Großer Schatz oder große Gefahr – Tiefseebergbau

Es gibt einen Schatz, der im Pazifik auf dem Meeresboden liegt. Doch es ist kein Gold, sondern Manganknollen. Viele Staaten und Organisationen möchten diesen Schatz heben. Die Knollen, die sich über viele Millionen Jahre gebildet haben, versprechen Rohstoffe und Ressourcen. Sind sie die Lösung für eine drohende Rohstoffknappheit? Aber welche Gefahren gehen mit Tiefseebergbau einher? Welche Gruppierungen sind für Tiefseebergbau und welche sind dagegen? Und wieso geht das nicht nur die Menschen im Pazifik an, sondern uns alle? Darüber spricht Jan Pingel, Koordinator des Ozeanien-Dialogs, mit Host Tanja Stünckel.

Die Gefahren des Tiefseebergbaus – Jan Pingel im EMW-Podcast

Worum geht es?

Welche Rohstoffe liegen in der Tiefsee – und was würde ihr Abbau für Menschen und Meeresökosysteme bedeuten? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Jan Pingel über Manganknollen und andere Rohstoffvorkommen, die Risiken des Tiefseebergbaus und den Widerstand im Pazifik. Dabei geht es auch um wirtschaftliche Interessen, die Rolle der Kirchen und die Frage, wer über die Nutzung der Tiefsee entscheiden darf.

Warum ist das wichtig?

Die Tiefsee gehört zu den größten und zugleich am wenigsten erforschten Lebensräumen der Erde. Zugleich wächst das Interesse an ihren Rohstoffen. Die Podcastfolge zeigt, warum sich an ihrem möglichen Abbau ökologische, wirtschaftliche und politische Interessen besonders deutlich gegenüberstehen – und weshalb die Perspektiven der Menschen im Pazifik dabei eine zentrale Rolle spielen. Eine Debatte, die auch zu uns selbst führt: Wie viele Rohstoffe wollen und können wir dauerhaft verbrauchen?

Wer ist Jan Pingel?

Jan Pingel ist Koordinator des Ozeanien-Dialogs. © Foto: privat | Jan Pingel ist Koordinator des Ozeanien-Dialogs.

Jan Pingel ist Koordinator des Ozeanien-Dialogs. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit politischen, ökologischen und menschenrechtlichen Fragen, die für die pazifische Inselwelt von Bedeutung sind. Dazu gehört seit mehreren Jahren auch die internationale Debatte über Tiefseebergbau.

Der Ozeanien-Dialog bringt Perspektiven aus dem Pazifik in politische Debatten in Deutschland und Europa sowie in internationale Gremien ein. Pingel arbeitet dabei mit zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Partner*innen aus der Region zusammen und setzt sich dafür ein, dass ihre Positionen in politischen Entscheidungsprozessen gehört werden.

Im Podcast spricht Jan Pingel über:

  • Rohstoffe und Bergbau in der Tiefsee
  • ökologische und gesellschaftliche Risiken
  • Widerstand und Interessen im Pazifik
  • die rechtliche Stellung der Hohen See
  • Kirchen und Zivilgesellschaft im Einsatz gegen Tiefseebergbau
  • Rohstoffverbrauch und globale Verantwortung



6 Fragen zu Tiefseebergbau

1. Was ist Tiefseebergbau?

Tiefseebergbau bezeichnet den geplanten Abbau mineralischer Rohstoffe vom Meeresboden in mehreren tausend Metern Tiefe. Kommerziellen Tiefseebergbau gibt es bislang nicht. Diskutiert werden verschiedene Formen des Abbaus, darunter Manganknollen am Meeresboden, mineralische Ablagerungen an Hydrothermalquellen und kobaltreiche Krusten an unterseeischen Bergen. Besonders bekannt sind Manganknollen. Diese mineralischen Ablagerungen liegen auf dem Meeresboden und enthalten verschiedene Rohstoffe. Sie wachsen extrem langsam: Die Entstehung neuer Knollen dauert mehrere Millionen Jahre.

Man erntet eine Kartoffel oder einen Apfel, aber man erntet eben keine Manganknolle. Die wird abgebaut.

Die Unterscheidung ist für die Debatte wichtig. Wenn Unternehmen von „Harvesting“, also „Ernten“, sprechen, kann dies einen erneuerbaren Vorgang nahelegen. Tatsächlich würde Tiefseebergbau Rohstoffe entfernen, deren Neubildung menschliche Zeiträume weit überschreitet.

2. Welche Gefahren birgt der Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee?

Tiefseebergbau würde in bislang weitgehend unberührte Ökosysteme eingreifen. Kritiker*innen befürchten Schäden an Lebensräumen und Artenvielfalt sowie weitere Folgen für Meeresökosysteme. Wie weitreichend und langfristig solche Eingriffe wären, lässt sich auch deshalb schwer abschätzen, weil die Tiefsee noch nicht umfassend erforscht ist.

Es gibt keinen Weg, um diese Ressourcen abzubauen, ohne dabei großen Schaden anzurichten.

