Ertrinken lassen ist keine Option – Seenotrettung auf dem Mittelmeer
Wie ist es an Bord eines Rettungsschiffes dabei zu sein? Mit welchen Hürden hat die zivile Seenotrettung zu kämpfen? Mehr dazu im EMW-Podcast.
Mehr ...Bankgeschäfte können Leben retten. Kirchen und kirchliche Organisationen weltweit verwalten unfassbar hohe Geldsummen. Diese Finanzmacht könnten sie nutzen und in puncto Nachhaltigkeit und Klimaschutz tatsächlich einiges bewegen. Umso überraschender ist es da, dass viele dies gar nicht tun. Wie kann sich das ändern? Und was haben Bankgeschäfte und Gerichte mit Kinderrechten zu tun? Darüber spricht Frederique Seidel, Programmleiterin Kinderrechte beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), mit Host Tanja Stünckel.
Was haben Bankgeschäfte mit Klimaschutz und Kinderrechten zu tun? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Frederique Seidel darüber, wie Kirchen ihre Finanzmacht nachhaltiger einsetzen können. Dabei geht es auch um die Folgen der Klimakrise für Kinder, rechtliche Handlungsmöglichkeiten und die Frage, welche Verantwortung Erwachsene, Kirchen und Institutionen für die Zukunft von Kindern tragen.
Beim Klimaschutz denken viele zuerst an Energieverbrauch, Mobilität oder Konsum. Doch auch die Frage, wo Geld angelegt wird, kann erhebliche Auswirkungen haben. Frederique Seidel zeigt im Podcast, über welche oft wenig beachteten Hebel Kirchen verfügen – von ihrer Finanzmacht bis zu rechtlichen Schritten für Kinderrechte. Dabei wird deutlich, dass Klimaverantwortung nicht nur eine Frage persönlichen Verhaltens ist, sondern auch institutioneller Entscheidungen.
© Foto: Alain Grosclaude | Frederique Seidel ist ÖRK-Programmleiterin für Kinderrechte.
Frederique Seidel ist Programmleiterin für Kinderrechte beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK). In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich damit, wie Kirchen ihre weltweiten Netzwerke und ihren gesellschaftlichen Einfluss nutzen können, um die Rechte von Kindern zu stärken.
Ein Schwerpunkt liegt auf den Folgen der Klimakrise für Kinder. Gemeinsam mit Kirchen und anderen Organisationen arbeitet Seidel unter anderem an Initiativen zu nachhaltigen Finanzanlagen und an rechtlichen Möglichkeiten, Kinderrechte gegenüber politischen und wirtschaftlichen Akteur*innen einzufordern.
Kinder haben unter anderem Rechte auf Gesundheit, Bildung und Schutz vor Gewalt und Ausbeutung. Diese Rechte sind in der 1989 verabschiedeten UN-Kinderrechtskonvention verankert. Die Konvention formuliert kein eigenständiges, ausdrücklich so bezeichnetes Kinderrecht auf Klimaschutz; sie enthält jedoch Umweltbezüge, etwa im Zusammenhang mit dem Recht auf Gesundheit. Die Folgen des Klimawandels können die Verwirklichung verschiedener Kinderrechte gefährden. Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat diesen Zusammenhang im General Comment Nr. 26 (2023) erläutert und bestätigt, dass Kinder ein Recht auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt haben.
Jedes Kind hat ein Recht darauf, in einer sauberen, gesunden Umwelt und in einem sicheren Klima zu leben und aufzuwachsen.
Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Ländern waren an der Erarbeitung des General Comment Nr. 26 beteiligt. Klimapolitische Entscheidungen betreffen Kinder in besonderer Weise, weil sie mit den Folgen heutiger Entscheidungen länger leben werden. Zugleich haben sie auf viele politische und wirtschaftliche Entscheidungen, die ihre Zukunft bestimmen, nur begrenzten Einfluss.
Banken investieren und verwalten das Geld ihrer Kund*innen. Damit können auch Gelder von Kirchen und kirchlichen Organisationen in Unternehmen und Wirtschaftsbereiche fließen, die fossile Energien finanzieren. Wer sein Geld einer Bank anvertraut, weiß jedoch nicht zwangsläufig im Detail, wie es angelegt oder weiterverwendet wird.
