Übersehenes Leid – Kinder auf der Flucht in Lateinamerika

In Lateinamerika entfaltet sich eine Katastrophe. 2023 waren dort 20 Millionen Menschen auf der Flucht. Darunter überproportional viele Kinder. Ihr Leid ist besonders groß. Warum ist das so? Welchen Gefahren sind Kinder auf der Flucht ausgesetzt? Was erleben sie anschließend? Und was wird in vielen Ländern Lateinamerikas durch kirchliche Hilfsorganisationen getan, um das Leid zu mildern? Darüber spricht Jürgen Schübelin, Lateinamerika-Experte und früherer Leiter des Referats Lateinamerika und Karibik bei der Kindernothilfe in Deutschland, mit Host Tanja Stünckel.

Jürgen Schübelin bei Zeit für Mission – Podcast der Evangelischen Mission Weltweit

Worum geht es?

Warum sind in Lateinamerika so viele Familien mit Kindern auf der Flucht – und was erleben Kinder dabei? In dieser Podcastfolge spricht Host Tanja Stünckel mit Jürgen Schübelin über Fluchtursachen, gefährliche Routen und die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern. Dabei geht es auch um ihre Situation nach der Ankunft und die Arbeit kirchlicher Organisationen für Bildung, Gesundheit und Kinderrechte.

Warum ist das wichtig?

Millionen Menschen sind in Lateinamerika auf der Flucht oder wurden innerhalb ihrer Länder vertrieben. Besonders betroffen sind Kinder, die häufig gemeinsam mit ihren Familien unterwegs sind. Die Podcastfolge richtet den Blick darauf, was Flucht für sie konkret bedeutet – unterwegs ebenso wie nach der Ankunft – und zeigt, warum Schutz, Bildung und Gesundheitsversorgung dabei zu Fragen grundlegender Kinderrechte werden.

Wer ist Jürgen Schübelin?

Jürgen Schübelin ist Lateinamerika-Experte © Foto: Kindernothilfe | Jürgen Schübelin ist Lateinamerika-Experte

Jürgen Schübelin ist Lateinamerika-Experte und war viele Jahre Leiter des Referats Lateinamerika und Karibik bei der Kindernothilfe. In dieser Funktion arbeitete er eng mit Partnerorganisationen in verschiedenen Ländern der Region zusammen und beschäftigte sich insbesondere mit Kinderrechten und den Lebensbedingungen von Kindern und Familien.

Seine Arbeit führte ihn über Jahrzehnte immer wieder nach Lateinamerika. Dadurch kennt er sowohl die Arbeit lokaler und kirchlicher Organisationen als auch die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, unter denen sie sich für Kinder und Familien einsetzen.

Im Podcast spricht Jürgen Schübelin über:

  • Flucht und Vertreibung in Lateinamerika
  • Armut, Gewalt und organisierte Kriminalität als Fluchtursachen
  • die besonderen Gefahren für Kinder und Familien
  • die Situation nach der Ankunft
  • Kinderrechte auf Bildung, Gesundheit und Schutz
  • die Arbeit kirchlicher Organisationen und Gemeinden

6 Fragen zu Kindern auf der Flucht in Lateinamerika

1. Warum fliehen so viele Familien in Lateinamerika?

Flucht in Lateinamerika hat unterschiedliche Ursachen. Besonders viele Menschen haben in den vergangenen Jahren Venezuela verlassen. Auch aus Haiti und anderen Ländern fliehen Menschen vor Armut, politischer Instabilität und fehlenden Zukunftsperspektiven. Verschärft wurde die Situation durch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie.

Hinzu kommt massive Gewalt. Organisierte Kriminalität, Schutzgelderpressung, Entführungen und Menschenhandel prägen in manchen Regionen den Alltag. Wo staatliche Strukturen und Rechtsschutz fehlen, können Familien sich diesen Gefahren kaum entziehen.

Den Eltern bleibt dann keine andere Option, als zu sagen: Wir fliehen.

Flucht ist unter diesen Bedingungen nicht allein die Suche nach besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten. Für viele Familien ist sie der Versuch, sich und ihre Kinder vor konkreter Bedrohung in Sicherheit zu bringen.

2. Warum sind besonders viele Kinder betroffen?

Anders als bei vielen Fluchtbewegungen nach Europa sind in Lateinamerika nicht vor allem einzelne Erwachsene oder Jugendliche unterwegs. Eltern versuchen gemeinsam mit ihren Kindern, sich vor Gewalt, Armut oder anderen Bedrohungen in Sicherheit zu bringen.

In Lateinamerika sind es dann die ganzen Familien, die einfach versuchen, sich in Sicherheit zu bringen.

Kinder machen deshalb einen großen Teil der Menschen auf der Flucht aus. Dass sie gemeinsam mit Eltern oder Angehörigen unterwegs sind, schützt sie jedoch nicht vor den besonderen Gefahren der Flucht.

