Die Macht der Auslegung - Kann Theologie rassistisch sein?
Was hat Rassismus mit Theologie zu tun? Wie biblische Texte missbraucht wurden und koloniale Denkmuster bis heute nachwirken – mehr im EMW-Podcast.
Mehr ...Leere Kirchenbänke, sinkende Mitgliederzahlen, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und Missbrauchs: Kirche steht vor großen Herausforderungen. Wie muss sie sich verändern, um für kommende Generationen relevant zu bleiben? Was wünschen sich junge Menschen von Kirche – und wie können sie selbst Veränderungen mitgestalten? Darüber spricht Henriette Greulich, Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und Vorsitzende der World Student Christian Federation Europe, mit Host Tanja Stünckel. Dabei geht es auch um internationale Perspektiven, neue Formen von Kirche und die Frage, was bewahrt werden sollte – und was sich verändern muss.
Wie kann Kirche für kommende Generationen relevant und glaubwürdig bleiben? Sinkende Mitgliederzahlen, gesellschaftlicher Wandel und die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt stellen Kirche vor grundlegende Fragen. Im Podcast spricht Host Tanja Stünckel mit Henriette Greulich über die Zukunftsfähigkeit von Kirche, die Beteiligung junger Menschen, internationale Perspektiven und das Verhältnis von Tradition und Veränderung.
Über die Zukunft der Kirche wird viel gesprochen – auch darüber, wie sie junge Menschen erreichen und stärker beteiligen kann. Henriette Greulich erlebt diese Debatten selbst als junge Christin, die Kirche aktiv mitgestaltet. Im Podcast erzählt sie, wo Beteiligung tatsächlich gelingt, wo junge Menschen zwar sichtbar sind, aber wenig Einfluss haben und warum es für eine zukunftsfähige Kirche nicht ausreicht, nur Bestehendes zu modernisieren.
© Foto: Corinna Waltz/EMW | Henriette Greulich ist Mitglied der Synode der EKD.
Henriette Greulich engagiert sich auf unterschiedlichen Ebenen in Kirche und Ökumene. Sie ist Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und vertritt dort die Perspektiven junger Menschen und Studierender.
Darüber hinaus ist sie auf europäischer Ebene in der World Student Christian Federation Europe aktiv. Ihre kirchliche Biografie reicht von Kinder- und Jugendgruppen über die Studierendengemeinde bis in nationale und internationale kirchliche Gremien. Sie studiert in Dresden und beschäftigt sich auch aus politikwissenschaftlicher Perspektive mit gesellschaftlichen Fragen.
Kirche kann Menschen Gemeinschaft, Zugehörigkeit und einen Zugang zum Glauben bieten. Damit unterschiedliche Menschen darin einen Platz finden können, braucht es jedoch Offenheit für verschiedene Erfahrungen und Bedürfnisse. Begegnung auf Augenhöhe, Dialog und die Möglichkeit, voneinander zu lernen, gehören deshalb zu einer Kirche, die sich weiterentwickeln will.
Zukunftsfähigkeit setzt zugleich die Bereitschaft voraus, die eigene Situation kritisch wahrzunehmen und Veränderungen dort zuzulassen, wo bestehende Strukturen Menschen ausschließen oder nicht mehr zu ihren Lebenswelten passen.
Ich glaube schon, dass das, was wir von Jesus und Gott lernen können, die Basis ist. Aber auch, dass sich deren Interpretation und Auslegung weiterentwickelt und verändert. Wir müssen mutig sein und uns auch eingestehen, dass wir Fehler gemacht haben. Eigentlich sollten wir mit viel mehr Kraft und Bewegungswillen nach vorne gehen.
Ein fertiges Modell für die Kirche der Zukunft kann es dabei kaum geben. Gesellschaftliche Bedingungen verändern sich ebenso wie die Menschen, die Kirche gestalten. Zukunftsfähig ist Kirche deshalb auch dann, wenn sie lernfähig bleibt und unterschiedliche Perspektiven in ihre Entwicklung einbezieht.
Kirchen verfügen vielerorts über Räume und Strukturen, die nicht ausschließlich für Gottesdienste oder klassische Gemeindeangebote genutzt werden müssen. Gemeindehäuser und Kirchen können auch Orte der Begegnung für Menschen sein, die zunächst keinen persönlichen Bezug zur Kirche oder zum christlichen Glauben haben.