Kirchen können deshalb von Banken, Versicherungen und Pensionskassen verlangen, transparent zu machen, wie ihr Geld eingesetzt wird, und Kriterien für ihre Anlagen festlegen. Aufgrund der großen Vermögen, die Kirchen weltweit verwalten, können solche Entscheidungen Einfluss auf den Finanzmarkt haben.
Es ist einer der effizientesten Hebel, der am wenigsten bekannt ist.
Nachhaltige Geldanlagen werden damit zu einem Instrument des Klimaschutzes. Die Verantwortung endet nicht bei Gebäuden, Reisen oder Energieverbrauch: Auch die Verwendung kirchlichen Vermögens kann Auswirkungen auf Klima und damit auf die Lebensbedingungen von Kindern haben.
Kirchen und kirchliche Organisationen können als institutionelle Kundinnen Anforderungen an ihre Banken stellen. Sie können beispielsweise verlangen, dass ihr Geld nicht in fossile Energien investiert wird, Anlagekriterien vereinbaren und bei fehlender Transparenz oder unzureichenden Standards einen Bankwechsel in Betracht ziehen.
Da es im Moment noch legal ist für die Banken, so massiv in fossile Energien zu investieren, ist dieser Druck von den Bankkunden enorm wichtig.
Dass dieser Einfluss praktisch genutzt werden kann, zeigt das Beispiel der Schwedischen Kirche. Sie forderte ihre Bank 2017 auf, ihre Geldanlagen bis 2019 nach ethischen und nachhaltigen Kriterien umzustellen und stellte andernfalls einen Wechsel in Aussicht. Die Bank ging auf die Forderung ein.
Der Ökumenische Rat der Kirchen machte diese Erfahrung anschließend für andere Kirchen nutzbar. Der ursprüngliche Brief an die Bank wurde in verschiedene Sprachen übertragen und anderen Mitgliedskirchen zur Verfügung gestellt.
Der Zusammenhang zwischen Klimaschutz und Kinderrechten spielt zunehmend auch vor Gericht eine Rolle. Wenn die Folgen des Klimawandels Gesundheit und Leben von Kindern gefährden, können Gerichte eine Möglichkeit sein, bestehende Rechte einzufordern.
Der Ökumenische Rat der Kirchen unterstützt deshalb Kirchen dabei, rechtliche Handlungsmöglichkeiten in ihren Ländern zu nutzen. Dafür sollen sie mit Jurist*innen und Organisationen zusammengebracht werden, die bereits Erfahrungen mit Klimaverfahren haben. Einbezogen werden sollen auch die körperlichen und psychischen Folgen der Klimakrise für Kinder.
Aber ehrlich gesagt, es ist wichtiger, dass die Erwachsenen sich drum kümmern, als dass jetzt die Kinder ihre Freizeit oder ihre Schulprüfungen auf Eis legen oder in Gefahr bringen.
Kinder sollen an Entscheidungen beteiligt werden, die ihre Zukunft betreffen. Die Verantwortung dafür, ihre Rechte zu schützen und rechtliche Handlungsmöglichkeiten zu nutzen, liegt jedoch nicht bei ihnen allein.
Kirchen können Kinderrechte und Klimaschutz auf unterschiedlichen Ebenen miteinander verbinden. Sie können ihre eigenen Finanzanlagen überprüfen, Druck auf Banken und Versicherungen ausüben, politische Interessenvertretung betreiben und rechtliche Verfahren unterstützen.
Ihre internationalen und lokalen Netzwerke ermöglichen zudem den Kontakt zu Kindern und Gemeinschaften, die von politischen Entscheidungsprozessen häufig nur schwer erreicht werden. Kirchengemeinden und Partnerorganisationen sind auch in entlegenen Regionen oder gesellschaftlich benachteiligten Gemeinschaften präsent und können deren Erfahrungen und Perspektiven aufnehmen.
Ich denke, meine persönliche Mission ist, das Bewusstsein zu dem, was Kirchen erreichen können, zu stärken.
Die besondere Stärke kirchlicher Netzwerke liegt damit in der Verbindung verschiedener Ebenen: Erfahrungen und Perspektiven aus lokalen Gemeinschaften können über kirchliche Netzwerke auch in internationale Debatten eingebracht werden. Zugleich können Kirchen ihre eigenen institutionellen Handlungsmöglichkeiten nutzen – etwa gegenüber Banken oder auf rechtlichem Weg.
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Frederique Seidel im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Frederique Seidel
Länge: 27 Minuten
Veröffentlichung: 28.06.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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