Die Macht der Auslegung - Kann Theologie rassistisch sein?
Was hat Rassismus mit Theologie zu tun? Wie biblische Texte missbraucht wurden und koloniale Denkmuster bis heute nachwirken – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Überall auf der Welt kämpfen Frauen um Gleichberechtigung. Die Erfolge, die sie erlangen, gehen meist mit Dekolonisierungsprozessen einher. In Deutschland aber auch anderswo auf der Welt wie etwa Asien oder Afrika. An vielen Orten herrscht formal gesehen Gleichberechtigung und doch stoßen Frauen überall auf der Welt immer noch an eine gläserne Decke und nicht nur das. Was ist eine gläserne Klippe, was ist die Rolle von Frauen in Dekolonisationsprozessen und was ist Dekolonisation überhaupt? Darüber spricht Thea Hummel, Diversity and Inclusion Coordinator bei der Vereinten Evangelischen Mission, mit Host Tanja Stünckel.
Was haben Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit mit Dekolonisierung zu tun? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Thea Hummel über die oft übersehene Rolle von Frauen in Kirche und Gesellschaft, koloniale Vorstellungen von Überlegenheit und fortbestehende Machtstrukturen. Dabei geht es auch um gläserne Decken und Klippen, internationale Frauennetzwerke und die Frage, warum formale Gleichberechtigung allein nicht genügt.
Frauen haben vielfach gesellschaftliche, kirchliche und politische Veränderungen weltweit mitgestaltet, ohne entsprechend an Macht und Entscheidungen beteiligt zu sein. Diese Ungleichheit besteht vielerorts bis heute. Eine dekoloniale Perspektive macht zugleich deutlich, dass Geschlechtergerechtigkeit nicht daran gemessen werden kann, wie weit Gesellschaften des Globalen Südens einem vermeintlich fortschrittlicheren Globalen Norden folgen. Sie verlangt, unterschiedliche Erfahrungen ernst zu nehmen und Machtverhältnisse auf allen Seiten kritisch zu hinterfragen.
© Foto: Johanna Degenstein | Thea Hummel ist Head of Advocacy und Diversity and Inclusion Coordinator im Bereich Global Programs der VEM
Thea Hummel ist Head of Advocacy sowie Diversity and Inclusion Coordinator im Bereich Global Programs der Vereinten Evangelischen Mission (VEM). Die VEM ist eine internationale Gemeinschaft von Kirchen in Afrika, Asien und Deutschland.
In ihrer Arbeit beschäftigt sich Hummel mit Diversität, Teilhabe und Geschlechtergerechtigkeit in Kirche und internationaler Ökumene. Sie ist in Indonesien und Deutschland aufgewachsen und bringt Erfahrungen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten in ihre Arbeit ein. Gemeinsam mit Kolleg*innen aus Afrika und Asien hat sie sich auch mit der Rolle von Frauen in Dekolonisierungsprozessen beschäftigt.
Dekolonisierung bezeichnet zunächst die Prozesse, mit denen koloniale Herrschaft beendet und ihre politischen und gesellschaftlichen Folgen überwunden werden. Sie verlief je nach Region zu unterschiedlichen Zeiten. Auch viele Kirchen, die durch europäische Missionsbewegungen gegründet worden waren, wurden im Zuge dieser Veränderungen unabhängig.
Es ist wirklich ein weltweiter Prozess und es ist ein Prozess, der längst noch nicht abgeschlossen ist.
Dekolonisierung endet jedoch nicht mit staatlicher Unabhängigkeit. Kolonial geprägte Machtverhältnisse und Vorstellungen können in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, internationalen Beziehungen und Kirchen fortwirken. Dekolonisierung bedeutet deshalb auch, solche Strukturen und Denkmuster in der Gegenwart zu erkennen und zu verändern.
Frauen waren an Mission, kirchlichem Leben und gesellschaftlichen Veränderungen beteiligt, auch wenn sie in der historischen Überlieferung häufig weniger sichtbar sind. In Missionskontexten wurden sie beispielsweise vor allem als Ehefrauen von Missionaren wahrgenommen. Tatsächlich übernahmen sie vielfältige Aufgaben und pflegten Kontakte, die für die missionarische Arbeit von großer Bedeutung waren.
Sie waren viel mehr als nur ein Anhängsel.