Gemeinsame Aktivitäten mit Vereinen, Initiativen oder anderen Akteur*innen vor Ort können solche Begegnungen ermöglichen. Kirche öffnet sich damit nicht nur räumlich, sondern auch gegenüber Menschen, die über traditionelle kirchliche Angebote möglicherweise nicht erreicht werden.
Es muss ja auch im ersten Moment nicht immer was mit Kirche und Glauben zu tun haben. Doch über gemeinsame Aktivitäten kann man zueinander finden.
Offenheit bedeutet darüber hinaus, neue Aktivitäten auszuprobieren und Menschen einzubeziehen, die kirchliches Leben bislang wenig mitgestalten. Veränderung beginnt damit nicht erst bei großen Strukturreformen, sondern kann auch im unmittelbaren Zusammenleben vor Ort entstehen.
Junge Menschen in kirchliche Gremien, Veranstaltungen oder Diskussionen einzuladen, bedeutet noch nicht automatisch, sie tatsächlich zu beteiligen. Entscheidend ist, ob sie mitreden und Entscheidungen beeinflussen können – und ob sie aufgrund ihrer Kompetenzen wahrgenommen werden statt lediglich als Vertreter*innen einer Altersgruppe.
Werden junge Menschen hauptsächlich eingeladen, damit eine Organisation nach außen vielfältiger erscheint, ohne ihnen wirklichen Einfluss zu geben, wird dies als Tokenismus bezeichnet. Auch Quoten können dieses Problem nicht allein lösen, wenn junge Menschen bereits bei der Auswahl von Delegierten oder der Besetzung von Gremien kaum berücksichtigt werden.
Es wurden schöne Bilder gemacht, junge Menschen waren ja auch da. Aber so richtig auf sie gehört, wurde dann deutlich zu wenig.
Echte Beteiligung beginnt deshalb früher: Junge Menschen müssen gezielt gesucht, gefördert und in Räume gebracht werden, in denen Entscheidungen vorbereitet und getroffen werden. Dazu kann auch gehören, dass ältere oder bereits etablierte Personen bewusst Platz abgeben.
Kirchliches Handeln vor Ort steht in Verbindung mit Entwicklungen in anderen Teilen der Welt. Das gilt besonders für Fragen sozialer Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit: Entscheidungen und Lebensweisen auf lokaler oder individueller Ebene können Auswirkungen auf Menschen andernorts haben.
Internationale kirchliche Begegnungen ermöglichen zugleich, andere Formen von Kirche kennenzulernen und die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. Erfahrungen aus anderen Ländern und Kirchen können neue Impulse für Entscheidungen, Projekte und kirchliches Leben vor Ort geben.
Wenn wir diesen weltweiten Blick wertschätzen und uns auch auf der lokalen Ebene dafür einsetzen – auch innerhalb der Kirche – könnten wir viel, viel mehr tun für eine Gerechtigkeit, die alle Menschen mit einbezieht.
Eine weltweite Perspektive ist damit mehr als internationaler Austausch. Sie kann dazu beitragen, Verantwortung über den eigenen lokalen oder nationalen Kontext hinaus wahrzunehmen und Erfahrungen aus anderen Kirchen in die eigene Arbeit einfließen zu lassen.
Tradition und Veränderung müssen in der Kirche keine Gegensätze sein. Christlicher Glaube, vertraute Rituale und gewachsene Formen von Gemeinschaft können Menschen Orientierung und Zugehörigkeit geben. Gleichzeitig verändern sich Gesellschaft und Lebenswelten – und damit auch die Erwartungen an Kirche.
Zukunftsfähigkeit verlangt deshalb nicht, sämtliche Traditionen aufzugeben. Sie braucht aber die Bereitschaft, bestehende Formen nicht allein deshalb fortzuführen, weil sie vertraut sind. Neue Angebote, andere Formen der Beteiligung und bislang ungewohnte Wege können ausprobiert werden, ohne die Grundlagen des Glaubens infrage zu stellen.
Ich glaube, wir haben schon sehr viel versucht, Altes zu modernisieren und ich glaube, da sind auch gute Sachen bei rausgekommen. Aber warum probieren wir nicht mal Neues aus?
Veränderung bedeutet dabei nicht, Kirche von Grund auf neu zu erfinden. Es geht vielmehr darum, unterscheiden zu können: Was trägt weiterhin? Was muss sich verändern? Und wo braucht es den Mut, etwas tatsächlich neu auszuprobieren?
Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Henriette Greulich im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.
Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.
Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Henriette Greulich
Länge: 24 Minuten
Veröffentlichung: 25.03.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit
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