Flucht ohne Gefahr – Gibt es legale Wege nach Europa?

Es gibt keine legalen Einwanderungswege nach Europa. Oder doch? Das Projekt der Humanitären Korridore, das 2016 ins Leben gerufen wurde, ist eine der wenigen Möglichkeiten für Geflüchtete, legal nach Europa einzuwandern. Was genau ist das? Wie funktioniert es? Und was hat Mission mit all dem zu tun? Darüber spricht Cecilia Pani, Projektleiterin Humanitäre Korridore Äthiopien bei Sant’Egidio, Italien, mit Host Tanja Stünckel.

Cecilia Pani bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Wie können Geflüchtete sicher und legal nach Europa gelangen? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Cecilia Pani über das Projekt der Humanitären Korridore, das besonders schutzbedürftigen Geflüchteten eine Einreise mit dem Flugzeug ermöglicht. Dabei geht es um Auswahl und Aufnahme, die Zusammenarbeit von Kirchen, Staat und Zivilgesellschaft sowie die Begleitung der Menschen nach ihrer Ankunft.

Warum ist das wichtig?

Für Menschen auf der Flucht gibt es nur wenige Möglichkeiten, sicher und legal nach Europa einzureisen. Wer Schutz sucht, ist deshalb häufig auf gefährliche Fluchtrouten angewiesen. Die Podcastfolge zeigt am konkreten Beispiel der Humanitären Korridore, wie eine Alternative aussehen kann – und was nötig ist, damit aus einer sicheren Einreise auch die Chance auf ein selbstständiges Leben entsteht.

Wer ist Cecilia Pani?

Cecilia Pani leitet bei Sant’Egidio in Italien das Projekt Humanitäre Korridore Äthiopien. © Foto: Sant'Egidio | Cecilia Pani leitet bei Sant’Egidio in Italien das Projekt Humanitäre Korridore Äthiopien.

Cecilia Pani leitet bei der christlichen Gemeinschaft Sant’Egidio in Italien das Projekt Humanitäre Korridore Äthiopien. Sie begleitet damit ein Programm, das Geflüchteten aus afrikanischen Ländern einen sicheren und legalen Weg nach Europa eröffnet.

Sant’Egidio engagiert sich seit den 1980er Jahren für Migrant*innen und Geflüchtete. Bei den Humanitären Korridoren arbeitet die Gemeinschaft mit Kirchen, staatlichen Stellen und weiteren Organisationen zusammen. Pani ist dabei sowohl mit der Auswahl und Vorbereitung von Geflüchteten als auch mit den Strukturen ihrer Aufnahme und Begleitung befasst.

Im Podcast spricht Cecilia Pani über:

  • sichere und legale Wege für Geflüchtete nach Europa
  • Entstehung und Ablauf der Humanitären Korridore
  • Auswahl und besondere Schutzbedürftigkeit
  • kirchliche und staatliche Zusammenarbeit
  • Aufnahme und Begleitung im Zielland
  • die Rolle der Zivilgesellschaft



6 Fragen zu Humanitären Korridoren

1. Was sind Humanitäre Korridore?

Humanitäre Korridore ermöglichen besonders schutzbedürftigen Geflüchteten eine sichere und legale Einreise nach Europa. Die Menschen erhalten ein Visum, reisen mit dem Flugzeug ein und werden von der Vorbereitung ihrer Reise bis zur Aufnahme am Zielort begleitet. Neben Italien gibt es Humanitäre Korridore auch in Frankreich und Belgien.

Warum muss das Recht auf Asyl so gefährlich sein? Man kann es quasi nur in Anspruch nehmen, wenn man dafür sein eigenes Leben aufs Spiel setzt.

Entstanden ist die Idee nach schweren Bootsunglücken im Mittelmeer. Sie sollte eine Alternative zu gefährlichen Fluchtrouten schaffen. Tausende Menschen konnten nach Angaben von Sant’Egidio bereits über Humanitäre Korridore sicher nach Europa gelangen.

2. Wer kann über Humanitäre Korridore nach Europa kommen?

Das Programm richtet sich an Menschen, die bereits aus ihrem Herkunftsland geflohen sind und in einem anderen Staat als Geflüchtete leben. Bei der Auswahl spielt insbesondere ihre Schutzbedürftigkeit eine Rolle. Zusätzlich wird berücksichtigt, ob eine besondere kulturelle oder familiäre Verbundenheit zum möglichen Zielland besteht.