3. Welchen Gefahren sind geflüchtete Kinder unterwegs ausgesetzt?

Fluchtrouten durch Wüsten, Gebirge oder den Darién-Dschungel zwischen Kolumbien und Panama können lebensgefährlich sein. Kinder erleben Erschöpfung, Hunger und fehlendes Trinkwasser und sind zugleich Gewalt und kriminellen Strukturen ausgesetzt. Dazu gehört auch sexualisierte Gewalt.

Sie treten die Flucht nicht allein an, aber sie laufen natürlich während der Flucht Gefahr, von ihren Eltern, von ihren Verwandten getrennt zu werden.

Kinder erleben außerdem die Angst und Verzweiflung ihrer Eltern unmittelbar mit. Viele erreichen Transit- oder Zielländer deshalb körperlich erschöpft und psychisch schwer belastet. Angebote, um traumatische Erfahrungen aufzuarbeiten, stehen jedoch nur begrenzt zur Verfügung.

4. Was geschieht nach der Ankunft?

Auch nach einer überstandenen Fluchtroute endet die Unsicherheit häufig nicht. Viele Geflüchtete kommen in Länder, die selbst von Armut und schwachen sozialen Sicherungssystemen geprägt sind. Wohnraum, Arbeit und staatliche Unterstützung sind knapp, während Ablehnung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit den Alltag zusätzlich erschweren können.

Für Kinder kommen weitere Belastungen hinzu. Der Zugang zu Schule und Gesundheitsversorgung ist nicht überall gewährleistet. Sprachbarrieren können die Teilhabe zusätzlich erschweren – etwa für haitianische Kinder, die Kreolisch sprechen und in spanisch- oder portugiesischsprachigen Ländern ankommen.

Diese Rechte sind viele Staaten nicht in der Lage einzulösen.

Die Erfahrungen nach der Flucht können damit neue Belastungen schaffen, statt den Kindern unmittelbar die erhoffte Sicherheit zu geben.

5. Welche Rechte haben Kinder auf der Flucht?

Kinder verlieren ihre Rechte nicht, weil sie ihr Herkunftsland verlassen haben. Die UN-Kinderrechtskonvention schützt unter anderem ihr Recht auf Bildung und Gesundheitsversorgung sowie auf Schutz vor Diskriminierung, Ausbeutung und Gewalt.

Für Kinder auf der Flucht besteht jedoch häufig eine große Lücke zwischen diesen verbrieften Rechten und ihrer Lebenswirklichkeit. Wenn Schulen sie nicht aufnehmen, medizinische Versorgung fehlt oder Schutz vor Gewalt nicht gewährleistet werden kann, bleiben grundlegende Kinderrechte uneingelöst.

Diese Kinder haben nicht deshalb, weil sie auf der Flucht sind, kein Recht mehr auf Bildung.

Gerade deshalb geht es bei der Unterstützung nicht nur um humanitäre Hilfe. Es geht auch darum, bestehende Rechte gegenüber staatlichen Institutionen durchzusetzen.

6. Wie helfen kirchliche Organisationen?

Kirchliche Organisationen, Gemeinden und Freiwillige übernehmen dort Aufgaben, wo staatliche Angebote nicht ausreichen. Sie schaffen beispielsweise geschützte Räume, in denen Kinder spielen und für eine Zeit wieder Alltag erleben können. Solche „Child Friendly Spaces“ sollen Kindern helfen, mit belastenden Erfahrungen umzugehen.

Weitere Angebote betreffen Bildung und Gesundheit. Kirchliche Organisationen unterstützen Schulen dabei, Kinder aufzunehmen, organisieren Sprachförderung oder helfen beim Zugang zu medizinischer Grundversorgung. Auch juristische Unterstützung und die politische Arbeit für die Rechte von Geflüchteten gehören dazu.

Wir leisten einfach eine Support-Arbeit, die es ermöglicht, diese Kinderrechte einzulösen.

Die Unterstützung reicht damit von unmittelbarer humanitärer Hilfe bis zur langfristigen Arbeit an gesellschaftlichen und staatlichen Strukturen. Angesichts der großen Zahl betroffener Kinder erreichen die vorhandenen Angebote jedoch längst nicht alle, die Unterstützung benötigen.

Die Antworten auf dieser Seite basieren auf dem Gespräch mit Jürgen Schübelin im EMW-Podcast „Zeit für Mission“. Die Aussagen wurden für die schriftliche Darstellung redaktionell gekürzt und sprachlich geglättet.

Über „Zeit für Mission“

Im Podcast „Zeit für Mission“ spricht Host Tanja Stünckel mit Menschen aus Kirche, Mission und Ökumene. Im Mittelpunkt stehen weltweite kirchliche Beziehungen sowie Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden, Glauben und gesellschaftlicher Verantwortung.

Moderation + Produktion: Tanja Stünckel
Gast: Jürgen Schübelin
Länge: 30 Minuten
Veröffentlichung: 29.04.2024
Podcast: Zeit für Mission – Evangelische Mission Weltweit

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