Für Seeleute da sein: Seemannsmission in Kamerun

Mitten im Golf von Guinea, wo Piraterie zur realen Bedrohung von Schiffen und Seeleuten gehören, erreichen die Seemannsmission in Douala in Kamerun immer wieder Notfallanfragen mit der Bitte um Krisenintervention und psychosoziale Notfallversorgung. Aber nicht immer ist es so dramatisch. Wie begleitet man Seeleute nach Entführung, Gewalt und Trauma? Was gehört in Douala zum Alltag zwischen Schiffsbesuchen, Hotelbetrieb, Lobbyarbeit, Korruption und „Oase“ mitten in der Großstadt? Host Tanja Stünckel spricht mit Ina und Klaus Bammann, Diakon*innen der Deutschen Seemannsmission Douala (Kamerun), über Nähe auf Distanz, Vertrauen im Hafen und die Frage, warum „Seemannsmission“ bis heute so heißt.

Ina und Klaus Bammann bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Die Arbeit der Deutschen Seemannsmission im Hafen von Douala in Kamerun steht im Mittelpunkt dieser Podcastfolge. Sie zeigt, unter welchen Bedingungen internationale Seeleute arbeiten, welche Folgen Piraterie und lange Einsätze für sie haben und wie kirchliche Seelsorge, psychosoziale Unterstützung und praktische Hilfe ihren Alltag prägen. Gleichzeitig wird deutlich, warum diese Arbeit für die Menschen hinter dem weltweiten Seehandel so wichtig ist.

Warum ist das wichtig?

Mehr als 80 Prozent des Welthandels werden über den Seeweg abgewickelt. Dennoch bleiben die Arbeitsbedingungen von Seeleuten häufig unsichtbar. Die Podcastfolge zeigt, welche Rolle die Seemannsmission für Menschen spielt, die oft monatelang fern ihrer Familien unterwegs sind.

Was macht die Deutsche Seemannsmission?

Die Deutsche Seemannsmission begleitet Seeleute weltweit – unabhängig von Herkunft, Nationalität oder Religion. Sie besucht Besatzungen an Bord, bietet Seelsorge und praktische Hilfe an und setzt sich für menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen in der internationalen Schifffahrt ein.

Wer sind Ina und Klaus Bammann?

Ina und Klaus Bammann leiten die Deutsche Seemannsmission im Hafen von Douala in Kamerun und begleiten internationale Seeleute. © Foto: privat | Ina und Klaus Bammann leiten die Deutsche Seemannsmission im Hafen von Douala in Kamerun und begleiten internationale Seeleute.

Ina und Klaus Bammann sind Diakon*innen und leiten die Deutsche Seemannsmission in Douala. Zu ihrer Arbeit gehören Schiffsbesuche, Seelsorge, psychosoziale Notfallversorgung, Lobbyarbeit sowie die Leitung des Foyer du Marin mit Hotel, Restaurant und rund 30 Mitarbeitenden. Für Ina und Klaus Bammann ist kaum ein Arbeitstag wie der andere. Sie besuchen Schiffe, begleiten Krisenfälle, führen Mitarbeitendengespräche, kümmern sich um das Hotel und vertreten die Interessen von Seeleuten gegenüber Behörden. Dabei wissen sie morgens oft nicht, welche Aufgabe im Laufe des Tages in den Vordergrund rücken wird. Ein gewöhnlicher Arbeitstag kann aus Verwaltungsfragen und Schiffsbesuchen bestehen – oder durch einen Notruf plötzlich eine völlig andere Richtung nehmen. Diese Offenheit gehört für beide zum Wesen der Arbeit: präsent zu sein, Beziehungen aufzubauen und auf das zu reagieren, was Menschen gerade benötigen.

Im Podcast sprechen sie über:

  • die Begleitung von Seeleuten nach Piratenangriffen und Entführungen,
  • Schiffsbesuche und den schwierigen Weg zum Landgang,
  • das Foyer du Marin als Seemannsheim, Hotel und Begegnungsort,
  • Lobbyarbeit für die Rechte von Seeleuten,
  • ein Missionsverständnis, das Wort und Tat miteinander verbindet.