Wenn es eine Verbindung gibt, vielleicht eine Person, die auf mich wartet und mich begleitet, ist der Weg in die Autonomie viel einfacher.

Solche Beziehungen können die Orientierung nach der Ankunft erleichtern und den Weg in ein selbstständiges Leben unterstützen. Die Auswahl berücksichtigt damit nicht nur die Situation vor der Einreise, sondern auch die Voraussetzungen dafür, nach der Ankunft im Zielland Fuß zu fassen.

3. Wie funktioniert ein Humanitärer Korridor?

Die Auswahl und Vorbereitung dauert mehrere Monate. Mitarbeitende der beteiligten Organisationen führen mehrere persönliche Gespräche mit potenziellen Teilnehmer*innen und besuchen sie nach Möglichkeit auch dort, wo sie leben. Anschließend werden gemeinsam mit Behörden und Botschaften die notwendigen Dokumente und Visa organisiert.

Unserer Erfahrung nach braucht man mindestens drei Gespräche mit den potenziellen Kandidat*innen, um besser die Situation der Menschen zu verstehen.

Nach der Auswahl begleitet das Programm die Menschen weiter: bei der Vorbereitung, während der Flugreise und nach ihrer Ankunft in Europa. Der Humanitäre Korridor bezeichnet deshalb nicht nur einen sicheren Reiseweg, sondern verbindet die legale Einreise mit einer vorbereiteten Aufnahme und längerfristigen Begleitung.

4. Welche Rolle spielen Kirchen und christliche Organisationen?

Die Humanitären Korridore entstanden aus einem christlich motivierten Engagement für Menschen auf der Flucht. Nach dem schweren Bootsunglück vor Lampedusa 2013 kamen Mitglieder von Sant’Egidio und Vertreter*innen evangelischer Kirchen mit Überlebenden zusammen. Daraus entwickelte sich die Initiative für einen sicheren Einreiseweg.

Wir müssen als Christ*innen etwas tun. Das Leben ist das Wichtigste, was ein Mensch hat, man darf Menschen nicht so sterben lassen.

Heute arbeiten dabei unterschiedliche christliche Akteure zusammen. Je nach Abkommen gehören dazu Sant’Egidio, evangelische Kirchen, die Waldenserkirche, die italienische Bischofskonferenz und weitere Organisationen. Sie kooperieren zugleich mit staatlichen Stellen und internationalen Hilfsorganisationen.

5. Was geschieht nach der Ankunft in Europa?

Im italienischen Programm endet die Begleitung nicht mit der Einreise. Geflüchtete werden im ersten Jahr finanziell unterstützt und beim Aufbau eines selbstständigen Lebens begleitet. Dazu gehören Spracherwerb, der Zugang zum Arbeitsmarkt sowie Möglichkeiten für Ausbildung oder Studium. In Italien können Geflüchtete bereits zwei Monate nach Eröffnung des Asylverfahrens eine Arbeit aufnehmen.

Nach ein paar Jahren sind die meisten unabhängig und arbeiten.

Viele beginnen zunächst mit einfachen Tätigkeiten und entwickeln anschließend weitere berufliche Perspektiven. Ziel der Begleitung ist damit nicht eine dauerhafte Abhängigkeit von Unterstützung, sondern der Weg in ein zunehmend selbstständiges Leben.

6. Welche Rolle spielt die Zivilgesellschaft bei Humanitären Korridoren?

Humanitäre Korridore sind auch auf das Engagement von Menschen und Organisationen im Zielland angewiesen. Sie stellen beispielsweise Wohnraum zur Verfügung, geben Sprachunterricht, unterstützen finanziell oder begleiten Geflüchtete im Alltag.

In diesen Momenten zeigt sich die Zivilgesellschaft von ihrer besten Seite.

Diese Begegnungen sollen nicht nur den neu angekommenen Menschen helfen, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Sie können auch den Blick auf Migration verändern: Wo Menschen einander persönlich kennenlernen und Verantwortung füreinander übernehmen, treten individuelle Lebensgeschichten an die Stelle pauschaler Bilder über Geflüchtete.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Cecilia Pani im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Cecilia Pani
Länge: 31 Minuten
Veröffentlichung: 18.12.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

Ähnliche Podcast-Folgen

Der EMW-Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um immer informiert zu sein.