Für viele Menschen im Pazifik geht es dabei unmittelbar um ihre Lebensgrundlagen. Küstengemeinschaften sind auf gesunde Ökosysteme angewiesen, etwa für Fischfang oder für Subsistenzwirtschaft. Mögliche Schäden am Meeresboden betreffen deshalb nicht allein den Schutz der Natur. Sie können auch Ernährung, Lebensweisen und kulturelle Beziehungen zum Meer gefährden.

3. Warum gibt es im Pazifik so großen Widerstand gegen Tiefseebergbau?

Der Widerstand begann vielerorts auf lokaler Ebene. Besonders in Papua-Neuguinea engagierten sich Küstengemeinschaften früh gegen geplante Abbauprojekte. Inzwischen beteiligen sich auch Wissenschaftler*innen, zivilgesellschaftliche Organisationen, Kirchen und politische Akteur*innen an der Kritik. Eine Rolle spielen dabei Erfahrungen mit Bergbau an Land. In Regionen, in denen Rohstoffabbau bereits Umweltzerstörung und gesellschaftliche Konflikte verursacht hat, stoßen neue Versprechen von wirtschaftlicher Entwicklung durch Tiefseebergbau auf Misstrauen.

Wir drohen, die Fehler, die wir an Land gemacht haben, zu wiederholen.

Die Auseinandersetzung betrifft deshalb nicht nur mögliche Schäden am Meeresboden. Sie berührt auch die Frage, wer von der Rohstoffgewinnung profitiert, wer die Risiken trägt und wie die Erfahrungen der betroffenen Gemeinschaften bei Entscheidungen einbezogen werden.

4. Wem gehören die Rohstoffe auf dem Meeresboden?

Entscheidend ist, wo sich die Rohstoffe befinden. Küstenstaaten verfügen über ausschließliche Wirtschaftszonen, die sich bis zu 200 Seemeilen vor ihrer Küste erstrecken. Dort besitzen sie weitreichende Rechte zur wirtschaftlichen Nutzung von Ressourcen. Für pazifische Inselstaaten entstehen dadurch trotz kleiner Landflächen sehr große Meeresgebiete. Anders ist die Situation jenseits nationaler Hoheitsbereiche. Der Meeresboden der Hohen See wird im Rahmen der Vereinten Nationen durch die Internationale Meeresbodenbehörde geregelt. Seine mineralischen Ressourcen gelten als gemeinsames Erbe der Menschheit.

Und damit gehört es uns wirklich allen.

Tiefseebergbau in internationalen Gewässern ist damit keine Angelegenheit einzelner Inselstaaten oder Unternehmen. Die Frage, ob und unter welchen Bedingungen dort Rohstoffe abgebaut werden dürfen, betrifft die internationale Gemeinschaft.

5. Welche Rolle spielen Kirchen im Widerstand gegen Tiefseebergbau?

In vielen pazifischen Staaten spielen Kirchen neben Regierungen und traditionellen Autoritäten eine wichtige Rolle bei gesellschaftlichen Entscheidungen. Beim Tiefseebergbau nutzen sie diesen Einfluss unter anderem, um auf die Position ihrer Regierungen einzuwirken. Beim Widerstand gegen Tiefseebergbau unterstützen Kirchen unter anderem Proteste, organisieren Demonstrationen und Unterschriftensammlungen und beteiligen sich an regionalen Bündnissen.

Ohne Kirchen wäre dieser Protest im Pazifik an keiner Stelle denkbar.

Die Mehrheit der Kirchen, mit denen der Ozeanien-Dialog zusammenarbeitet, lehnt Tiefseebergbau ab – es gibt jedoch auch befürwortende kirchliche Stimmen. Kirchliches Engagement verbindet dabei den Schutz von Lebensgrundlagen mit Fragen nach Schöpfungsverantwortung, gesellschaftlicher Teilhabe und der Stimme lokaler Gemeinschaften.

6. Was hat Tiefseebergbau mit unserem Rohstoffverbrauch zu tun?

Die Nachfrage nach Rohstoffen ist ein zentraler Antrieb für die Erschließung neuer Lagerstätten. Solange Produktion und Konsum große Mengen mineralischer Ressourcen benötigen, wächst der wirtschaftliche Druck, auch bislang ungenutzte Vorkommen in der Tiefsee zu erschließen.

Tiefseebergbau ist natürlich nur ein Symptom dafür, dass wir einen Ressourcenhunger haben, einen Rohstoffhunger, der nicht zu befriedigen ist.

Die Debatte lässt sich deshalb nicht allein auf die Frage reduzieren, ob Rohstoffe künftig an Land oder im Meer gewonnen werden. Sie führt auch zu der grundsätzlicheren Frage, wie Rohstoffverbrauch verringert und Lieferketten nachhaltiger gestaltet werden können. Entscheidungen über Tiefseebergbau hängen damit auch mit Produktions- und Konsummustern in Industrieländern wie Deutschland zusammen.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Jan Pingel im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.



Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Jan Pingel
Länge: 29 Minuten
Veröffentlichung: 27.05.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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