militärseelsorger © Foto: privat | Jukka Helin war früher Militärseelsorger

Jukka Helin ist Theologe und arbeitet im Bistum Lapua der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands zu Fragen von Mission, kirchlicher Leitung und zwischenkirchlichen Beziehungen. Zuvor war er unter anderem als Pfarrer in Finnland und Norwegen sowie als Militärseelsorger tätig. Seine Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen kirchlicher Arbeit verbinden sich damit mit Fragen von Frieden, Sicherheit und militärischer Verantwortung.

Im Podcast spricht Jukka Helin über:

  • Finnlands Verhältnis zu Russland und historische Erfahrungen mit Krieg
  • den hohen Verteidigungswillen der finnischen Bevölkerung
  • umfassende Sicherheit und gesellschaftliche Krisenvorsorge
  • Finnlands NATO-Beitritt nach dem russischen Angriff auf die Ukraine
  • Frieden und militärische Verteidigung aus christlicher Perspektive
  • Friedensarbeit, Seelsorge und Hoffnung als Aufgaben der Kirche



5 Fragen zu Frieden, Verteidigung und Kirche in Finnland

1. Warum ist die Verteidigungsbereitschaft in Finnland so hoch?

Finnlands Sicherheitsverständnis ist stark von seiner geografischen Lage, seiner im Vergleich geringen Größe und den historischen Erfahrungen mit Russland geprägt. Beide Länder teilen eine mehr als 1.300 Kilometer lange Grenze. Kriege und Erfahrungen militärischer Bedrohung haben sich tief in das gesellschaftliche Gedächtnis eingeschrieben.

Unsere geringe Größe bedeutet aber nicht, dass wir im Falle einer Bedrohung die Hände heben würden.

Hohe Verteidigungsbereitschaft ist in Finnland eng mit der Vorstellung verbunden, die politische Unabhängigkeit, die eigene Gesellschaft und grundlegende Werte im Ernstfall schützen zu können.

2. Was bedeutet umfassende Sicherheit in Finnland?

Umfassende Sicherheit bedeutet, dass die Vorbereitung auf Krisen als Aufgabe der gesamten Gesellschaft verstanden wird. Verantwortung tragen nicht allein Militär und Sicherheitsbehörden, sondern auch staatliche Institutionen, Unternehmen, Organisationen und die Bevölkerung.

Bereitschaft ist ein großes Wort hier, ein wichtiges Wort.

Dazu gehören militärische Verteidigungsfähigkeit ebenso wie Katastrophenvorsorge, Versorgungssicherheit und private Vorsorge. Haushalte sollen beispielsweise in der Lage sein, mindestens 72 Stunden ohne externe Hilfe auszukommen. Ziel ist eine Gesellschaft, die auch in außergewöhnlichen Situationen handlungsfähig bleibt und besonders gefährdete Menschen unterstützen kann.

3. Warum trat Finnland 2023 der NATO bei?

Über Jahrzehnte setzte Finnland auf eine eigenständige Verteidigungspolitik außerhalb der NATO und hielt zugleich eine starke militärische Verteidigungsfähigkeit aufrecht. Der russische Großangriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 veränderte die sicherheitspolitische Lage und die öffentliche Haltung zur NATO-Mitgliedschaft grundlegend.

Der russische Angriff auf die Ukraine veränderte die Meinung unserer Bevölkerung zur Mitgliedschaft praktisch innerhalb eines Tages.

Finnland beantragte daraufhin die Aufnahme in das Bündnis und wurde am 4. April 2023 dessen 31. Mitglied. Der NATO-Beitritt ergänzte damit die eigene Verteidigungsfähigkeit um die gemeinsame Verteidigung innerhalb des Bündnisses.

4. Widersprechen sich Friedenswunsch und militärische Verteidigungsbereitschaft?

Friedenswunsch und Verteidigungsbereitschaft müssen sich nicht grundsätzlich ausschließen. Militärische Verteidigung kann dem Schutz von Menschen und dem Ziel dienen, größere Gewalt zu verhindern. Entscheidend bleibt dabei, möglichst schnell zu einem gerechten und dauerhaften Frieden zu gelangen.

Die Aufgabe der Verteidigung besteht darin, größere Gewalt zu verhindern. Und es ist von größter Wichtigkeit, so schnell wie möglich einen gerechten und dauerhaften Frieden anzustreben.

Damit bleibt Frieden das Ziel. Militärische Mittel erhalten keinen eigenen Wert, sondern werden als Mittel zur Verteidigung verstanden.

5. Welche Aufgabe hat die Kirche in einer von militärischer Bedrohung geprägten Gesellschaft?

Der Auftrag der Kirche verändert sich durch eine militärische Bedrohung nicht grundsätzlich. Verkündigung, Nächstenliebe und die Begleitung von Menschen bleiben zentrale Aufgaben. In Krisenzeiten gewinnen Hoffnung, Seelsorge und die Unterstützung besonders gefährdeter Menschen zusätzlich an Bedeutung.

Die Kirche verkündet die Botschaft eines liebenden Gottes und lebt die Nächstenliebe. In Krisenzeiten umfasst diese Mission auch die Betonung von Hoffnung und einer besseren Zukunft sowie die Sorge um die Schwächsten.

Friedensarbeit beginnt dabei nicht erst bei internationalen Konflikten. Sie umfasst auch das friedliche Zusammenleben im Alltag, die Entschärfung von Konflikten, den Dialog zwischen Konfessionen und konkrete soziale Unterstützung.

Die Antworten dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Jukka Helin im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Jukka Helin
Länge: 27 Minuten
Veröffentlichung: 18.12.2025
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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