7 Einblicke in die Arbeit der Deutschen Seemannsmission in Kamerun

1. Was macht die Seemannsmission in Douala?

Die Seemannsmission geht dorthin, wo die Seeleute sind. Schiffsbesuche gehören zum Kern der Arbeit. Ina und Klaus Bammann warten nicht darauf, dass Seeleute ins Foyer du Marin kommen. Gemeinsam mit Kolleg*innen besuchen sie die Schiffe im Hafen von Douala, stellen sich vor und fragen, was die Besatzung braucht. Für die Seeleute ist dieser Besuch etwas Besonderes. Viele Menschen, die im Hafen an Bord kommen, wollen kontrollieren, Geschäfte machen oder eine Dienstleistung verkaufen. Die Seemannsmission kommt dagegen, um zuzuhören und zu unterstützen.

Es geht darum, zu den Seeleuten zu gehen und aktiv zu sein – nicht darauf zu warten, dass jemand kommt. Unsere Aufgabe ist es, für die Seeleute da zu sein.

Ein Gespräch kann sich um die Familie, die Situation im Heimatland, Probleme mit der Reederei oder das Zusammenleben an Bord drehen. Manchmal wünschen Seeleute auch ein Gebet, eine Segnung oder einen Gottesdienst.

2. Warum ist Vertrauen bei Schiffsbesuchen so wichtig?

Zu Beginn eines Schiffsbesuchs sind viele Seeleute zurückhaltend. Erst wenn sie erfahren, dass Ina und Klaus Bammann von der Seemannsmission kommen, verändert sich häufig die Atmosphäre.

Zunächst kommt oft ein harter, fragender Blick: Wer bist du? Wenn wir dann sagen, dass wir von der Seemannsmission kommen, fällt diese Härte aus dem Gesicht. Dann kommt ein Lächeln.

Dieses Vertrauen ist über viele Jahre gewachsen. Seeleute übergeben der Seemannsmission mitunter Geld für ihre Familien oder sprechen über Dinge, die sie gegenüber Vorgesetzten und Kolleg*innen nicht ansprechen können. Die Seemannsmission gehört weder zur Reederei noch zu den Hafenbehörden. Gerade deshalb kann sie eine unabhängige Ansprechpartnerin sein. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl der besuchten Schiffe, sondern die Qualität der Begegnungen.

3. Wie hilft die Seemannsmission nach einem Piratenangriff?

Im Golf von Guinea ist Piraterie auch heutzutage eine reale Bedrohung. Wenn die Schiffe von Piraterie betroffen waren, wenden sich die an Bord befindlichen Seeleute häufig an die Seemannsmission mit einer Anfrage zur psychosozialen Notfallversorgung.

In solchen Situationen geht es zunächst nicht um lange Gespräche. Es geht darum, präsent zu sein, Sicherheit zu vermitteln und deutlich zu machen, dass niemand etwas von den Betroffenen verlangt.

Ich habe immer wieder gefragt: Wie geht es euch? Braucht ihr etwas? Ich wollte signalisieren: Ich bin da und will nichts von euch.

Erst allmählich beginnen manche Seeleute zu erzählen. Sie zeigen Einschusslöcher, berichten von Schlägen und fragen, warum ihnen Gewalt angetan wurde. Zugleich wollen sie vor allem wissen, wie es ihren entführten Kolleg*innen geht. Solche Einsätze sind nicht alltäglich. Doch sie gehören zu den Situationen, auf die die Seemannsmission jederzeit vorbereitet sein muss.

4. Wie leben und arbeiten Seeleute an Bord?

Zwischen 80 und 90 Prozent der weltweit gehandelten Waren werden per Schiff transportiert. Kleidung, Lebensmittel, Rohstoffe oder technische Geräte legen weite Strecken über die Meere zurück. Hinter diesem Handel stehen Menschen, deren Arbeitsalltag an Land kaum sichtbar ist. Seeleute verbringen oft viele Monate an Bord. Das Schiff wird zu einem kleinen, abgeschlossenen Kosmos. Die Besatzungsmitglieder arbeiten im Schichtdienst, sehen immer dieselben Menschen und können ihren Tagesablauf nur begrenzt selbst bestimmen. Hinzu kommen kulturelle und sprachliche Unterschiede, die Entfernung zur Familie und die Abhängigkeit von den Arbeitsbedingungen an Bord.