Dieses Muster reicht über die Missionsgeschichte hinaus: Frauen übernehmen Verantwortung, bleiben aber in offiziellen Leitungspositionen und historischen Darstellungen unterrepräsentiert. Eine dekoloniale Betrachtung fragt deshalb auch danach, wessen Arbeit sichtbar gemacht und wessen Beitrag zur Geschichte anerkannt wird.
Gesetze, Quoten oder kirchliche Regelungen können Frauen den Zugang zu Gremien und Leitungspositionen ermöglichen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass sie dort im gleichen Maß an Entscheidungen und Macht beteiligt sind.
Das zeigt sich beispielsweise dort, wo Frauen zwar in Leitungsgremien vertreten sind, wichtige Entscheidungen aber weiterhin in informellen, männlich dominierten Netzwerken fallen. In anderen Kontexten können hochqualifizierte Theologinnen an Hochschulen künftige Pfarrpersonen ausbilden, ohne selbst ordiniert werden zu dürfen.
Sie tragen sehr viel Verantwortung, aber die offiziellen Funktionen sind häufig noch von Männern bekleidet.
Geschlechtergerechtigkeit betrifft deshalb nicht nur Repräsentation. Entscheidend ist auch, wer tatsächlich mitentscheidet, gehört wird und institutionelle Macht ausüben kann.
Die „gläserne Decke“ beschreibt unsichtbare Barrieren, die Frauen und andere benachteiligte Gruppen trotz formaler Gleichberechtigung daran hindern können, in höchste Leitungspositionen aufzusteigen.
Die „gläserne Klippe“ bezeichnet ein anderes Phänomen: Frauen oder Angehörige von Minderheiten gelangen gerade dann in Spitzenpositionen, wenn eine Organisation oder ein Unternehmen bereits in einer Krise steckt und das Risiko des Scheiterns besonders groß ist.
Wenn es irgendwie schlecht läuft, dann können quasi die Frauen mal ran.
Beide Begriffe zeigen, dass die Besetzung einer Leitungsposition allein noch wenig darüber aussagt, ob strukturelle Ungleichheiten überwunden sind. Entscheidend sind auch die Bedingungen, unter denen Menschen Zugang zu Macht erhalten.
Dekolonisierung richtet den Blick auf Machtverhältnisse und Vorstellungen von Über- und Unterordnung. Dazu gehört auch die Frage, wer gesellschaftliche und kirchliche Entscheidungen treffen kann und wessen Arbeit und Wissen anerkannt werden.
Eine dekoloniale Perspektive darf dabei nicht selbst koloniale Hierarchien reproduzieren. Die Vorstellung, im Globalen Norden sei Geschlechtergerechtigkeit bereits erreicht, während Gesellschaften des Globalen Südens lediglich aufholen müssten, übersieht bestehende Ungleichheiten in Europa und unterschiedliche historische und gesellschaftliche Bedingungen.
Wir hier im Globalen Norden, wir hier in Deutschland, bei uns läuft es gut und die im Globalen Süden, die sind halt noch nicht so weit. Und das ist eine große Gefahr.
Geschlechtergerechtigkeit und Dekolonisierung verlangen deshalb, gemeinsame Formen von Benachteiligung wahrzunehmen und zugleich unterschiedliche Erfahrungen und Kontexte ernst zu nehmen.
Individuelle Förderung allein reicht nicht aus, wenn institutionelle Strukturen unverändert bleiben. Quoten und verbindliche Regeln können Zugänge schaffen und dafür sorgen, dass Frauen in Gremien und Leitungspositionen überhaupt sichtbar werden. Damit daraus tatsächliche Teilhabe entsteht, müssen sich jedoch auch Entscheidungswege und Haltungen verändern.
Wenn wir etwas verändern wollen, dann müssen wir auch wirklich auf allen […] Ebenen umdenken.
Wichtig sind außerdem Vorbilder und internationale Netzwerke. Der Austausch mit Frauen in ähnlichen Situationen kann zeigen, dass Erfahrungen von Ausgrenzung nicht individuell sind, und Möglichkeiten eröffnen, voneinander und miteinander zu lernen.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Thea Hummel im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Thea Hummel
Länge: 30 Minuten
Veröffentlichung: 29.10.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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