Es ist harte Arbeit, laute Arbeit und Schichtarbeit. Es bedeutet viel Einsamkeit und Vermissen.

Viele Seeleute nehmen diese Belastungen auf sich, um ihre Familien im Herkunftsland zu versorgen. Wie sie die Monate an Bord erleben, hängt stark von der Atmosphäre innerhalb der Besatzung und vom Verhalten der Schiffsleitung ab.

5. Warum ist Landgang für Seeleute wichtig?

Ein Schiff für einige Stunden verlassen zu können, ist nicht überall selbstverständlich. In Douala benötigen Seeleute dafür eine offizielle Genehmigung. Die Deutsche Seemannsmission gehört zu den wenigen Organisationen, die sie aus dem Hafengebiet abholen dürfen. Die Mitarbeitenden informieren die Seeleute bei ihren Schiffsbesuchen und sind über WhatsApp erreichbar. Zwei Fahrer*innen bringen sie vom Hafen zum Foyer du Marin und später wieder zurück.

Ein Landgang ermöglicht Dinge, die an Land alltäglich erscheinen: schwimmen, essen, einkaufen, telefonieren oder sich einfach frei bewegen.

Endlich runter vom Schiff, sich entspannen, schwimmen und etwas essen – diese ganz normalen Dinge sind unglaublich wichtig.

Dass Seeleute in Douala wieder Landgang erhalten können, ist auch das Ergebnis langjähriger Gespräche mit Hafenbehörden und anderen Verantwortlichen.

6. Was ist das Foyer du Marin?

Die Station der Deutschen Seemannsmission in Douala trägt den Namen Foyer du Marin – auf Deutsch „Haus der Seeleute“. Das deutsch-kamerunische Seemannsheim wurde 1966 eröffnet und feierte im Juni 2026 sein 60-jähriges Bestehen. Es ist die größte Auslandsstation der Deutschen Seemannsmission.

Heute gehören zum Foyer du Marin unter anderem:

  • ein Hotel mit 25 Zimmern,
  • ein Restaurant,
  • der Fahrdienst für Seeleute,
  • Schiffsbesuche und Seelsorge,
  • Krisenintervention,
  • die Zusammenarbeit mit Kirchen, Behörden, Botschaften und Nichtregierungsorganisationen.

Rund 30 Mitarbeitende arbeiten in den verschiedenen Bereichen. Ina und Klaus Bammann kümmern sich deshalb nicht nur um Seeleute, sondern auch um Personalführung, Finanzen, Baufragen, Verwaltung und den laufenden Hotelbetrieb. Mitten im Verkehr, im Lärm und im Staub der Millionenstadt wird das Gelände von vielen Menschen als Rückzugsort erlebt.

Wir haben hier eine kleine Oase. Man kommt durch die Eingangstür, sieht den Pool und die Natur und findet mitten in der Stadt Erholung.

Das Foyer du Marin ist zudem ein Treffpunkt für kirchliche Werke, internationale Organisationen, Reisende und Menschen aus der kamerunischen Diaspora. Es ist Hotel, Seemannsheim, Informationsort und Raum für Begegnungen zugleich.

7. Warum heißt die Arbeit bis heute Seemannsmission?

Für Ina und Klaus Bammann liegt die Antwort im aktiven Zugehen auf Menschen. Mission bedeutet für sie nicht, Seeleuten etwas aufzudrängen. Gebete, Andachten und Segnungen gehören zur Arbeit, wenn sie gewünscht werden. Ebenso wichtig sind Zuhören, praktische Unterstützung, Gastfreundschaft und der Einsatz für gerechte Arbeitsbedingungen.

Wir sind davon überzeugt, dass Wort und Tat zusammengehören.

Zu dieser Arbeit gehört auch Lobbyarbeit. Die Seemannsmission setzt sich gegenüber Behörden und politischen Verantwortlichen für die Rechte von Seeleuten ein. Dabei geht es beispielsweise um Landgang, Transitvisa und die Umsetzung internationaler Mindeststandards.

Diese Zusammenstellung basiert auf dem Gespräch mit Ina und Klaus Bammann im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gäste: Ina und Klaus Bammann
Länge: 38 Minuten
Veröffentlichung: 23. April 2026
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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